KI-Brillen erobern die USA: warum Big Tech auf das Gesicht setzt – und Datenschützer davor warnenNach dem Scheitern von Google Glass starten Tech-Riesen den nächsten Anlauf, Kameras in unser Gesicht zu bringen. Die NZZ hat die wichtigsten Modelle getestet.15.08.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenMeta bewirbt seine smarten KI-Brillen der Marke Ray-Ban überall in den USA.Angel Garcia / Bloomberg / GettyNach nur zehn Minuten will ich die smarte Brille schon nicht mehr ablegen. Für ein Foto tippe ich nur kurz an den Brillenrand, Musik schallt über die Bügel direkt in meine Ohren. Den Weg zum nächsten Café projiziert sie in mein rechtes Glas. Die Pfeile zeigen: aus dem Optikerladen raus und dann links. Statt aufs Smartphone starrend durch die Strassen zu irren, muss ich nur in die Brillenecke schielen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Meta Display Glasses zählen zu den führenden KI-Brillen in den USA. Der Mutterkonzern von Facebook, Whatsapp und Instagram brachte sie 2025 auf den Markt. Mit 800 Dollar ist der Verkaufspreis hoch, doch Brillenträgern zahlt die Versicherung etwas dazu. In Europa ist die Brille aus Datenschutzgründen bis jetzt nicht verfügbar.Die Meta Display Glasses haben einen eingebauten Bildschirm im rechten Glas.MetaDas Produkt werde enorm nachgefragt, erzählt der Verkäufer im Brillengeschäft in San Francisco: bei Eltern etwa, die Fotos und Videos ihrer Kinder machen wollen. Unter Sportlern, die ihre Bewegungsmuster filmen. Für öffentliche Auftritte, wenn ein Redner einen diskreten Spickzettel auf der Bühne braucht. Als Kochpartner am Herd.Was ich im eingebauten Display sehe, wähle ich mit Gesten aus: eine Drehbewegung mit den Fingern, ein Antippen von Daumen und Mittelfinger. Das mitgelieferte Armband verwandelt diese in Befehle an die Brille. Es klappt verblüffend einfach, auch wenn meine Handbewegungen für Aussenstehende bizarr wirken dürften.Big Tech scheint überzeugt: Smarte Brillen werden ein Massenprodukt seinDie Meta-Display-Brille ist nur eine von zahlreichen KI-Brillen, die Amerikas Tech-Konzerne zurzeit auf den Konsumentenmarkt bringen. Jeden Monat kommen gerade neue Versionen heraus. Das Spektrum ist breit: Die Firma Even Realities verkauft Brillen mit eingebauten Bildschirmen, aber ohne Kameras – eine Art diskreter Assistent.Die AI Specs der Firma Snap sind das andere Extrem: Sie verfügen über gleich vier Kameras und erweitern den Blick auf die Welt, sind also ein komplettes Augmented-Reality-Headset. Von aussen sehen sie aus wie eine gewöhnliche, etwas klobige Brille.Die KI-Brille von Snap verspricht ein komplettes Augmented-Reality-Headset, komprimiert auf die Grösse einer Brille.PDDie Gesellschaft steuere auf eine neue Ära zu, hört man im Silicon Valley zurzeit ständig: eine Ära, in der neuartige Geräte dafür sorgten, dass künstliche Intelligenz mit unserem Alltag verschmelze. Nun suchen die Firmen nach dem geeigneten Gerät für diese Vision. Infrage kommen Lautsprecher, Stifte oder Pins, die an Kleidern befestigt werden und ihre Umgebung konstant filmen.Die CEO der Big-Tech-Konzerne scheinen überzeugt, dass es eine smarte Brille sein wird, die sich letztlich als neue Plattform durchsetzt. Der Vorteil ist, dass es diese Produktkategorie bereits gibt: Gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben 2,2 Milliarden Menschen eine Sehbeeinträchtigung, weshalb jedes Jahr Hunderte Millionen von Brillen verkauft werden, die wiederum 220 Milliarden Dollar an Umsatz generieren. Mehr und mehr davon könnten schon bald KI-Versionen sein.Doch sind smarte Brillen wirklich die Technologieplattform der Zukunft? Was würden allgegenwärtige Kameras für unsere Gesellschaft bedeuten? Und was die eingebauten Filter, mit denen jeder und jede die eigene Realität verändern kann?Google wagt sich trotz «Glasshole»-Flop erneut an KI-BrillenDas Silicon Valley versucht sich bereits seit Jahren an smarten Brillen, bis jetzt vergebens. Die 2013 auf den Markt gekommene Google Glass wurde einer der grössten