Im Jahr 1981 kam Wolfgang Petersens „Das Boot“ ins Kino. Das Drama um die Besatzung von U 96 sollte ein Antikriegsfilm sein. Doch es entstand auch ein Kult um die Männer an Bord, der Einiges über die emotionale Verfassung der Bundesrepublik aussagte.Vielleicht war der Gentleman einst ein britischer Besatzer gewesen und nach dem Mauerfall in Berlin geblieben, vielleicht war er einer der wenigen Insulaner, die sehr gutes Deutsch sprachen. Eines aber stand fest: Der Mann, der Ende der 1990er-Jahre im Rahmen einer Retrospektive im Kino saß, verfügte über die Gabe eines lakonischen Urteils.Gerade hatten auf der Leinwand britische Bomber ein deutsches U-Boot versenkt, das nach einer verstörenden Feindfahrt in den Stützpunkt La Rochelle zurückgekehrt war, der Abspann lief – und der Brite blickte seinen deutschen Nachbarn an, hob die Augenbrauen um einen halben Millimeter und sagte exakt ein Wort: „Finally.“Dem Deutschen war klar, dass darauf nichts mehr folgen würde. Für Briten erzählte Wolfgang Petersens „Das Boot“ eine Heldengeschichte über Soldaten, die möglichst viele ihrer Schiffe versenken und Landsleute töten sollten. Wenn dagegen Angehörige der deutschen Kulturszene vom TV-Ansager bis zum Großdeuter auf den Film zu sprechen kamen, machte sich häufig eine seltsame Stimmung breit: Halb herrschte Betroffenheit – was das eigene Volk Grausames angerichtet hatte! –, halb suhlte man sich in der Zufriedenheit, einer Nation anzugehören, die ihre dunkle Geschichte durch Werke wie dieses aufarbeitete.Lesen Sie auchUnzweifelhaft hatte die Haltung eine Menge Vorteile, deren größter wohl war, dass die Position keine große intellektuelle Anstrengung erforderte. Doch die Interpreten übersahen nicht nur, wie das Werk bei den ehemaligen Gegnern Deutschlands wirken musste, es faszinierte auch vor allem junge Männer. Im Mittelpunkt standen die Figuren des Kommandanten (Jürgen Prochnow) und des Zweiten Wachoffiziers (Martin Semmelrogge). Die beiden hatten für Hitlers kaputte Welteroberungspläne nur Verachtung übrig.Der Kriegsberichterstatter Leutnant Werner (Herbert Grönemeyer) und der Leitende Ingenieur (Klaus Wennemann) hatten ebenfalls ihre Fans. Der einzige Unsympath an Bord war der Erste Wachoffizier (Hubertus Bengsch) – doch dessen Freude an allem, was mit Nationalsozialismus zu tun hatte, inszenierte Petersen arg stereotyp. So stieg „Das Boot“ in den Jahren nach seiner Kinopremiere 1981 in der Bundesrepublik eher zum Kultfilm auf, als dass weite Teile des Publikums das Opus als Antikriegsfilm begriffen hätten.Lesen Sie auchDieser Zwiespalt war schon bei den Reaktionen auf das Buch zu beobachten gewesen, das Lothar-Günther Buchheim 1973 vorgelegt hatte. In dem Roman beschrieb er Szenen, die er an Bord deutscher Boote als Kriegsberichterstatter erlebt hatte, unter anderem während Patrouillen mit U 96. Dessen mit hohen Orden dekorierter Kommandant Heinrich Lehmann-Willenbrock beeindruckte Buchheim so stark, dass der Autor ihn zum Vorbild für den „Alten“ im Roman machte.Lesen Sie auchDessen Handlung ist klar aufgebaut: An die wüste Abschiedsfeier im Stützpunkt La Rochelle schließen sich Wochen ohne Feindkontakt an, im Kriegsmarine-Jargon eine „Gammelfahrt“ genannt. Vom ersten britischen Geleitzug-Verband bekommt U 96 nur einen Zerstörer durchs Periskop zu sehen – der das Boot prompt bemerkt und mit Wasserbomben verfolgt. Nach Tagen in einem Sturmgebiet läuft den Deutschen ein zweiter Konvoi vor die Torpedorohre. Diesmal versenken sie drei Schiffe, entkommen aber nur äußerst knapp.Als es in den Stützpunkt zurückgehen soll, erhält das Boot den Befehl, durch die von den Briten kontrollierte Meerenge von Gibraltar ins Mittelmeer einzudringen. Dieser Versuch scheitert, zeitweise liegt die Mannschaft in 280 Metern Tiefe – die Werftgarantie betrug beim VIIC-Typ 90 Meter –, nur durch höchste Anstrengung des technischen Personals um den Leitenden Ingenieur gelingt es, noch einmal aufzutauchen. Bei der Rückkehr in den französischen Stützpunkt stirbt der Großteil der Besatzung bei einem Luftangriff.Buchheims