Ohne Wasser gibt es keine Chemie. Es ist kein Zufall, dass sich die größten Chemie- und Pharmaunternehmen Europas am Rhein angesiedelt haben: Roche, Novartis und Lonza in der Schweiz, BASF, Bayer, Evonik, Lanxess, Covestro in Deutschland. Auch die Geschichte von Hoechst wäre ohne einen Fluss, den Main, nicht denkbar gewesen. Das Wasser sichert Kühlung, Dampf und den Transport der Rohstoffe. An dieser Logik hat sich seit den Gründungen vor teils mehr als hundert Jahren nichts geändert. Was sich ändert, ist der Fluss.Der Rheinpegel fällt dieser Tage auf den tiefsten Stand seit Beginn der Messung. Kaub, ein Örtchen unterhalb der Loreley, erlangt traurige Berühmtheit, weil die Fahrlinie so flach ist wie nirgendwo sonst auf dem Rhein. Wenn der Rhein dort trockenfällt, kommen keine Schiffe mehr durch. Süddeutschland und die Schweiz sind dann von den Häfen in Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen abgeschnitten. Wer bedenkt, dass der Chemiekonzern BASF in Ludwigshafen, auf dem größten Chemieareal der westlichen Welt, 40 Prozent seiner Güter über den Fluss transportiert, drei eigene Flusshäfen betreibt, bekommt eine Ahnung, was das bedeutet.Ausgerechnet jetzt spielt der Rhein nicht mitDie Ebbe trifft die ohnehin angeschlagene Chemieindustrie zu einem schlechten Zeitpunkt. Gerade wenn die asiatische Konkurrenz schwächelt, droht sie ihren wichtigsten Wettbewerbsvorteil zu verlieren: die Lieferfähigkeit. Die Chinesen mussten ihre Produktion wegen der ausbleibenden Öllieferungen vom Golf drosseln. Die Deutschen konnten liefern und Marktanteile zurückholen, trotz der höheren Kosten für Arbeit und Energie. Ausgerechnet jetzt spielt der Rhein nicht mit.Die entscheidende Frage ist, wie es langfristig weitergeht. Der Transport mit Binnenschiffen ist mit Zügen und Lastwagen nicht zu ersetzen. Die Versuche, das Sonntagsfahrverbot aufzuheben, mehr Güter auf die Bahn zu bringen, sind aller Ehren wert. Doch schon ein Blick auf die maroden Brücken und die gesperrten Rheinstrecken der Bahn lässt erahnen, dass die Erfolge dieser Maßnahmen begrenzt sein werden. Die Versäumnisse beim Ausbau der Verkehrsinfrastruktur rächen sich, wieder einmal. Trotz Bedenken von Umweltschützern dürfte man nicht umhinkommen, die Engstelle in Kaub zu vertiefen. Wer allerdings auf schnelle Erleichterung hofft, möge daran erinnert werden, dass es solche Pläne schon seit den neunziger Jahren gibt, die Vertiefung seit 2016 als vordringlicher Bedarf im Bundesverkehrswegeplan steht.Herausforderung für die gesamte WirtschaftDie Unternehmen tun, was in ihrer Macht steht. BASF hat in Niedrigwasserschiffe investiert, mit der Bundesanstalt für Gewässerkunde ein digitales Frühwarnsystem entwickelt, beschäftigt seit Jahren schon eigene Meteorologen. Aber auch das reicht nicht aus.Fällt der Fluss in Zukunft häufiger aus, wird die Produktion teurer. Nicht nur für die chemische Industrie. Wenn der Rhein seine Hilfe verweigert, leiden viele: Die Bauwirtschaft ist auf die Transporte angewiesen, die Stahlindustrie, selbst John Deere verschifft seine Traktoren von Mannheim aus über den Rhein in alle Welt. Die Dürre wird zu einer Herausforderung für die gesamte Wirtschaft: vom Weinbau, der ohne Bewässerung nicht mehr funktioniert, bis hin zu Kraftwerken, die außer Betrieb genommen werden müssen, wenn der Pegel sinkt.Mehr noch: Die Hitze und der zum Rinnsal verkommene Strom senden eine Botschaft des Scheiterns. Keiner Regierung ist es gelungen, die Infrastruktur modern zu halten. Und die EU ist zu schwach, um selbst in ihren Grenzen einen Emissionshandel zu etablieren, der funktioniert. Ganz gleich wie heiß es wird, die Leugner eines menschengemachten Klimawandels werden nicht weniger. Dabei spricht nichts dafür, dass sich der Trend abschwächt. Wenn die Alpengletscher schmelzen, wird es erst zu mehr Hochwasser im Rhein kommen. Sind die Wasserspeicher aufgebraucht, werden Niedrigwasserphasen zur Normalität.Für die Industrie in Deutschland ist das keine gute Nachricht. Gewiss bietet die neue Lage Chancen für findige Lösungen innovativer Unternehmen. Ob sie den wachsenden Wettbewerbsnachteil ausgleichen, weiß heute aber niemand. Die wenigen neuen Chemiestandorte werden nicht ohne Grund an Küsten gebaut. Selbst Salzwasser eignet sich zur Kühlung, Windstrom und Flüssiggas müssen nicht ins Landesinnere transportiert werden, die Vorteile beim Transport liegen auf der Hand. Die Industrie im Inland, die auf Flüsse angewiesen ist, wird mit einem weiteren Wettbewerbsnachteil zurechtkommen müssen. Wer den Klimawandel nicht bekämpft, muss lernen, mit seinen Folgen zu leben.
Rhein-Niedrigwasser: Trockenstress für BASF und Industrie
Wer den Klimawandel nicht bekämpft, muss lernen, mit seinen Folgen zu leben. Die Dürre wird zu einer Herausforderung für die gesamte Wirtschaft.














