Ein kleines Lächeln, mehr Gefühlsregung erlaubte sich Darja Varfolomeev am Freitagabend nicht, als die letzte Wertung der Juroren verkündet wurde. Dann sank sie doch an die Schulter ihrer Trainerin Julia Raskina-Rizzo. Sie hat sich zum dritten Mal nacheinander zur Königin der Rhythmischen Sportgymnastik gekürt: Wie voriges Jahr in Rio und 2023 in Valencia gewann sie den Mehrkampf mit den vier Handgeräten, Reifen, Ball, Keulen und Band. Aber kaum jemals stand sie so unter Beobachtung und Anspannung wie bei der WM im eigenen Land, in der tobenden Atmosphäre der Frankfurter Festhalle. Und selten hat Darja Varfolomeev, 19 Jahre alt, so ihre Nervenstärke beweisen müssen wie auf der großen Bühne unter dem Kuppeldach, als sie sich von Platz zehn nach vorn kämpfen musste.„Ich bin einfach nur dankbar“, sagte sie nach der Siegerehrung. „Zwischendurch habe ich gelacht und geweint.“ Und ansonsten habe sie sich auf das Wesentliche konzentriert: „Ich habe geworfen und gefangen.“Darja Varfolomeev:Eine Gymnastin, wie es in Deutschland noch keine gabOlympiasiegerin Darja Varfolomeev ist Favoritin und Publikumsliebling bei der WM in Frankfurt: Was sie auszeichnet, sind Ausdrucksstärke und Präzision – den Durchhaltewillen hat sie schon als Kind gelernt.Die Frankfurter Festhalle, ausgekleidet in warme Lila- und Rosatöne, in der sich Darja Varfolomeev „wie im Theater“ fühlte, war schon vor Wochen ausverkauft. Die Energie des Publikums, vorwiegend jung und weiblich, übertrug sich auf die Ballerinas mit ihren Handgeräten – jeder hohe Wurf wurde bejubelt.Eine volle Halle mit 4250 begeisterungsfähigen Gymnastik-Fans kann ganz schön den Puls hochtreibenFür die 18 Mehrkampf-Finalistinnen war es in dieser Woche schon die dritte Aufführung nacheinander in dem Rundbau nach den beiden Qualifikationstagen. Um die gewaltigen Dimensionen der Messeprachthalle zu erfühlen, hatte das deutsche Team im November vorsorglich einen Gruppenausflug nach Frankfurt unternommen; und beim Ball des Sports im Februar waren alle noch einmal da. Aber wie eine volle Halle mit 4250 begeisterungsfähigen und sehr lautstarken Gymnastik-Fans den Puls hochtreibt, das lässt sich kaum simulieren: Unbeeindruckt von der Atmosphäre blieb wie immer nur Darja Varfolomeev; ihre Kollegin vom TSV Schmiden, die WM-Debütantin Lada Pusch, 18, schaffte es ebenso wenig in die Finals wie Anastasia Simakova, 21, die im vergangenen Jahr noch WM-Dritte mit dem Reifen gewesen war.Aber auch Darja Varfolomeev, kaum jemals aus der Ruhe zu bringen, stand unter Druck wie selten.Dass die Titelverteidigung kein leichter Tanz werden würde, hatte die Olympiasiegerin von Paris 2024 schon vor dem Championat, dem ersten in Deutschland seit elf Jahren, geahnt. Die internationale Konkurrenz werde immer stärker, sagte sie. Das war keine nur gefühlte Wahrheit: Denn erstmals seit ihrem kometenhaften Aufstieg 2022 trifft Varfolomeev jetzt auch wieder auf Gymnastinnen aus Russland und Belarus. Im Mai hat der Turn-Weltverband World Gymnastics (WG) die Startbeschränkungen für Athleten der beiden Länder aufgehoben; ungeachtet der Tatsache, dass Russland den Krieg gegen die Ukraine mit ungeminderter Brutalität weiterführt. Das Internationale Olympische Komitee verstärkte die Dynamik der russischen Rückkehr in den Weltsport im Juli, als es die Restriktionen lockerte, die es den Weltverbänden vier Jahre lang empfohlen hatte.In Frankfurt standen am Freitag deshalb – wie schon im Mai bei der EM in Bulgarien – die Russinnen Marija Borisowa,19, und Sofia Ilterjakowa, 16, auf der Matte, außerdem Alina Harnasko, 25, aus Belarus. In Deutschland traten sie jedoch als neutrale Athletinnen ohne Flagge und Länderkennung an: Darauf hatte sich der ausrichtende Deutsche Turnerbund, der Weltverband und die Bundesregierung geeinigt.Zum Abschluss eine fehlerlose Vorführung mit dem Band: Weltmeisterin Darja Varfolomeev in Frankfurt. Fabrizio Carabelli/Sopa/ImagoDarja Varfolomeev musste am Freitagabend als Erste der Spitzengruppe das Wettkampfquadrat betreten. Sie war die Beste in der Qualifikation gewesen, aber im Finale beginnt alles bei null. Mit dem Reifen – ihrem ersten von vier Geräten – unterlief ihr eine minimale Unsicherheit. Die Note der Juroren (28,300) lag 0,95 Punkte unter der ihres Vorkampfs. Am Ende dieser ersten Runde wurde sie lediglich an Position zehn geführt. Beide Russinnen lagen weit vor ihr auf Medaillenrängen.Weiter ging es für die Titelverteidigerin mit ihrem Tanz mit dem goldenen Ball. Sofern Darja Varfolomeev die geringste Anspannung verspürte, übertrug sich das nicht auf die Flugkurven: Die spektakuläre Kür wurde mit 30,050 Punkten benotet; Darja Varfolomeev kämpfte sich – scheinbar mühelos – vor auf Rang drei.Im Mehrkampf bewegten sich die Keulen wie von unsichtbaren Fäden gezogenWelche Nervenstärke sie besitzt, offenbarte sich dann, als sie mit den Keulen jonglierte: Doch am Vortag war ihr eine versprungen, sie hatte sie erst im Nachfassen wieder eingefangen. Der Fauxpas kostete sie die Qualifikation für das Einzelfinale mit den Keulen am Sonntag. Doch im Mehrkampf bewegten sich die Keulen wie von unsichtbaren Fäden gezogen. Darja Varfolomeev wurde mit der Tageshöchstnote (31,500) belohnt. Sie lag nun an der Spitze der Wertung – und festigte den WM-Titel mit insgesamt 119,500 Punkten und einer ausgezeichneten Vorführung mit dem Band.Die Silbermedaille hinter der Königin der Gymnastinnen sicherte sich wie schon bei der Europameisterschaft die 20-jährige Stiliana Nikolova aus Bulgarien, die mit enormer Präzision dem Tempo eines Derwischs über die Fläche tanzt (117,600). Dritte wurde die ausdrucksstarke Sofia Raffaeli, 22, die Olympiadritte von Paris (117,500), vor Publikumsliebling Taisiia Onofriichuk aus Kiew, die vom Publikum nach jeder Übung mit Plüschtieren überhäuft wurde. Marija Borisowa, die schon drei Medaillen bei der EM gesammelt hatte, wurde WM-Fünfte und lieferte den Beweis: Die Russinnen sind in der Weltspitze zurück.
Weltmeisterin Darja Varfolomeev: Die Deutsche gewinnt in Frankfurt im Mehrkampf
Fehler mit dem Reifen, Aufholjagd mit Keulen, Ball und Band: Varfolomeev wird erneut Weltmeisterin im Mehrkampf












