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Niedrigwasser: Lkw sollen fehlende Schiffe ersetzen – „Tropfen auf den heißen Stein“ 15 Bundesländer geben Lkw wegen des Niedrigwassers sonntags freie Fahrt. Doch die Maßnahme verspricht mehr Entlastung, als sie wirklich liefern kann.

Können Lkw die Transporte übernehmen, die wegen des niedrigen Rheinpegels derzeit nicht per Schiff möglich sind? Foto: IMAGO/Sven SimonFällt ein Schiff aus, müssen je nach Größe 40 bis zu 100 Lkw einspringen. So lautet die vereinfachte Rechnung für die Verlagerung vom Rhein auf die Straße. Doch aufgehen dürfte sie kaum.Deutschlands wichtigsten Wasserstraßen fehlt das Wasser. Rhein, Elbe und Donau erreichten zuletzt historische Tiefstände, wie aktuelle Satellitenbilder zeigen. An der für die Rheinschifffahrt entscheidenden Engstelle bei Kaub sank der Pegel auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1880. Viele Schiffe können nur noch einen Bruchteil ihrer üblichen Ladung aufnehmen, auf Teilen von Elbe und Donau ist der Verkehr bereits nahezu zum Erliegen gekommen.Welche Dimension ein solcher Ausfall erreichen könnte, zeigt eine Berechnung der Deutschen Industrie- und Handelskammer: Sinkt die durchschnittliche Frachtkapazität auf dem Rhein um 25 Prozent, können monatlich knapp drei Millionen Tonnen Güter weniger transportiert werden. Das entspricht rund 120.000 Lkw-Ladungen. Weder auf der Straße noch auf der Schiene stehen dafür annähernd genug Reserven bereit.Es fehlen die Lkw-FahrerUm zumindest einen Teil davon aufzufangen, haben inzwischen 15 Bundesländer das Sonn- und Feiertagsfahrverbot für Lkw gelockert. In den meisten Ländern gilt die Ausnahme für niedrigwasserbedingte Transporte bis Ende August, in Rheinland-Pfalz und im Saarland bis Ende September. Doch der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) warnt: Die Maßnahme könne den Transportmangel kaum lindern.Der entscheidende Engpass sitzt nach Einschätzung von BGL-Präsident Dirk Engelhardt hinter dem Steuer. In Deutschland fehlen laut dem Verband mehr als 100.000 Berufskraftfahrer – bei insgesamt rund 535.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Und die Lücke wächst: Etwa jeder dritte Fahrer ist älter als 55 Jahre. Jährlich gehen rund 35.000 in Rente – doppelt so viele, wie neu in den Beruf einsteigen.Niedrige Pegelstände Niedrigwasser im Rhein wird zur ersten Probe für den neuen Verkehrsminister Aufgrund der Rekord-Niedrigstände im Rhein berät die Bundesregierung über Gegenmaßnahmen. Verkehrsminister Steffen Bilger lädt zu einem Spitzengespräch ein. Auch die vorhandenen Fahrer können nicht einfach mehr übernehmen. Die Lockerung hebt lediglich das Sonntagsfahrverbot auf; gesetzlich vorgegebene Lenk-, Pausen- und Ruhezeiten bleiben unverändert. Pro Woche dürfen Fahrer höchstens 56 Stunden am Steuer sitzen, innerhalb von zwei Wochen maximal 90 Stunden. „Wer seine zulässige Lenkzeit bereits ausgeschöpft hat, erhält durch die Sonntagsausnahme keine einzige zusätzliche Fahrstunde“, konstatiert Engelhardt.Trotzdem könnte die Maßnahme für etwas mehr Flexibilität bei der Einsatzplanung sorgen, erklärt der BGL. Wer seine Ruhezeit absolviert und noch Lenkzeit übrig hat, kann diese laut BGL nun auch sonntags nutzen. Kai-Oliver Zander, Partner der Unternehmensberatung Arthur D. Little und Experte für globale Lieferketten, sieht den Vorteil vor allem bei notwendigen Leerfahrten. Rund jeder dritte Lkw auf deutschen Straßen sei zeitweise ohne Ladung unterwegs. Wird ein Fahrzeug am Samstagabend entladen und soll am Montagmorgen andernorts