Ich musste für ein paar Tage nach Paris und hätte gern im »Ritz« übernachtet, aber das war mir zu teuer (das günstigste Zimmer kostet ab 2200 Euro pro Nacht), also schlüpfte ich bei einer Freundin auf der Île Saint-Louis unter und beschloss, wenigstens auf einen Drink im »Ritz« vorbeizuschauen – es ist dies die Rache der Mittelschicht am Jetset, man sucht ihre Lieblingsorte auf und kontaminiert sie für zwei Stunden mit einer EC-Karte von der Sparkasse. Es gab aber noch einen Grund: Ich wollte die berühmte »Bar Hemingway« kennenlernen, in der neben dem amerikanischen Schriftsteller auch Marcel Proust, Coco Chanel, König Alfons von Spanien und – nach dem Einmarsch der Nazis in Paris 1940 – Hermann Göring und Joseph Goebbels ihre Dry Martinis getrunken hatten.Zum Glück sind die Zeiten vorbei, in denen man wohlhabende Menschen an ihrer Kleidung erkennt – ich trug eine geflickte Stoffhose und ein ungebügeltes Hemd –, trotzdem war ich einen Moment verdutzt, als ich beim Weg durch die Lobby von keinem der livrierten Mitarbeiter aufgehalten wurde. Einem Instinkt folgend ging ich erst nach links, dann nach rechts, dann wieder nach links und stand tatsächlich vor einer Bar. Leider war es die falsche: Die »Ritz Bar« ist so etwas wie der Trostpreis, wenn die Hemingway-Bar mal wieder überfüllt ist. Ich beschloss zu warten, bestellte ein Glas Champagner (Blanc de Blancs) für 50 Euro und schaute dem Barkeeper zu, wie er mit einem silbernen Barlöffel mehrere Eiswürfel in einem Kristallglas arrangierte, bis es so aussah, als seien sie zufällig exakt so aufeinandergelandet. Eine Stunde später hatte ich es geschafft, am Tresen der Hemingway-Bar war ein Platz frei geworden, ich durfte eintreten oder, wie man im »Ritz« sagen würde: Teil einer Legende werden.Erster Eindruck: Tja, so hatte ich mir das vorgestellt. Dunkle Holzvertäfelung, schwere Ledersessel, bernsteinfarbenes Licht, gerahmte Hemingway-Fotos und Hemingway-Briefe, Angelruten, Boxhandschuhe, ein ausgestopfter Schwertfisch. Ich bestellte einen »Hemingway Mule« (Mezcal, Ingwerbier, ein Hauch Vanille und Kardamom) und war einverstanden: Da war keine Musik, nur gedämpftes Plaudern, ich fühlte mich am richtigen Ort, um der hysterischen Gegenwart für einen Abend zu entkommen, und eigentlich war das auch der Plan – allein, er ging nicht auf.Denn je länger ich am Tresen saß, desto unwohler fühlte ich mich, am Ende kam ich mir fast albern vor. Die Briefe und Fotos mochten echt sein, die Atmosphäre war es nicht. Da saßen Menschen des 21. Jahrhunderts in einer Bar, die dermaßen bemüht den Anspruch erhob, ein Mythos zu sein, dass sich alles, was eine gute Bar ausmacht, nicht einstellen konnte: Lässigkeit, Beiläufigkeit, Selbstvergessenheit. Ich fühlte mich umzingelt von konservierter Vergangenheit, einer Ansammlung stilvoll arrangierter Klischees, zu denen man sich gesellt, um in vermeintlich glamourösere Zusammenhänge einzutauchen, von denen man im Grunde keine Ahnung hat, denn wenn alles so toll gewesen war, warum hat Hemingway sich dann mit einer doppelläufigen Schrotflinte in den Kopf geschossen? Erst jetzt fiel mir auf, dass mehrere Gäste Fotos machten, sie kamen mir wie Schwindler vor, und noch schlimmer, auch ich kam mir wie ein Schwindler vor. Am Ende war ich überzeugt, dass wir alle an diesem Abend hierhergekommen waren, um einmal im Leben einen Drink in der berühmten »Bar Hemingway« im »Ritz« zu trinken, um anschließend davon erzählen zu können. Ich zahlte, lief durch den Nieselregen nach Hause und rief meine Freundin an, die seit vielen Jahren in Paris lebt. »Selbst schuld«, meinte sie. »Also, ich würde nie in die Hemingway-Bar gehen.«In einer früheren Version des Artikels stand fälschlicherweise, die Nazis wären 1944 in Paris einmarschiert, es war aber 1940. Wir haben den Fehler korrigiert. Illustration: GrafiluTobias Haberl schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Lara Fritzsche und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.
Klischee mit Vanille
Die »Bar Hemingway« in Paris ist ein sagenumwobener Ort. Entsprechend begeistert war unser Autor – allerdings nur ein paar Minuten lang.







