PfadnavigationHomeGeschichteSeiner Majestät U-Boot U-16„Jener neue Menschentypus, den der Unterwasserkrieg hervorgebracht hat“Veröffentlicht am 25.09.2025Lesedauer: 7 MinutenBildpostkarte von Seiner Majestät Unterseeboot U-16, hier noch ohne BordkanoneQuelle: Wikimedia / Public DomainDas Wrack des 1919 gesunkenen U-Bootes U-16 ist teilweise gehoben worden. Interessant an dem Tauchboot ist vor allem die Geschichte seines ersten Kommandanten Klaus Hansen. War er ein beispielhafter Seeheld – oder ein Pirat?Der Kommandant gab sich erstaunlich offen. Kapitänleutnant Klaus Hansen, der Seiner Majestät Unterseeboot U-16 befehligte, gab nach der Ablösung von diesem Kommando und vor der Versetzung auf ein neueres U-Boot, das U-41, dem deutschstämmigen US-Kriegsberichterstatter Karl Henry von Wiegand ein ausführliches Interview. Ab dem 29. März 1915 brachten verschiedene englischsprachige Blätter in den USA seinen Artikel in abweichenden Versionen, unter anderem die „New York World“ und der „Boston Globe“. Der Journalist, tätig für die Nachrichtenagentur United Press, beschrieb seinen Gesprächspartner geradezu euphorisch: „Er ist 32 und sieht aus wie 26. Wie andere dieser U-Boot-Offiziere, denen ich begegnet bin, hat er weiche, fein gemeißelte, zarte Züge, klare, feste Augen, eine schlanke, geschmeidige Figur und besitzt jene bewegliche Elastizität der stählernen Nerven, die stets bereit ist zum sofortigen Handeln, zu schnellen Entschlüssen und größter Geistesanspannung.“Wiegand, 1874 in Elsass-Lothringen geboren, zeigte sich ernsthaft beeindruckt: „Im Ganzen machen solche Männer einen unvergesslichen Eindruck, wie wenn sie nur ein Teil des delikaten Mechanismus ihrer Unterseeboote wären, deren Augen und Gehirne sie wirklich sind.“So viel Begeisterung für deutsche U-Boot-Kommandanten vermochten britische Kollegen nicht zu teilen. Mehrere Blätter fassten Wiegands Artikel sachlich zutreffend, aber mit ganz anderer Wendung zusammen. Die im damaligen Bombay erscheinende, aber von englischen Journalisten geleitete „Times of India“ beispielsweise betitelte ihren Bericht über den U-16-Kommandanten unmissverständlich: „Gespräche mit einem Piraten“.Was war der (in den meisten englischsprachigen Blättern „Claus Hansen“ genannte) Offizier nun? Ein „glänzendes Beispiel jenes neuen Menschentypus, den der Unterwasserkrieg hervorgebracht hat“, wie Wiegand meinte – oder schlicht ein Seeräuber?Lesen Sie auchIn der Nacht vom 31. August zum 1. September 2025 gelang die Bergung von Seiner Majestät Unterseeboot U-16 aus der Nordsee vor Scharhörn nur zum Teil: Das Wrack des 1919 gesunkenen Bootes zerbrach beim Heben. Dennoch gibt die Aktion Anlass, sich mit dem ersten zumindest zeitweise unter Wasser geführten Krieg der Geschichte zu befassen.Lesen Sie auchVor dem Ersten Weltkrieg hatte sich die deutsche Marinepolitik auf den Aufbau der Hochseeflotte konzentriert, in deren mehr als 60 moderne Kreuzer, Schlachtkreuzer und Schlachtschiffe seit 1890 mehrere Milliarden Goldmark flossen. Jedoch erwies sich diese gigantische Investition (für die der Staat sogar eine spezielle Geldbeschaffungsmethode erfand, die bis heute gilt: die Sektsteuer) als verfehlt. Die Hochseeflotte lief nur selten aus und führte nur eine einzige größere Seeschlacht, Ende Mai 1916 im Skagerrak gegen die zahlenmäßig deutlich überlegende Grand Fleet der Royal Navy. Taktisch erzielten die Deutschen zwar durchaus einen Erfolg, denn sie versenkten mehr gegnerische Schiffe, als sie selbst