PfadnavigationHomeGeschichteMauerbau 1961Alle hätten wissen können, was kommt – und keiner wollte es wissenStand: 07:06 UhrLesedauer: 6 MinutenHeute vor 65 Jahren begann der Bau der Berliner Mauer. Am 13. August 1961 zementierte die SED-Führung damit die Teilung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Die zentrale Veranstaltung findet an der Gedenkstätte Bernauer Straße in Berlin-Mitte statt.In den letzten Tagen vor der Abriegelung der innerstädtischen Sektorengrenze am 13. August 1961 gab es im Westen verschiedene Hinweise auf den Plan des SED-Regimes. Doch weder Journalisten noch Politiker reagierten – und auch die Geheimdienstler nicht.Klar wurde das Bild erst im Rückblick. Also nach dem Schock, der alle Zeitgenossen in Deutschland und darüber hinaus gefühlt unvorbereitet getroffen hatte. Doch das stimmte eigentlich gar nicht. Denn in den letzten Tagen vor der gewaltsamen Absperrung der innerstädtischen Sektorengrenze in der Vier-Mächte-Stadt Berlin am 13. August 1961 ab ein Uhr morgens, der „X-Zeit“ im Jargon der SED, hatte es eine überraschende Fülle von Hinweisen gegeben, was bevorstand. Allerdings hatte niemand vor der Grenzschließung die öffentlich bekannten Informationssplitter zusammengefügt.Auch nicht das West-Berliner Büro der WELT-Redaktion, die Verlautbarungen der Ost-Berliner Machthaber stets mit besonderem Interesse verfolgte. Die anschwellende Zahl der Flüchtlinge über das „Schlupfloch“ West-Berlin wurde seit Wochen fast täglich auf der WELT-Titelseite vermeldet. Am Donnerstag, 10. August 1961, fand sich auf der Seite 2 eine Nachricht über einen Auftritt des „Schweriner Oberdompredigers Karl Kleinschmidt“ im „Sowjetzonen-Fernsehen“, der am Mittwochabend verlangt hatte, „die vielen offenen Türen endlich zuzumachen“. Wer seine Flucht aus der DDR vorbereite, sei ein „Verbrecher“, und man müsse ihn „wie einen Verbrecher behandeln“.Auf der gleichen Seite fasste die WELT-Redaktion einen Kommentar im SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ vom Vortag zusammen. Die Überschrift lautete: „Berlin bald nicht mehr Zufluchtsstätte – Hintertürchen wird geschlossen“. Für den folgenden Freitag, 11. August 1961, war vormittags das Pseudoparlament der DDR, die Volkskammer, zu einer außerordentlichen Sitzung nach Ost-Berlin einberufen. Nach „Ansicht politischer Beobachter in West-Berlin“ blickte WELT auf diese Sitzung voraus: Es könnten „gesetzgeberische Maßnahmen“ beschlossen werden, „die sich direkt und indirekt gegen die Massenflucht“ richten könnten. Offizieller Anlass: Im Sekretariat der Volkskammer „häuften“ sich angeblich Telegramme, Fernschreiben und Briefe, die eine Gesetzesverschärfung forderten. Darin würden von „Angehörigen aller Schichten“ der Zonenbevölkerung „noch wirksamere und schlagkräftigere Maßnahmen“ gegen die Flucht aus der DDR gefordert.Eine ähnliche (angebliche) Flut von Eingaben an die Volkskammer sollte es schon im Dezember 1957 gegeben haben. Daraufhin nickte die praktisch machtlose Versammlung ein verschärftes Passgesetz ab, das jedes „illegale“ Verlassen der SED-Diktatur mittels „ungesetzlichen Grenzübertritts“ unter schwere Strafandrohung stellte.Lesen Sie auchUnd zu Pfingsten 1952: Eine „Flut von Resolutionen“ an Behörden habe seinerzeit die Absperrung der innerdeutschen Grenze verlangt – die dann tatsächlich am 26. Mai 1952 folgte. Fortan konnten fluchtwillige SED-Untertanen einigermaßen gefahrlos nur noch die innerstädtische Demarkationslinie in Berlin benutzen, die mit Rücksicht auf die von den vier Siegermächten gemeinsam wahrgenommenen Rechte an Berlin als Ganzem zwar von der DDR kontrolliert, aber nicht geschlossen wurde.Über die Volkskammer-Sitzung berichtete WELT in der Samstagsausgabe, das Pseudo-Parlament habe „der Zonenregierung die Blanko-Vollmacht erteilt, Maßnahmen zur ,Sicherung‘ des Zonenstaates und zur Vorbereitung eines separaten Friedensvertrages mit dem Ostblock zu treffen“. Doch was hieß das?Ohne Einzelheiten zu nennen, seien „Maßnahmen des Zonenministerrats zur Eindämmung der Massenflucht“ bestätigt worden. Die „allgemein gehaltenen Formulierungen des Volkskammer-Beschlusses“ gäben der DDR-Regierung die Möglichkeit, per Verordnung (statt mittels eines förmlichen Gesetzes) „neue Schutzmaßnahmen“ zu erlassen.Am selben Freitagmorgen erschien die „Berliner Morgenpost“, die seinerzeit wie WELT zum Axel-Springer-Verlag gehörte, mit einer rückblickend prophetischen Schlagzeile: „SED will Fluchtwege versperren. Vor dem Höhepunkt des Terrors?