Erst Schwemme, nun Futtermangel – die Milchbauern schlittern von einer Krise in die nächsteNach Monaten mit zu viel Milch und tiefen Preisen droht nun das Futter knapp zu werden. Viele Bauernbetriebe könnten im Herbst und Winter in existenzielle Schwierigkeiten geraten.14.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenGelbe Weiden nach anhaltender Trockenheit und Hitze: Kühe an einer Tränke auf einer Weide der Alp Le Suchet im Waadtländer Jura.Laurent Gillieron / KeystoneNoch vor wenigen Monaten hatte die Schweizer Milchwirtschaft vor allem ein Problem: zu viel Milch. Weil die Qualität des Futters so gut war, lag die Produktion deutlich über dem Vorjahr. Die Tanklaster stauten sich vor den Molkereien, die Lager mit Butter, Käse und Milchpulver füllten sich, und die Überschüsse drückten auf die Preise. Nun jedoch droht die aussergewöhnliche Trockenheit die Lage innerhalb kürzester Zeit ins Gegenteil zu verkehren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und die Milchbauern müssen befürchten, von der einen Krise in die nächste zu schlittern. «Die Situation ist äusserst kritisch», sagt Christa Brügger, Sprecherin der Schweizer Milchproduzenten (SMP). Kühe litten unter Hitzestress, frässen weniger und gäben entsprechend weniger Milch. Zusätzlich belaste das zirkulierende Orthobunyavirus einzelne Bestände. Das erst Ende Juli in der Schweiz nachgewiesene Virus führt bei betroffenen Rindern unter anderem zu Fieber, Durchfall und sinkender Milchleistung und könnte ebenfalls mit der anhaltenden Hitze in Zusammenhang stehen.Futtermangel im Herbst und WinterVor allem aber fehlt vielerorts das Futter. Das Graswachstum ist stark eingeschränkt, auf zahlreichen Betrieben muss bereits auf Vorräte zurückgegriffen werden, die eigentlich für die kalte Jahreszeit vorgesehen waren. «Damit wird heute Heu verfüttert, das im Herbst und Winter fehlen kann», sagt Brügger.Wie prekär die Situation ist, unterscheidet sich regional und von Betrieb zu Betrieb. Besonders angespannt ist die Lage im Jura und im Mittelland. Dort fielen in letzter Zeit stellenweise 60 bis 80 Prozent weniger Regen als üblich. Auch auf der übrigen Alpennordseite sowie in Nord- und Mittelbünden sind die Böden stark ausgetrocknet – mit entsprechenden Folgen für Wiesen, Heu und Mais.Betriebe, die noch Reserven aus dem guten Futterjahr 2025 oder aus dem ebenfalls ertragreichen Frühjahr besitzen, stehen etwas besser da. Derzeit ermöglichen es diese Vorräte vielen Bauern überhaupt erst, die Milchproduktion aufrechtzuerhalten. Das Problem werde damit aber bloss hinausgeschoben, sagt Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch (BOM), die Produzenten, Verarbeiter und Handel vereint und zentrale Fragen des Milchmarkts koordiniert. Wenn die Reserven aufgebraucht seien und wegen der Trockenheit kaum neues Futter nachkomme, werde sich die Lage im Herbst und Winter verschärfen.Besonders betroffen von der Situation sind Milchbetriebe, die Käsereien beliefern: Sie sind vollständig auf Raufutter – also Gras und Heu – angewiesen. Entscheidend werde sein, ob sich die Wiesen noch einmal erholten und genügend Gras lieferten und wie die Silomaisernte ausfalle, sagt die SMP-Sprecherin Brügger. «Bleiben nennenswerte Niederschläge aus, ist bei Raufutter und regional auch bei Silomais mit einer deutlichen Verknappung zu rechnen.»Auch Zukäufe dürften das Problem nur begrenzt lösen. Gute Ware werde in der Schweiz zunehmend gesucht, zugleich sei die Lage in grossen Teilen Europas angespannt, sagt Kohler. Denn die Knappheit betreffe dieses Jahr nicht nur einzelne Regionen. «Wenn in ganz Europa sehr wenig Futtermittel vorhanden ist, lässt sich das Problem nicht einfach durch Zukäufe lösen.»Auch die Fenaco, führende Vermarkterin von Futtermitteln in der Schweiz, stellt eine deutlich angespanntere Lage