Zweimal setzte Darja Varfolomeev am Donnerstag zum Angriff an. Am Ende ihrer Übungen mit den Keulen und dem Band erinnerten ihre Bewegungen an eine Raubkatze. Sie streckte beide Arme nach vorn und verzog das Gesicht zu einem angedeuteten Fauchen. Doch nur beim zweiten Mal passte das Schlussbild auch zu dem Ergebnis, das Deutschlands beste Athletin der Rhythmischen Sportgymnastik bei der Heim-WM in der Qualifikation erzielte.Varfolomeev weiß selbst, dass sie im Mehrkampffinale an diesem Freitag in der Frankfurter Festhalle mehr brauchen wird als eine starke Mimik und eine gelungene Schlusspointe. Wer dort Gold gewinnen will, braucht vier möglichst fehlerfreie Übungen. Einen Auftritt wie jenen mit den Keulen am Tag zuvor kann sie sich dann kaum erlauben.Schwierige VorbereitungAm Donnerstagnachmittag ging ein Raunen durch die Halle, als Varfolomeev einer ihrer wenigen sichtbaren Fehler in der zweitägigen Qualifikation unterlief. Kurz verlor die 19-Jährige die Kontrolle über eine ihrer Keulen. Schnell nahm sie das Gerät wieder auf und setzte ihre Übung fort, als sei nichts geschehen. Doch obwohl sie ihre Darbietung konzentriert zu Ende brachte, schlug sich der Fehler deutlich in der Wertung nieder. Varfolomeev erhielt 27,950 Punkte und belegte damit den neunten Platz. Besonders bitter: Nur drei Zehntelpunkte fehlten ihr zum achten Rang, der für den Einzug ins Gerätefinale gereicht hätte.Es ist der bislang deutlichste Beleg dafür, dass Varfolomeev vor der Heim-Weltmeisterschaft womöglich nicht bloß tiefgestapelt hat. Die letzte Trainingswoche sei sehr schwierig gewesen, sagte sie vor Beginn der Wettkämpfe. Ihre Vorbereitung sei „nicht so perfekt“ verlaufen wie erhofft. Obwohl sie bei der WM im vergangenen Jahr in Rio alle möglichen Goldmedaillen im Mehrkampf sowie mit Ball, Keulen, Reifen und Band gewonnen hatte, sehe sie selbst sich nicht als Favoritin, behauptete Verfolomeev.Bei einer Olympiasiegerin und elfmaligen Weltmeisterin wirkt das wie Understatement. Varfolomeev ist spätestens seit ihrem Olympiasieg von Paris das Gesicht der deutschen Rhythmischen Sportgymnastik. Bei einer Weltmeisterschaft im eigenen Land lässt sich diese Rolle nicht einfach abstreifen. Gerade nicht, weil viele Fans in die Festhalle gekommen sind, um Varfolomeev zu sehen. Unter ihnen fallen besonders die zahlreichen jungen Mädchen auf, für die die Olympiasiegerin längst zum Vorbild geworden ist. Wie sehr das Publikum auf ihren Auftritt wartet, ist nicht zu überhören: Sobald sie die 13 mal 13 Meter große Wettkampffläche betritt, wird es extrem laut auf den Rängen.Die verpatzte Übung mit den Keulen schien zunächst wie ein Beleg dafür, dass sie sich vor den Wettkämpfen zurecht zurückgehalten hatte mit allzu großen Kampfansagen. Doch als Varfolomeev später mit dem Band zurückkehrte, begann für sie ein neuer Wettkampf. Von Nervosität oder Anspannung war in ihrer Darbietung nichts mehr zu erkennen. Konzentriert und elegant bewegte sie sich über die Fläche, das Band folgte ihr durch eine nahezu fehlerfreie Übung. Mit jeder gelungenen Schwierigkeit wurde das Publikum lauter. Nach ihrer raubkatzenartigen Schlusspose eskalierten die Zuschauer auf den Tribünen.Varfolomeev erhielt 30,050 Punkte. Keine andere Gymnastin erreichte in der Bandqualifikation eine höhere Wertung. Zwischen dem verpassten Keulenfinale und ihrer stärksten Darbietung vergingen nicht einmal 60 Minuten.Die kleinen Probleme sind realTeamchefin Isabell Sawade hat es als Varfolomeevs „Superkraft“ bezeichnet, im Wettkampf noch besser zu werden als im Training. Gute Stimmung gebe ihr Energie und Kraft, erklärte die Gymnastin. Dann könne sie zeigen, woran sie so lange gearbeitet habe.Die Kulisse kann sie allerdings nicht nur tragen. Im Gespräch mit der F.A.Z. spricht Varfolomeev am Ende des zweiten Wettkampftages über die besondere Anspannung während der Qualifikation. Es entscheide sich „eigentlich gar nichts“, zugleich aber alles, weil es um den Einzug ins Mehrkampf- und in die Gerätefinals gehe. Sie sei nervös gewesen, weil sie habe zeigen wollen, dass sie sich für alle Entscheidungen qualifizieren könne. Manchmal gelinge das nicht, ergänzt sie mit Blick auf ihren Keulenauftritt. Dennoch sei sie mit dem Einzug ins Mehrkampffinale und in drei Gerätefinals zufrieden.Die Qualifikation liefert Argumente für beide Seiten. Varfolomeevs kleine Probleme sind real. Bereits am Mittwoch musste sie ihre Reifenübung nach einer Schrecksekunde neu beginnen, weil sie ein Geräusch irrtümlich für das Startsignal hielt. Einen Tag später folgte der Geräteverlust mit den Keulen. Gleichzeitig gelangen ihr mit Reifen, Ball und Band drei starke Auftritte. Aus diesen Wertungen kam sie auf 89,000 Punkte und erreichte mit Bestwert souverän das Mehrkampffinale.Das Wettkampfformat lässt einen solchen Ausrutscher in der Qualifikation zu. Für den Einzug ins Mehrkampffinale werden lediglich die drei besten Ergebnisse jeder Gymnastin zusammengerechnet. Varfolomeevs Keulennote geht deshalb nicht in ihre Summe ein.Am Freitag beginnt der Wettbewerb bei null. Die 18 Finalistinnen absolvieren jeweils eine Übung mit Reifen, Ball, Keulen und Band. Alle vier Wertungen zählen. Einen schwächeren Auftritt kann Varfolomeev dann nicht mehr streichen.Sie selbst hat die Anforderung einmal knapp beschrieben. Wer in ihrer Sportart um Medaillen kämpfen wolle, müsse mit allen vier Geräten perfekte Übungen zeigen, sagte sie vor der WM. Ein einzelner Fehler kann die Reihenfolge verändern. Umso wichtiger wird die Fähigkeit, einen misslungenen Moment nicht in die nächste Darbietung mitzunehmen.