Verluste erlitten – doch strategisch erwies sich das Wettrüsten in Großkampfschiffe als Irrweg.Anders sah es, mindestens zunächst, bei der relativ jungen Waffe U-Boote aus. Vergleichsweise kleine, nur einige Hundert Tonnen verdrängende Unterseeboote konnten sogar feindlichen Kreuzern überlegen sein, wie die Versenkung der drei (allerdings technisch bereits veralteten) Panzerkreuzer HMS „Aboukir“, „HMS „Hogue“ und HMS „Cressy“ am 20. September 1914 durch das Unterseeboot U-9 binnen nur 75 Minuten zu beweisen schien. Da die Royal Navy schon bald nach Kriegsbeginn im August 1914 erfolgreich den Ärmelkanal und die Nordsee blockierte und Deutschland so von dringend benötigten Importen aus Übersee abschnitt, fühlte sich die deutsche Marineleitung zu einer Gegenblockade der britischen Inseln mittels Unterseebooten berechtigt. Anfang 1915 wurde zum ersten Mal der praktisch unbeschränkte U-Boot-Krieg angeordnet. Damit durften U-Boot-Kommandanten fortan nicht nur feindliche Kriegsschiffe versenken, sondern auch ohne Vorwarnung Handels- und andere Passagierschiffe unter der Flagge kriegsführender Staaten direkt angreifen. Das war ein klarer Verstoß gegen die hergebrachten Regeln des Kreuzerkrieges, denen zufolge gegnerische Zivilschiffe zwar aufgebracht werden durften. Der Besatzung musste jedoch die Möglichkeit gegeben werden, ungehindert die Rettungsboote zu besteigen – erst danach war eine Versenkung zulässig.Lesen Sie auchAb August 1914 zeigte sich rasch, dass die neue Waffe Unterseeboot zum traditionellen Kreuzerkrieg nicht passte. Der große Vorteil der Tauchschiffe war ja, dass sie verdeckt angreifen konnten. Außerdem schickte die Royal Navy als Zivilschiffe getarnte U-Boot-Jäger, sogenannte Q-Ships los. Wenn ein deutsches U-Boot auftauchte und das Q-Ship zur Aufgabe und zum Verlassen des Schiffes aufforderte, feuerten die Marinesoldaten an Bord mit getarnten Geschützen auf das U-Boot. So blieb umstritten, wer tatsächlich als Erster die Regeln des hergebrachten Kreuzerkrieges verletzt hatte.Im Zuge dieses Ringens auf einer höheren Ebene des Kriegsrechts wurden U-Boot-Kommandanten zu Helden oder Bösewichtern – je nach Perspektive. So auch Klaus Hansen. Wiegand ließ ihn über seine jüngste Feindfahrt im Ärmelkanal an Bord von U-16 berichten: „Der Nebel war so dick, dass ich nicht weit sehen konnte. Ich musste für Stunden tauchen.“ Dann kam U-16 „in der Nähe eines kleinen englischen Schilfes“ zurück an die Wasseroberfläche (die frühen U-Boote konnten nur kurze Zeit unter Wasser bleiben). „Ich befahl der Mannschaft, in die Boote zu gehen, und torpedierte es dann“, sagte Hansen: „Als eine Zahl von französischen Zerstörern Jagd machte, entging ich ihnen durch Untertauchen.“ Allerdings ist unklar, um welches Schiff es sich gehandelt haben könnten – die Liste der Versenkungen von U-16 führt keinen Erfolg gegen ein „kleines englisches Schiff“ auf. Sondern nur die Versenkung der 3289 Tonnen großen „Dulwich“, deren Ende am 15. Februar 1915 Hansen ausführlich beschrieb: „Am selben Abend hielt ich gegenüber von Le Havre die ,Dulwich‘ an und gab der Mannschaft zehn Minuten Zeit, in die Boote zu gehen – in weniger als fünf Minuten war sie unten“, erzählte der U-16-Kommandant voll Stolz: „Unser Torpedo bohrte ein Loch unter den Schornstein.