fest. Einen eigentlichen Futtermangel erwartet der Agrarkonzern derzeit allerdings nicht. «Nach heutiger Beurteilung wird ausreichend Raufutter verfügbar sein», heisst es in einem Communiqué des Agrarkonzerns vom Donnerstag. Aufgrund der Trockenheit müsse allerdings auf Beschaffungsquellen aus weiter entfernten Regionen im Ausland zurückgegriffen werden, etwa Italien, Tschechien und Polen. Das verlängere die Transportwege und Lieferfristen. Gleichzeitig sei wegen der hohen Nachfrage und der europaweit knappen Verfügbarkeit von Rohwaren mit steigenden Preisen zu rechnen.Schlachthöfe sind vollDie Folgen der Dürre zeigen sich derweil bereits bei den Tierbeständen. In den vier Wochen bis Ende Juli wurden laut SMP in der Schweiz mehr als 31 000 Rinder und Kühe geschlachtet, rund 3500 mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Einzelne Betriebe reduzierten ihre Bestände oder gäben leistungsschwächere Tiere früher ab, weil die Futtergrundlage fehle, sagt Kohler. Er geht davon aus, dass die Schlachtzahlen hoch bleiben werden.Für den Milchmarkt ist das zunächst keine schlechte Nachricht. Im vergangenen Herbst hatte Kohler überschlagen, dass rund 50 000 Kühe geschlachtet werden müssten, damit der Markt wieder ins Gleichgewicht komme. Seither seien etwa 7000 Kühe geschlachtet worden. Der Markt könne weitere Bestandesreduktionen also durchaus verkraften.Damit zeigt sich das Paradox der gegenwärtigen Situation: Was für einzelne Bauern existenziell bedrohlich werden kann, könnte den Milchmarkt als Ganzes stabilisieren. «Für den Milchmarkt führen die Trockenheit und ihre Folgen zu einer gewissen Entspannung», sagt Kohler. Weniger Kühe und eine niedrigere Leistung pro Tier bedeuten weniger Milch – und damit weniger Druck auf einen Markt, der noch vor kurzem unter einer eigentlichen Milchschwemme litt.Produzenten fordern höheren MilchpreisFür die Bauern ist die Entlastung des Milchmarkts allerdings nur dann hilfreich, wenn sie sich auch in höheren Preisen niederschlägt. Im Februar hatte die Branchenorganisation Milch den Richtpreis für A-Milch um 4 Rappen gesenkt und beschlossen, dass dieser für das ganze Jahr 2026 gelten soll. Nun fordern die Schweizer Milchproduzenten, dass dieser Entscheid umgestossen werde. «Preiserhöhungen müssen jetzt möglichst rasch erfolgen», sagt Brügger. Ihr Verband will sich dafür einsetzen, dass die Mehrkosten der Produzenten aufgrund der gegenwärtigen Lage gedeckt würden.Druck kommt ebenfalls aus der Politik. So verlangt der Berner SVP-Nationalrat Hans Jörg Rüegsegger, ehemals Präsident des Berner Bauernverbands, dass die bereits beschlossene Fixierung des Richtpreises bis Ende 2026 nochmals diskutiert werde. Die Branchenorganisation Milch will sich dieser Forderung nicht verschliessen. «Das Thema ist ernst genug, und eine Diskussion über den Richtpreis erscheint mir ohnehin naheliegend», sagt Kohler von der BOM. Er geht davon aus, dass ein entsprechender Antrag an der nächsten Vorstandssitzung Ende August diskutiert wird. Kohler betont allerdings, dass Milch derzeit noch nicht knapp sei und die hohen Lagerbestände weiterhin auf dem Markt lasteten.Auf die Milchbetriebe kommt so oder so ein schwieriger Herbst und Winter zu. Zwar können sie darauf hoffen, dass sich der Milchmarkt stabilisiert und sie etwas mehr Geld für die Milch erhalten. Doch der Weg dorthin führt über Futtermangel, höhere Kosten und den Abbau von Tierbeständen. «Diese Mehrfachbelastung kann Betriebe rasch in existenzielle Schwierigkeiten bringen», sagt Brügger.Auch Kohler warnt vor den Folgen für besonders betroffene Höfe. Zwischen den Milchpreisen einzelner Abnehmer bestünden derzeit Unterschiede von 15 bis 20 Rappen pro Kilogramm. Wer einen tiefen Preis erhalte und gleichzeitig teures Futter zukaufen müsse, könne wirtschaftlich rasch in Bedrängnis geraten.