PfadnavigationHomeKultur„Building a Wall“Meisterwerk aller AntimauerhymnenStand: 11:39 UhrLesedauer: 3 Minuten„Not so much to keep you out“: Berliner MauerQuelle: Stephen Jaffe/Getty ImagesVor 65 Jahren mauerte die DDR sich ein. Lieder über den „Schutzwall“ gibt es viele. Aber nur ein Song erinnert an die zwei Lügen, mit denen Walter Ulbricht erst die Welt täuschte – und dann sein Volk.Bereits im Frühjahr 1961 war die Rede von einer Berliner Mauer. Walter Ulbricht selbst fand, zwei Monate bevor er sie bauen ließ, bei einer Pressekonferenz auf die Frage nach einer Staatsgrenze am Brandenburger Tor die Worte: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ Seine Bauarbeiter hätten Besseres zu tun, nämlich die Wohnungsnot zu lindern. Ulbrichts legendärer Satz galt für acht Wochen, bis zum 13. August vor 65 Jahren.Zum 20. Jahrestag des sogenannten Mauerfalls, 2009, sangen die Pet Shop Boys: „I’m building a wall/ A fine wall/ Not so much to keep you out/ More to keep you in.“ In geradezu ulbrichtschem Geist freute sich ein lyrisches Ich an einer schönen Mauer, die es baue. Weniger, um andere fernzuhalten, als um alle, die wegwollen, festzuhalten. Lieder über Mauern gibt es viele, metaphorisch weit gefasste wie konkret berlinbezügliche. „Building a Wall“ schafft beides.Lesen Sie auchGroße Popsongs wissen immer mehr als ihre Schöpfer, das macht sie zu Klassikern. Die Pet Shop Boys besingen die menschliche Sehnsucht nach einem sicheren Ort im Leben, der einem die störende Außenwelt vom Leib hält. Sie rufen einander ihre Wünsche zu, von „Protektion!“ bis „Prävention!“ Aber dann wird es auch schon exkursiv und episch wie eigentlich immer bei Neil Tennant und Chris Lowe.Tennant erzählt, während Lowe seine Synthesizer spielt, wie sie als Kinder noch in britischen Ruinen spielten, die ihnen die Fliegerbomben der deutschen Barbaren hinterlassen hatten – und wie sie im Fernsehen den Kalten Krieg erlebten. Der Gesang schweift ab in die 20er-Jahre des zweiten Jahrhunderts, als die Centurionen in den Norden vordrangen und den Hadrianswall errichteten. An der römischen Mauer wuchs der Sänger in den 1960er-Jahren auf. Er las viel. Robert Frost beeindruckte ihn mit einem Gedicht von 1914, „Mending Wall“, darüber, wen und was jemand, der sich einmauert, ausschließt.Lesen Sie auchLesen Sie auchAuch er lebte, singt Neil Tennant, am Hadrianswall im Schatten einer Mauer. Selbstverständlich dachte er da an Berlin. Er las nicht nur, er sah auch Spionageserien, die an der Zonengrenze spielten. In „Building a Wall“ ist er noch heute froh, immer in einem freien Land gelebt zu haben – wofür ihn Chris Lowe verspottet: Ob er sich für Captain Britain halte? Bevor sie die Pet Shop Boys ins Leben riefen, war der Sänger für den Superhelden beim Marvel-Verlag als Redakteur zuständig.Ein Jahr nach der Mauerhymne bezogen sie ihre Zweitwohnungen in Berlin. Auf ihren Bühnen bauten sie aus Kunststoffquadern die besungenen schönen Mauern, um sie einzureißen. Unter allen Mauerliedern der Musikgeschichte ist „Building a Wall“ das einzige, das den Mythos des ulbrichtschen „Antifaschistischen Schutzwalls“ gleich mit in Trümmer legt. Der Stacheldraht zeigte nach Osten. „Not so much to keep you out/ More to keep you in“: Die Mauer richtete sich weniger gegen den Westen.