Darja Varfolomeev tanzt auf der Matte. Und sie tanzt jetzt auch durch den Bewertungskatalog ihrer Sportart, den Code of Points. Vor Kurzem hat sie ein Element erfunden, das nach ihr benannt ist und offizielle Anerkennung der Juroren der Rhythmischen Sportgymnastik (RSG) gefunden hat. Es geht so: Sie dreht auf einem Bein eine Pirouette, hält den Oberkörper waagerecht, spreizt das andere Bein nach oben und zieht den Fuß von hinten mit der Hand an den Hinterkopf. Für normale Menschen unmöglich. Für Darja Varfolomeev, Olympiasiegerin, nicht: Mit der zweiten, ihrer freien Hand balanciert sie währenddessen noch einen Ball.Bei der Weltmeisterschaft in der Frankfurter Festhalle in dieser Woche wird Darja Varfolomeev, 19 Jahre alt, ihre Weltneuheit dem Publikum allerdings nicht vorführen. Der verblüffende Grund: Die Varfolomeev-Drehung findet sie zu einfach, denn das Bein ist weder ganz gestreckt noch perfekt gebeugt. Das hat sie vorher schon lächelnd erklärt: „Ich kann mit anderen Elementen mehr Punkte sammeln als mit meinen eigenen.“SZ MagazinSagen Sie jetzt nichts:Zeigen Sie uns Ihre extremste Verrenkung, Darja Varfolomeev?Die Olympiasiegerin in Rhythmischer Sportgymnastik im Interview ohne Worte – über ihren frühen Erfolg, exzessives Training und Turnhallengeruch.Die Frage, warum sie sich neben all den artistischen Höchstschwierigkeiten, die sie für ihre Küren mit Reifen, Band, Ball und Keulen einstudiert, noch neue Kreationen ausdenkt, mag womöglich den Zuschauern ein Rätsel sein. Für Darja Varfolomeev hingegen ist das gar kein Thema. „Manchmal kommt das spontan“, sagt sie, zum Beispiel in der wettkampffreien Zeit im Sommer, wenn Neues einstudiert wird. Und außerdem kennt die Kreativität in diesem Sport, dem Ballett mit Handgeräten, für sie ohnehin kein Limit. „Man kann immer alles verbessern“, sagt sie. Es ist ihr Motto.Eine Gymnastin wie Darja Varfolomeev, die alles gewonnen hat, was ihre Sportart bietet, elf Weltmeistertitel, sechs EM-Titel, 28 Weltcups, dazu olympisches Gold, hat es in Deutschland bisher nicht gegeben. „Das Potenzial, das in ihr schlummert, ist groß“, sagt Isabell Sawade, die Teamchefin der deutschen RSG-Auswahl. Mitunter sehen Trainer, dass Athletinnen ihren Zenit erreichen und auf diesem hohen Niveau weiterturnen. Für Darja Varfolomeev, sagt Sawade, gelte das nicht, sie kann „ihren eigenen Stil, ihre hohen Schwierigkeiten, noch weiter entwickeln“.Nicht, dass die Olympiasiegerin jemals vermessene Ziele formulieren würde: Unter der hohen Kuppel der Festhalle sollten am ersten Qualifikationstag am Mittwoch der Reifen und der Ball so präzise fliegen, dass möglichst die Finals am Freitag im Mehrkampf und am Sonntag in der Einzelgerätewertung erreicht werden. Darja Varfolomeev gelang eine fantastische Vorstellung mit dem Reifen – obwohl sie die Kür zweimal ansetzten musste, weil sie wegen des ohrenbetäubenden, frenetischen Beifalls zunächst den Anfang nicht hörte. „Das ist mir noch nie passiert“, sagte sie anschließend. Den Ball, meterhoch geworfen, hatte sie auf so faszinierende Weise unter Kontrolle, als folge er ihr unter Hypnose. Wie schnell das Risikogerät davon kullert, zeigte sich bei ihrer DTB-Kollegin Lada Pusch: Die 18-jährige WM-Debütantin wollte den Ball außerhalb des Gesichtsfelds fangen und verpasste den Zugriff knapp. Am Donnerstag folgt Teil zwei der Qualifikation.Die