“ Hunderttausendfach wurde diese Schlagzeile an jenem Freitag in West-Berlin gelesen; auch in Bonn, Washington, London und Paris erfuhren zumindest die politisch relevanten Personen durch ihre Vertreter in der geteilten Stadt von dieser Sorge.Dennoch konnte sich niemand, kein normaler Leser, kein Journalist und auch kein westlicher Politiker, ausmalen, was gleichzeitig rund um West-Berlin vorbereitet wurde. Nicht einmal beim Bundesnachrichtendienst, dem auch für die DDR zuständigen Auslandsgeheimdienst Westdeutschlands. Und das, obwohl aus Ost-Berlin beunruhigende Informationssplitter durchsickerten. Zum Beispiel, „dass Maßnahmen vorbereitet werden, die Sektorengrenzen zwischen dem 12. und 18. August 1961 zu schließen, um den nicht mehr kontrollierbaren Flüchtlingsstrom zu unterbinden“. Oder die Zusammenfassung einer Funktionärssitzung im Zentralkomitee der SED am 11. August: „Die Lage des ständig steigenden Flüchtlingsstroms mache es erforderlich, die Abriegelung des Ostsektors von Berlin und der SBZ in den nächsten Tagen – ein genauer Tag wurde nicht angegeben – durchzuführen und nicht, wie eigentlich geplant, erst in 14 Tagen.“ Beide Nachrichten trafen per Fernschreiben am Samstag in Pullach bei München ein.Am selben 12. August, die Redaktion von WELT in Hamburg war ebenso unbesetzt wie das Büro in West-Berlin, hatte Walter Ulbricht einen wichtigen Termin: Für 16 Uhr hatte er die meisten Mitglieder des Ministerrates (der Regierung) und des Staatsrates (des kollektiven Staatsoberhauptes der DDR) in sein offizielles Gästehaus am Döllnsee, 60 Kilometer nördlich von Berlin, bestellt. Erst gab es Kaffee und Kuchen, dann Abendessen – und anschließend, die genaue Uhrzeit ist unbekannt, gab der SED-Machthaber bekannt: „Aufgrund der Volkskammerbeschlüsse werden heute Nacht zuverlässige Sicherungen an der Grenze vorgenommen.“Lesen Sie auchGegen Mitternacht wurden mehr als 10.000 Soldaten und Bereitschaftspolizisten in Kasernen rund um die drei freien Sektoren der früheren Reichshauptstadt aus dem Schlaf geholt. Spätestens um 0.30 Uhr sollten die Männer abmarschbereit sein, um ein Uhr an ihren Einsatzorten entlang der innerstädtischen Demarkationslinie. Warum erkannte niemand im Westen, was sich zusammenbraute? Vielleicht, weil Walter Ulbricht zwei Monate zuvor ein schier unglaublicher Fehler unterlaufen war. Auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin am 15. Juni 1961 hatte er versehentlich zu erkennen gegeben, was ihn beschäftigte.Lesen Sie auch„Ich verstehe Ihre Frage so“, antwortete er auf die Wortmeldung einer Reporterin aus Frankfurt am Main, „dass es in Westdeutschland Menschen gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, eine Mauer aufzurichten, ja?“ Nach einer kurzen Pause fuhr er in nasalem Sächsisch fort: „Mir ist nicht bekannt, dass solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft dafür voll ausgenutzt … äh … voll eingesetzt wird.“ Dann ergänzte er jenen Satz, der für immer mit seinem Namen verbunden bleiben wird: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“Kein westlicher Beobachter vermochte sich vorzustellen, dass eine Großstadt durch eine Mauer oder auch nur dauerhafte Stacheldrahtverhaue zerschnitten werden könnte. Sie hielten Ulbrichts Satz lediglich für eine verunglückte Metapher. Auch WELT hatte diese Äußerung registriert, aber nicht richtig eingeordnet.Nach dem gleichen Mechanismus wurden auch die Hinweise in den letzten Tagen vor dem Mauerbau ausgeblendet oder schöngeredet: Man wollte nicht glauben, was unrealistisch schien. Bis zum frühen Morgen des 13. August 1961, als exakt um 1.05 Uhr die Lichter ausgingen, die gewöhnlich nachts das Brandenburger Tor anstrahlten. Im Schutze der Dunkelheit zogen unmittelbar darauf Hunderte Männer mit Maschinenpistolen in den Händen auf, rollten schemenhaft erkennbar Schützenpanzer zwischen die Säulen des Berliner Wahrzeichens. Für die folgenden 10.315 Tage blieb Berlin eine geteilte Stadt, durchschnitten von einer mörderischen Grenze. Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Seit 1974 lebt er in (West-)Berlin und kannte die Mauer von Kindesbeinen an. Über ihren Bau, ihren Fall und die 28 Jahre dazwischen hat er seit 1993 Hunderte Artikel veröffentlicht.
Mauerbau 1961: Alle hätten wissen können, was kommt – und keiner wollte es wissen - WELT
In den letzten Tagen vor der Abriegelung der innerstädtischen Sektorengrenze am 13. August 1961 gab es im Westen verschiedene Hinweise auf den Plan des SED-Regimes. Doch weder Journalisten noch Politiker reagierten – und auch die Geheimdienstler nicht.