neue Ware aufnehmen, kann es jetzt dank der Ausnahme bereits am Sonntag dorthin gebracht werden.Es fehlen die nötigen FahrzeugeDer Containerlogistiker Contargo nutzt die Regelung bereits für zusätzliche Lkw-Verbindungen ins Mittelrheintal und an den Niederrhein, um die Anbindung an die Seehäfen aufrechtzuerhalten. Damit entstehe zwar echte zusätzliche Transportleistung. Doch auch sonntags könne ein Lkw nur einen einzelnen Container befördern, zudem müssten dafür Fahrer mobilisiert werden. Gemessen an den ausgefallenen Schiffskapazitäten sei die Lockerung daher nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“.Das grundsätzliche Kapazitätsproblem löst die Ausnahme also nicht. Für Zander greift es ohnehin zu kurz, nur Lkw und Fahrer zu zählen: Nicht jedes Fahrzeug eignet sich für jede Schiffsladung. Der gewöhnliche 40-Tonner befördert vor allem Paletten, Kisten oder Maschinen. Auf Binnenschiffen fahren dagegen häufig Schütt- und Flüssiggüter wie Kohle, Erz, Getreide oder Mineralöl – lose Ware also, die in großen Mengen gekippt oder gepumpt werden muss. Innerhalb weniger Tage und Wochen seien die dafür benötigten Spezialfahrzeuge nicht ausreichend verfügbar, so Zander.Rhein-Niedrigwasser Wenn die Dürre den Rhein lahmlegt, sollen diese Schiffe helfen Speziell konstruierte Schiffe ermöglichen Transport auch bei extrem niedrigen Wasserständen. Wie die Technik funktioniert – und wo ihre Grenzen liegen. von Thomas KuhnDie Infrastruktur entlang des Rheins ist ebenfalls auf den Schiffstransport zugeschnitten. „Das Schiff ist auch eine Art Lagerort, der sich über den Rhein bewegt und aus dem viele Werke ihre Rohstoffe direkt entnehmen“, erklärt Zander. Wechselt die Ladung auf die Straße, braucht es plötzlich Zwischenlager, geeignete Pump- und Umschlaganlagen und verfügbares Personal. Entscheidend sei daher, ob sich eine solche, deutlich stärker fragmentierte Lieferkette überhaupt organisieren lasse.Für Zander beginnt gutes Risikomanagement deshalb lange vor der Krise. Unternehmen müssen wissen, bei welchem Pegel ihre Versorgung ins Stocken gerät, wie lange ihre Vorräte reichen und wann sie auf andere Transportwege ausweichen müssen. Die nötigen Kapazitäten und Dienstleister müssen bis dahin längst gesichert sein.Einige Unternehmen haben aus dem Extremniedrigwasser 2018 gelernt. BASF etwa investierte danach in zusätzliche Niedrigwasserschiffe, größere Lager und weitere Transportmöglichkeiten. Das zahlt sich heute aus: Nach Angaben des Konzerns konnte der Binnenschifftransport zunächst weitgehend aufrechterhalten werden. Bei den aktuellen Pegelständen stoßen jedoch auch die Spezialschiffe an ihre Grenzen; inzwischen warnt BASF vor möglichen Lieferverzögerungen.Solche Belastungsproben dürften häufiger werden. Nach Einschätzung der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins werden Trockenphasen von Mai bis Oktober künftig öfter auftreten, länger anhalten und stärker ausfallen. Das aktuelle Rekordtief zeigt damit, auf welche Bedingungen Unternehmen ihre Lieferketten künftig ausrichten müssen. Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige Stellenmarkt Die besten Jobs auf Handelsblatt.com Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik Anzeige Remind.me Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s Anzeige Presseportal Lesen Sie die News führender Unternehmen! Anzeige Bellevue Ferienhaus Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen Anzeige Übersicht Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche Anzeige Finanzvergleich Die besten Produkte im Überblick