“ Diese Versenkung ist dokumentiert.Ebenso der nächste Erfolg von U-16: der 997 Tonnen kleine französische Dampfer „Ville de Lille“. Ebenfalls am 15. Februar (und nicht, wie Hansen berichtete, „am nächsten Tage“) ließ er sein Boot Cherbourg gegenüber auftauchen, „um uns einmal umzusehen“. Just in diesem Moment verließ die „Ville de Lille“ den Hafen: „Er glaubte augenscheinlich, es wäre ein französisches Unterseeboot, das da aus dem Wasser auftauchte, und hisste die französische Flagge; aber dann floh er, ohne auf unsere Signale zu achten.“ Hansen entdeckte „zwei Frauen und zwei Kinder an Deck“ und wollte angesichts dessen den Dampfer nicht torpedieren. Also stoppte er die „Ville de Lille“ auf konventionelle Weise: durch Drohung mit seinem erst kurz zuvor montierten 5-cm-Geschütz. „Die 24 Männer, Frauen und Kinder kletterten eilig in die Boote. Ich schickte vier Mann an Bord, die Bomben in den Rumpf legten und den Dampfer zum Sinken brachten.“ Sie fanden außerdem einen kleinen Terrier, der zurückgelassen worden war und sich mit den Zähnen zur Wehr setzte. Aber sie schafften es, den Hund an Bord von Hansens Boot zu bringen: „Seitdem ist er der Liebling von U-16.“Bevor er sein Boot zurück nach Wilhelmshaven brachte, torpedierte Hansen noch zwei große Frachter, die französische „Dinorah“ und die britische „Belridge“, die aber beide „nur“ beschädigt wurden. Zurück im Heimathafen, wurde Hansen seines Kommandos entbunden und zum 1. April 1915 auf das neue Boot U-41 versetzt; sein Nachfolger auf U-16 wurde Oberleutnant Leo Hillebrand.Über den Unterseekrieg erzählte Hansen: „Es geht einem stark auf die Nerven, und nicht jedermann kann es aushalten. Wenn wir in der Nähe des Feindes sind oder die Witterung es notwendig macht, tauchen wir unter. Erst werden alle Öffnungen geschlossen; dann pumpen wir die Luft bis zu einem gewissen Druck aus. Ich beobachte den Barometer, um zu sehen, ob der Druck heruntergeht oder nicht. Ist alles in Ordnung, dann tauchen wir nieder, und eine totenähnliche Stille herrscht in dem Boot.“Hillebrand erwies sich als guter Nachfolger: Unter seinem Kommando lief U-16 im Mai und im September 1915 zu zwei Feindfahrten aus, bei denen insgesamt zehn Handelsschiffe versenkt wurden – allerdings mit einer Ausnahme, des russischen Frachters „Mars“, ausschließlich aus neutralen Ländern: Schweden, Norwegen und Dänemark. Dann wurde auch Hillebrand versetzt, auf das neue Boot U-46; U-16 verließ den aktiven Dienst und blieb als Schulboot im Einsatz. Daran änderte sich bis Kriegsende nichts mehr. Dann sollte das 1911 gebaute, aber längst veraltete Boot 1919 an die Siegermacht Großbritannien ausgeliefert werden; als Übergabeort war Harwich festgelegt. U-16 wurde von einem Schlepper gezogen. Dabei sank das Boot am 8. Februar 1919 in der Nordsee nördlich der zu Hamburg gehörenden Insel Scharhörn – der genaue Grund ist unbekannt.Klaus Hansen übrigens erlebte das nicht mehr: Er hatte noch 1915 vier sehr erfolgreiche Feindfahrten absolviert, auf denen 27 Schiffe mit insgesamt fast 60.000 Tonnen Verdrängungen versenkt wurden. Dann traf U-41 am 24. September 1915 westlich der Bretagne auf das Q-Ship HMS „Baralong“. 35 deutsche Seeleute, darunter Klaus Hansen, gingen mit ihrem Boot unter; nur zwei Überlebende konnten geborgen werden und kamen in Kriegsgefangenschaft. Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.
U-Boot: Todeskampf unter Wasser - Wie Klaus Hansen in die Geschichte einging - WELT
Das Wrack des 1919 gesunkenen U-Bootes U-16 ist teilweise gehoben worden. Interessant an dem Tauchboot ist vor allem die Geschichte seines ersten Kommandanten Klaus Hansen. War er ein beispielhafter Seeheld – oder ein Pirat?