Flops der Tech-Geschichte. Nicht weil das Produkt schlecht war, sondern weil die Gesellschaft dafür nicht bereit war. Die Idee, überall insgeheim fotografiert werden zu können, empörte damals gewaltig. Die Träger der Brillen wurden als «Glassholes» beschimpft, in Anlehnung an das englische Schimpfwort.Die Entwicklung der 2013er Version von Google Glass wurde 2023 gänzlich eingestellt.Bild: GoogleInnerhalb weniger Monate nahm Google die Konsumentenversion wieder vom Markt, 2023 wurde auch die Firmenversion eingestellt.Doch nun wagt sich Google wieder an dieses Produktsegment: An der Entwicklerkonferenz I/O im Frühjahr präsentierte der Konzern eine neue, mit Samsung entwickelte smarte Brille, die im Herbst in den USA auf den Markt kommt. Die Brillen «helfen dir im entscheidenden Moment, ohne dich aus dem Geschehen herauszureissen», verspricht die Firma den Kunden.Mit der 2026er Version von Google Glass will der Konzern endlich den Durchbruch mit smarten Brillen schaffen.Bild: GoogleDie NZZ konnte einen Prototyp der Brille testen. Mit rund 50 Gramm ist sie kaum schwerer als eine herkömmliche Sonnenbrille. Ähnlich wie die Meta Display Glasses verfügt Googles Modell über eingebaute Lautsprecher und Kameras, und auch Google kooperierte für das Design mit bekannten Brillenmarken. Denn was man sich ins Gesicht setzt, muss nicht nur funktional sein, sondern vor allem stylisch.Um die KI zu starten, tippt man auf den rechten Brillenrand, oder man sagt «Hey Google». Dann kann man der Brille Fragen stellen – zu allem, was man sieht, hört oder einen gerade beschäftigt. «Hey Google, bestell mir ein Uber. Schreibe eine E-Mail an meinen Mann. Trage mir einen Termin in den Kalender ein.» Zudem kann die KI Gespräche in Echtzeit übersetzen: Wie ein Dolmetscher flüstert sie einem etwa auf Deutsch ins Ohr, was das Gegenüber auf Italienisch gesagt hat. Im Test mit einem Google-Ingenieur funktioniert das reibungslos.In späteren Versionen soll Googles smarte Brille zudem über einen eingebauten Bildschirm verfügen, vergleichbar mit den Meta Display Glasses. Der Vorteil von Google ist jedoch, dass die Brille tief ins Ökosystem des Konzerns integriert ist, von Gmail bis zu Google Maps. Das macht sie als Assistent deutlich nützlicher.Doch aus Datenschutzsicht sind viele Fragen offen: Wie werden Dritte darüber informiert, dass sie gerade aufgezeichnet werden? Welche Informationen werden auf dem Gerät und welche auf Googles Servern gespeichert? Die Antworten stehen aus, ebenso der Verkaufspreis.Meta dominiert den Markt mit 80 Prozent AnteilGoogle will mit den Brillen Meta herausfordern. Die Facebook-Firma ist mit einem Marktanteil von rund 80 Prozent der klare Marktführer bei den KI-Brillen. Im vergangenen Jahr verkaufte die Firma sieben Millionen Stück der Basisversion, die über kein Display verfügt. Das war zwar dreimal so viel wie im Vorjahr. Doch im Vergleich zu den hundert Millionen Smartwatches und der Milliarde Smartphones, die jährlich weltweit verkauft werden, sind KI-Brillen noch ein Nischenprodukt.Gemäss Medienberichten arbeitet Meta zurzeit an einer dritten Version seiner KI-Brille: Diese soll eigenständig alle paar Sekunden Fotos schiessen und Gespräche aufzeichnen. So weiss die KI etwa, wo der Nutzer seine Schlüssel vergessen hat.Der CEO Zuckerberg erklärte das Konzept im Telefonat mit Investoren: Man wolle, dass sich die Brille weiterentwickle zu «einem persönlichen Agenten, der den ganzen Tag bei dir ist, der dich an Dinge erinnert und dir hilft, deine Ziele zu erreichen».Gemäss Medienberichten tüftelt Meta dafür an neuen Funktionen: Mit einer soll man etwa die Gesichter von Personen virtuell beschriften können. Wenn der Nutzer dieser Person später wieder begegnet, erinnert ihn die Brille an deren Namen. Eine andere Funktion soll tagsüber ständig die Stimmung des Nutzers erfassen, etwa wenn er lacht oder seufzt, und darauf basierend Sporttrainingspläne erstellen. Dafür hat Meta jüngst ein Patent beantragt.Die eingebauten Kameras erkennt man als Aussenstehender