Sterne, das lässt sich heute sagen, standen in einer seltenen Konstellation für den Deutschen Turner-Bund, als Darja Varfolomeev, genannt Dascha, im August 2018 die Halle in Fellbach/Schmiden betrat. Ihr Großvater, der in Aschaffenburg wohnt, hatte Isabell Sawade kontaktiert, gemeinsam mit DTB-Trainerin Natalia Raskina verabredeten sie ein Probetraining für die elfjährige Enkelin aus Barnaul am Ob, einer Stadt in Westsibirien. „Wir haben gesehen, dass sie talentiert ist“, sagt Isabell Sawade, aber, fügt sie an, „alle unsere Gymnastinnen am Stützpunkt sind talentiert.“ Jedenfalls blieb die Prophezeiung, dass da eine künftige Olympiasiegerin über die Matte hüpfte, aus. Vermutlich lasse sich eine solche Prognose auch gar nicht stellen, glaubt die Teamchefin: Denn es gebe viele sehr gute Juniorinnen, die sich später im Wettkampfsport der Erwachsenen nicht durchsetzen können.Körperspannung bis in den großen Zeh: Darja Varfolomeev mit dem Reifen. Jan Huebner/ImagoErst zum folgenden Schulhalbjahr im Februar 2019, als sie zwölf war und das Mindestalter erreicht hatte, wurde Darja Varfolomeev am Stützpunkt und im Internat aufgenommen; anfangs blieb ihre Mutter noch in Schmiden, reiste dann aber nach Russland zurück. Das Mädchen war allein. An den Wochenenden wurde es zu den Großeltern nach Aschaffenburg geholt. Der Wille durchzuhalten, sagt Isabell Sawade, der kennzeichne diese außergewöhnliche Karriere.Auch der DTB begann allmählich, sich aus einer Misere herauszuarbeiten. 2021 hatte sich keine Gymnastin für die Olympischen Sommerspielen in Tokio qualifiziert. Doch schon ein paar Monate später bei der WM im selben Jahr tanzte und turnte sich Margarita Kolosov, trainiert von Julia Raskina-Rizzo, bereits ins Mehrkampffinale. (Für das Championat in Frankfurt hat sich die 22-jährige Kolosov nach einer Sprunggelenkverletzung diesmal nicht qualifizieren können, sie kommentierte die erste Runde am Mittwoch aber am Hallenmikrofon). 2023 verblüffte dann Darja Varfolomeev erstmals Kampfrichter und Kolleginnen gleichermaßen, als sie mit einem Jongleur-Spektakel aus fliegenden Bändern, Keulen, Bällen und Reifen alle fünf WM-Goldmedaillen gewann.Bei den nahezu fehlerlosen Vorträgen der Weltelite sind es oft nur Nuancen, die die Besten unterscheiden. Die Gymnastiktrainerin Magdalena Brzeska, Olympiateilnehmerin 1996, 26-malige deutsche Meisterin und in jenen Jahren eine Berühmtheit im Land, beeindruckt neben der enormen Nervenstärke besonders die Ausstrahlung, der künstlerische Ausdruck in den Küren der Olympiasiegerin von Paris: „Jede Bewegung fließt in die nächste, ganz ohne Pausen.“ Dies, glaubt Magdalena Brzeska, sei auch dem Umstand zu verdanken, dass Darja Varfolomeev die Expertise der Choreografin und Tänzerin Anne Jung nutzen kann, die an mehreren Opernhäusern wirkt; das sei heute ein entscheidender Vorteil in diesem Sport. Und sie sieht die präzise Arbeit von Trainern Julia Raskina-Rizzo – die Sorgfalt der Bewegungen bis zur Streckung des kleinen Fingers: „Deshalb turnt sie körperlich so exakt.“Man kann ja immer alles verbessern. Auch deshalb schaut sich Darja Varfolomeev, wie sie unlängst bei einem Pressetermin erzählte, mit großer Freude in den Social-Media-Kanälen die Bilder und Videos von jungen Turnerinnen an: von Mädchen, die mit Begeisterung ihre Erfindung, die Varfolomeev-Drehung, üben. Mit und ohne Ball.