Erzählhaltung pendelt zwischen zwei Extremen hin und her: Einmal sind da reportagehafte Passagen, die einem eine Ahnung davon geben, wie es sich anfühlte, in einer Hülle aus Stahl zu sitzen, die sich in jedem Moment in einen Sarg verwandeln konnte. Die Technik, die Erfolglosigkeit der ersten Wochen, die rhetorischen Schweinereien, mit denen sich die Unteroffiziere Luft verschaffen – all das führt zu einer beispielhaften Anschaulichkeit. Dagegen steht der Pennäler-Ästhetizismus des Autors, also seitenweise Beschreibungen von Himmel und Meer, von denen nichts hängenbleibt, außer dass sie nerven.Der verklärenden Memorial-Literatur etwas entgegengesetztUnbestritten ist Buchheims Verdienst, mit seinem Buch der verklärenden Memorial-Literatur etwas entgegengesetzt zu haben, die zuvor erschienen war. Von den 39.000 deutschen U-Boot-Männern des Zweiten Weltkriegs blieben mehr als 30.000 auf See. Autoren wie Jochen Brennecke schrieben über dieses Fiasko in den 50er-Jahren eine Mischung aus Jubelprosa und Seemanns-Kitsch, die ins Groteske überspitzte Helden in die Welt setzte und den Mythos der ritterlichen deutschen U-Waffe noch einmal befeuerte.Auch Buchheims „Alter“ und die Seinen hatten rasch eine Gemeinde treuer Jünger, aber der Autor hatte sich Feinde gemacht. Die Kommandanten Karl Friedrich Merten und Kurt Baberg brachten ein Buch heraus mit dem Titel: „Nein! So war das nicht! Eine Anti-Buchheim-Schrift“. Die Deutungsschlacht um den Krieg im Atlantik verloren sie allerdings. Zum einen hatten Weltkriegssoldaten fünf Jahre nach den 68ern außerhalb des Kreises ihrer ehemaligen Kameraden schlechte Konjunktur, zum anderen stammte der Text eindeutig von Amateuren.Die Dreharbeiten für „Das Boot“ im Jahr 1981 gehören zu den legendärsten des deutschen Nachkriegsfilms. Petersen inszenierte an zwei Schauplätzen: Für die Innenaufnahmen ließ er eine Attrappe auf dem Gelände der Bavaria-Filmstudios in Geiselgasteig bei München errichten. Auch in La Rochelle entstanden Szenen. Die Bewohner des französischen Orts direkt an der Atlantikküste waren erstaunt, dort gut 35 Jahre nach Kriegsende wieder Deutsche in Marine-Uniformen zu erleben. Doch das klärte sich rasch auf – die Crew bestand aus der Elite der westdeutschen Nachwuchs-Schauspieler, und die ließ es sich auch nach Feierabend recht gut gehen.Die Aufnahmen in Geiselgasteig gerieten dagegen zur Tortur. Um die Wasserbomben und den Sturm möglichst authentisch wirken zu lassen, stand die Boots-Attrappe auf einer Wasser-Rüttelwippe, die echte Seekrankheit auslösen konnte. Im Inneren war es wegen der Scheinwerfer äußerst warm, das hieß: Die Maskenbildner konnten die Gesichter der Schauspieler nicht schminken. Im Verlauf der Dreharbeiten sahen die Darsteller tatsächlich immer abgezehrter aus, genau wie die Besatzungen der Weltkriegs-Boote.Petersen holte eigens den Kommandanten Heinrich Lehmann-­Willenbrock als Berater ans Set. Gern hätte der Regisseur wohl auch ­Friedrich ­Grade dabeigehabt, den Leitenden Ingenieur von U 96. Doch der sagte ab: Das Tagebuch, das er heimlich an Bord geführt hatte, widersprach ­Buchheims Erinnerungen in vielen Punkten. Sein Fazit lautete: „Als Berater hätte ich den Film, dessen Sprache mir in Teilen zu vulgär ist, womöglich torpediert.“Miese Stimmung verbreitete auch Buchheim höchstselbst: Er fand die Kinofassung misslungen, die Petersen aus seinem Material gemacht hatte. Die bedrückende Atmosphäre seines Buchs sei durch Hollywood-Klischees verwässert worden, ließ der ehemalige Kriegsberichterstatter wissen. Erst als die ARD 1985 die fünfeinhalbstündige Serienfassung ausstrahlte, fand der Autor lobende Worte.