kaumBerichte über derartige neue Funktionen lösen Aufschreie unter Datenschützern aus. Schon heute ist für Dritte kaum zu erkennen, ob Metas Brillen gerade aufzeichnen: Die eingebauten Kameralinsen am Brillengelenk könnte man auch für Schrauben halten. Und das Lämpchen, das bei Aufnahmen anspringen soll, übersieht man im Sonnenlicht leicht.Die Kameralinsen in Metas Ray-Ban-Brille könnte man auf den ersten Blick auch für Schrauben halten.ReutersHinzu kommt, dass Meta einen miserablen Leistungsausweis beim Schutz von Nutzerdaten hat. Auch bei der KI-Brille werden alle Daten zunächst an Metas Server weitergeleitet, berichtet die Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation. Zudem speichert Meta Audiodateien automatisch so lange, bis man sie händisch löscht.Gerichte in New York, Wisconsin und Pennsylvania haben smarte Brillen in Gerichtssälen bereits verboten. Die Kreuzfahrtfirma Royal Caribbean untersagt die Geräte in den Toiletten, Kasinos und Kinderbereichen ihrer Schiffe. Vereinzelt sieht man nun auch in Schulen, Fitnessstudios, Spitälern und Kinos in den USA Verbotsschilder für KI-Brillen.Ohnehin ist in Kalifornien, Illinois und einigen anderen Gliedstaaten das Aufzeichnen einer Konversation ohne explizites Einverständnis verboten. Meta scheint jedoch darauf zu hoffen, dass sich die sozialen Normen verschieben und dass Datenschutzbedenken bald weichen – ähnlich wie dies bei sozialen Netzwerken geschehen ist.Auch Apple soll an smarten Brillen tüftelnApple als führender Konzern für Konsumententechnologie hat bisher keine smarte Brille angekündigt – noch nicht. Denn die in puncto Apple oft bestens informierte Agentur Bloomberg berichtet von Plänen für eine KI-Audiobrille für 2027. Mit dem Headset Vision Pro hatte die Firma bereits 2024 den ersten Schritt in diese Richtung gemacht.Noch dazu dürfte der designierte CEO John Ternus das Produkt vorantreiben, begann er doch seine eigene Karriere als Hardware-Ingenieur für Virtual-Reality-Headsets.Gemäss Bloomberg sorgt man sich bei Apple jedoch zurzeit, dass Metas dreister Ansatz beim Fotografieren und Filmen für einen öffentlichen Backlash gegen die Brillen sorgen wird. Entsprechend tüfteln Apples Ingenieure bereits an neuen Funktionen für Brillen, die die Privatsphäre der Nutzer und unbeteiligter Dritter schützen sollen – und mit denen sich Apple von der Konkurrenz abgrenzen kann.Der Konzern verspricht bereits heute für seine Vision-Pro-Headsets, dass alle Daten auf dem Gerät bleiben und auch dort verarbeitet werden und Apple diese nicht zum Training von KI-Modellen verwendet.Experten zweifeln am gesellschaftlichen DurchbruchDoch auch Experten befürchten, dass sich der «Glasshole-Effekt» wiederholen könnte: dass die smarten Brillen auch diesmal an Datenschutzbedenken und einem öffentlichen Backlash scheitern.Jeremy Bailenson, Stanford-Professor.Bild: StanfordDas Problem sei, dass man nicht wisse, was andere durch ihre Brille sähen, sagt Jeremy Bailenson von der Universität Stanford, einer der führenden Wissenschafter auf dem Gebiet der Psychologie von Virtual und Augmented Reality. «Verpasst du mir durch deine Brille gerade einen Schnurrbart, oder ziehst du meine Kleider aus? All das wäre technologisch möglich.»Mediengebrauch vorherzusagen, sei aber schwierig, sagt Bailenson. Auch setzten die Tech-Konzerne zurzeit alles daran, dass Nutzer die Brillen den ganzen Tag tragen könnten, deswegen machten sie die Brillen immer kleiner und leichter und vermarkteten sie nun mit Pop-Stars wie Kylie Jenner. «Sie wollen ein KI-Modell deiner Welt erstellen – das war schon immer ein langfristiges Ziel.»Doch Bailenson bezweifelt, dass die smarten Brillen wirklich den breiten Durchbruch haben werden, den sich Big Tech erhofft. Es brauchte einen «überwältigenden, lebensverändernden und problemlösenden Anwendungsfall für die smarten Brillen, für den ich es in Kauf nehmen würde, von anderen als ‹Glasshole› bezeichnet zu werden». Aber einen so ansprechenden «use case» habe er bisher nirgends gesehen.Passend zum Artikel