KommentarHunderte von Millionen Franken landen in einem intransparenten Rabattsystem jedes Jahr in den Taschen von Medizinern – statt bei den Prämienzahlern. So kann es nicht weiter gehen.13.08.2026, 17.19 Uhr3 LeseminutenMedikamente sind ein lukrativer Markt – auch für Ärztinnen und Ärzte.Illustration Anja Lemcke / NZZEin Arzt bekommt von der Pharmaindustrie Geld, wenn er gewisse Pillen verschreibt. Eine Apotheke, wenn sie auf ihren Bildschirmen Werbung für ein Arzneimittel macht. Ein Spital, wenn es die Medikamentenrechnungen besonders rasch bezahlt. Es sind oftmals kleine Zuwendungen, aber sie summieren sich: Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) schätzt, dass so pro Jahr rund 743 Millionen Franken an medizinische Institutionen fliessen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Skandal ist nicht, dass die Hersteller ihre Produkte günstiger abgeben. Das ist vielmehr ein Zeichen, dass der Wettbewerb zwischen den Konkurrenten funktioniert und die Preise senkt. Problematisch ist jedoch, dass die Allgemeinheit allzu oft nichts von den Rabatten hat.Es wäre nichts als gerecht, wenn jene, die das System finanzieren, an den Einsparungen partizipieren würden – also die Versicherten. So sieht es auch das Gesetz vor: Mindestens 51 Prozent der Rabatte müssten an die Krankenkassen gehen. Doch die Realität ist laut EFK eine ganz andere. Statt rund 370 Millionen Franken gelangen nur etwa 88 Millionen zurück zu den Prämienzahlern.Ein unheimlicher VerdachtMan muss es also in dieser Deutlichkeit sagen: Eine beträchtliche Zahl von Praxis- oder Apothekenbetreibern bereichert sich in einem intransparenten System illegal mit Dutzenden von Millionen Franken. Bei den Spitälern kann man noch eine gewisse Milde walten lassen. Viele von ihnen schreiben rote Zahlen, sie können die zusätzlichen Einnahmen gut brauchen.Wenn jedoch Spezialärzte, die meistens ohnehin ein hohes Einkommen haben, das Geld für die Rabatte in die eigene Tasche stecken, hört das Verständnis auf. Es untergräbt auch das Vertrauen in das Gesundheitssystem, wenn der Verdacht im Raum steht, dass manche Mediziner ihren Patienten nicht das beste Medikament geben – sondern das für sie selbst lukrativste.Doch auch bei jenen Zahlungen, die gesetzeskonform ablaufen, gibt es Fragezeichen. Ärzte dürfen jene 49 Prozent der Rabatte, die sie maximal bekommen, offiziell nicht einfach so behalten: Sie müssten das Geld in die Verbesserung der medizinischen Qualität investieren. Dafür gibt es entsprechende Kataloge mit verschiedenen Massnahmen.Doch Brancheninsider haben schon länger den Verdacht, dass das oftmals eine Farce ist. Denn wenn eine Massnahme wirklich nötig ist für die Behandlungsqualität: Wieso ist sie dann nicht einfach für alle Praxen obligatorisch? Im Umkehrschluss würde die heutige Regelung bedeuten, dass Ärzte, die in Kantonen tätig sind, die ihnen keine Medikamentenverkäufe gestatten, schlechtere Medizin machen. Und dafür gibt es keine Hinweise.Überfordertes BAGEs war also ein fauler Kompromiss, den das Parlament vor einigen Jahren eingegangen ist. Dennoch ist dieser Kompromiss besser als die Zustände die davor herrschten, mit von den Pharmafirmen gesponserten Kreuzfahrten und Kickback-Zahlungen. Nun müssten die Kontrollinstanzen dafür sorgen, dass nicht mehr so viel Geld über illegale Kanäle fliesst und dass sich alle Praxen, Spitäler und Apotheken den gesetzlich vorgesehenen Vergütungssystemen anschliessen. Denn diese garantieren immerhin eine gewisse Transparenz.Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist mit dieser Aufgabe überfordert, wie es auch selbst zugibt. Schon vor dem Sparpaket des Bundes fehlten die personellen Ressourcen für regelmässige Kontrollen – und nur solche hätten eine abschreckende Wirkung. Es wäre deshalb sinnvoller, wenn es zur Aufgabe der Krankenversicherer würde, die Rabattzahlungen zu überwachen.Schliesslich haben die Kassen das grösste Interesse an dem vielen Geld, das eigentlich ihren Kunden zusteht. Und sie haben dank der Wirtschaftlichkeitsprüfungen bereits Erfahrung darin, jenen Ärzten auf die Schliche zu kommen, die sich in finanziellen Belangen nicht korrekt verhalten.Es wäre zudem angebracht, dass die Kassen künftig 70 oder 80 Prozent der Rabatte bekommen. So könnten sie den nötigen Personalabbau finanzieren und gleichzeitig die Prämien senken. Und auch für die medizinischen Institutionen bliebe noch genug vom 750-Millionen-Kuchen übrig.Passend zum Artikel