„Die Tommies müssen sich ja schämen, wenn sie sehen, wer ihnen die Hölle heiß macht“Das ging dem deutschen Feuilleton genauso – häufig war 1985 davon die Rede, dass die Serie viel tiefere Einblicke in die Psyche der Besatzung erlaube; Petersen sei es gelungen, die U-Boot-Fahrer als Menschen zu zeigen, indem er ihre Charaktere nicht ins Heldenhafte überhöht habe. Das stimmt und stimmt nicht, wie sich besonders gut an der Figur des „Alten“ zeigen lässt. Der ist weder eine von Hitlers Propagandafiguren, noch führt er die Besatzung allzu autoritär.Im Verlauf der Serie schimpft der Kommandant mehrfach auf die „Herren in Berlin“, er fordert vom Berichterstatter, keine Fotos von auslaufender, sondern nur von einlaufender Besatzung zu machen: „Weil sie dann Bärte haben. Die Tommies müssen sich ja schämen, wenn sie sehen, wer ihnen die Hölle heiß macht. Milchgesichter, Säuglinge, die eher an die Mutterbrust gehören – der reinste Kinderkreuzzug.“ So spricht ein Antiheld, also jemand, der die Dinge durchschaut, sie aber nicht ändern kann. Durch diese Distanz zu den Dingen gewinnt der „Alte“ das Vertrauen der Zuschauer.Ganz allgemein hält die Besatzung übermenschlichen Druck aus, ohne große Worte zu verlieren. Diese Coolness nötigt einem Bewunderung ab, man will rasch nicht mehr, dass den Männern etwas Schlimmes zustößt. Als in Gibraltar das Ende unvermeidlich scheint, muss man schon aus Braunkohle sein, um kein Mitleid zu empfinden. Endgültig gemeinsame Sache mit der Besatzung macht Petersen nach dem Auftauchen in der Meerenge. Der Kommandant steht mit dem Ersten Wachoffizier auf der Brücke und brüllt triumphierend über die Gegner: „Sie sehen uns nicht, 1WO. Liegen alle in ihren Kojen und pennen! Wissen Sie was? Die sitzen im Casino und feiern unsere Versenkung! Not yet, Kameraden, not yet!“Lesen Sie auchHinzu kommt noch Klaus Doldingers hervorragende musikalische Untermalung vom melancholischen Thema bis zur Angriffsfanfare. Ohne das harte Ende wäre der Film ins Schwärmerische gekippt – so aber ist es möglich, ihn als Mahnung zu verstehen. Doch öffnete das Werk eben auch viele Möglichkeiten, sich mit den Akteuren zu identifizieren, und das passierte häufig.Wie sehr sich „Das Boot“ ins kollektive Bewusstsein der Deutschen eingebrannt hat, belegt, dass ab 2016 Fortsetzungen der Serie unter dem gleichen Titel herauskamen. Dort nahmen Frauen an Land beträchtlichen Raum ein – mit kommerziellem Erfolg. Inwieweit diese Teile noch mit dem Original zu tun haben, ist eine andere Frage. Dessen Ambivalenzen sagen womöglich mehr über die Deutschen aus, als ihnen lieb sein kann.Hintergrund: Mythos und RealitätDer Mythos um die deutsche U-Boot-Waffe entstand vor allem in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs. Nur 56 Boote hatte die Marine zu Beginn zur Verfügung, ein Großteil davon war nicht für die Schlacht im Atlantik geeignet. Doch bereits im Oktober 1939 gelang es U 47 unter dem Kommando von Günther Prien, in die britische Seefestung Scapa Flow einzudringen und dort das Schlachtschiff „Royal Oak“ zu versenken. Die Propaganda machte Prien und die Besatzung zu Helden. Obwohl die Briten rasch in den deutschen Funkschlüssel „Enigma“ einbrachen, gelang es Kommandanten wie Otto Kretschmer mit U 99, Joachim Schepke mit U 100 und Buchheims Buch-Vorbild Heinrich Lehmann-Willenbrock mit U 96 zunächst, britische Schiffe en masse zu versenken. Die Briten ließen stark gesicherte Geleitzüge auslaufen, die Deutschen griffen in Rudeln aus mehreren Booten an, die ihre Basen in Atlantik-Orten wie La Rochelle im besetzten Frankreich hatten. Die für die Deutschen tödliche Wende trat im Mai 1943 ein: Britischen Konstrukteuren war es gelungen, das Radarsystem klein genug für die Cockpits ihrer Flugzeuge zu machen. Damit konnten sie die Boote anpeilen, wenn sie über Wasser fuhren, und mit Wasserbomben vernichten.Der überwältigende Teil der 30.000 deutschen U-Boot-Männer, die auf See ihr Leben ließen, starb in den letzten beiden Kriegsjahren. Die deutsche Seekriegsleitung unter Karl Dönitz schickte in dieser Zeit Boote in die Schlacht, deren Aussicht auf eine Wiederkehr so gut wie nicht vorhanden war.Als Achtjähriger nahm Philip Cassier 1982 an einer Tour durch die Bavaria Filmstudios teil. Es regnete stark – und als er vor der Attrappe für „Das Boot“ angekommen war, wollte er rasch hinein ins Trockene. Dort war es derartig eng und laut, dass er sich gruselte wie nie zuvor. Die Faszination ist geblieben.