Nach der Qualifikation ist vor dem Wettkampf, und Darja Varfolomeev wusste, wie sie einen Teil des Abends vor dem Mehrkampffinale der Weltmeisterschaft in Frankfurt am Main verbringen würde: Die nächste Trainingseinheit stand an. Ihre Sportart, die Rhythmische Sportgymnastik, erfordert eine Artistik, die nur mit Hingabe und unendlichen Wiederholungen zu erreichen ist. 35 Stunden pro Woche in der Halle zu verbringen, ist nicht die Ausnahme, sondern eher das Minimum. Noch eine Übungseinheit also, mit Reifen und Ball, dann Dehnen, Regeneration und Schlaf. Und an diesem Freitag vor dem Finale mit den vier Geräten in der Frankfurter Festhalle: wieder Training.Niemand wird elfmalige Weltmeisterin, ohne beständig Arbeit in die Details zu investieren. Entsprechend konsterniert war Darja Varfolomeev, die 19 Jahre alte Ausnahmeartistin des TSV Schmiden, als ihr am Donnerstag in der Kür mit den Keulen eines dieser Jongliergeräte versprang, sodass sie es erst im Nachfassen unter Kontrolle brachte. „Sehr, sehr ärgerlich“, sei das, sagte sie: „Ich habe mich gut vorbereitet, deshalb ist es sehr, sehr schade, dass das mit den Keulen so gelaufen ist.“ Es war ein kleiner Fehler mit großer Wirkung in der Weltklassekonkurrenz: Denn als alle 95 Athletinnen in der Qualifikation mit ihrer Jonglage unter der Kuppel der Frankfurter Festhalle fertig waren, wurde Darja Varfolomeev nur als Neunte (mit 27,950 Punkten) geführt. So verpasst sie das Finale der besten Acht am Sonntag mit diesem Handgerät – als dreimalige Weltmeisterin mit den tückischen Keulen.Höchstnote mit dem FlatterbandAn diesem Freitag (von 16 Uhr an) steht allerdings erst einmal der Mehrkampf an: die Königinnendisziplin der Gymnastinnen, und auch hier trägt Darja Varfolomeev als Olympiasiegerin, Titelverteidigerin und Europameisterin die Krone. In der Addition der zweitägigen Vorkämpfe war sie die Beste – vor Stiliana Nikolova, der EM-Zweiten aus Bulgarien. Und auch vor den beiden Russinnen Marija Borisowa und Sofija Ilterjakowa, die in Frankfurt als neutrale Athletinnen unter der Kennung WG2 antreten: ohne Flagge auf dem Kostüm und ohne öffentliche Nennung ihres Geburtslandes. Darauf hatten sich wegen fortgesetzten Krieges von Russlands gegen die Ukraine vor der WM der Weltverband (World Gymnastics, kurz WG), der Deutsche Turnerbund, der Deutsche Olympische Sportbund und die Bundesregierung geeinigt. Das IOC hatte zuvor, was Russland und Belarus angeht, die empfohlenen Restriktionen aufgehoben.Auch für die drei anderen Einzelgeräteentscheidungen am Sonntag ist Darja Varfolomeev qualifiziert: für Reifen, Ball und Band. Ihre staunenswerte Kür mit dem sechs Meter langen, schwer zu fassenden Flattergerät trug ihr im Jubel der Zuschauer in der fast ausverkauften Halle die Tageshöchstnote (30,050 Punkte) der Juroren ein.„Es hat gereicht für drei Finals und ein Mehrkampffinale“, stellte Trainerin Julia Raskina-Rizzo bei ihrer ersten Zwischenbilanz fest. Allerdings hatte sie mehr erwartet. Nicht von Darja Varfolomeev, der nur der eine kleine Fauxpas unterlaufen war. Sondern von den anderen beiden Gymnastinnen, die der DTB für die Heimweltmeisterschaft nominiert hatte und die „Verluste“ zu beklagen hatten, wie die Bundestrainerin sagte – womit sie die kurzen Momente fehlender Präzision meinte, wenn die Geräte nicht dort landen, wo sie sollen. Die 18-jährige Lada Pusch, die erstmals bei einer WM turnte, kam mit Reifen, Ball und Keulen nicht unter die besten Acht; Anastasia Simakova, die WM-Dritte 2025 mit dem Reifen, trat nur mit dem Band an und verpasste ebenfalls das Finale. Ihre Virtuosität mit allen vier Geräte hatte im deutschen Team nur Olympiasiegerin Darja Varfolomeev vorgeführt.