PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1961Der Mauerbau war ein „schwarzer Tag in der deutschen Geschichte“Veröffentlicht am 04.05.2026Lesedauer: 5 MinutenDDR-Grenzer an der gerade eben errichteten Berliner Mauer im August 1961Quelle: picture alliance/akg-images/akg-images/Archiv BoelteAm 13. August 1961 sperrte die SED-Diktatur in einer präzise vorbereiteten Aktion die innerstädtische Sektorengrenze in Berlin. Obwohl es Hinweise gegeben hatte, waren alle Beobachter konsterniert. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Jürgen ahnte nicht, was er ungewollt auslöste. Am Morgen des 13. August 1961 gegen sieben Uhr rüttelte der 21-Jährige seinen drei Jahre älteren Bruder Günter aus dem Schlaf. „Los, steh’ auf. Die haben die Grenze dichtgemacht.“ Die beiden jungen Männer aus Berlin-Weißensee schwangen sich auf ihre Fahrräder und fuhren zur innerstädtischen Sektorengrenze. Doch wohin sie auch radelten: Überall sahen sie das Gleiche. Männer der „Betriebskampfgruppen“ standen quer über Straßen mit Maschinenpistolen im Anschlag und bewachten ausgezogene Stacheldrahtrollen – die Augen stets gen Ost-Berlin gerichtet. Günter war deprimiert. Der gelernte Schneider lebte im sowjetischen, aber arbeitete im britischen Sektor. Er hatte sich sogar schon in der Suarezstraße im Innenstadtbezirk Charlottenburg eine Zweizimmerwohnung gesichert, war dort polizeilich bereits gemeldet. Den Umzug hatte er für Ende August 1961 geplant – zu spät.Doch Günter gab nicht auf: Er wollte den „Grenzdurchbruch“ wagen. Jeden Tag kundschaftete er mögliche Fluchtwege aus. Noch waren die „Sicherungsmaßnahmen“ löchrig. Er entschied sich für den Humboldthafen an der Einmündung des Spandauer Schifffahrtskanals in die Spree. Ladegeräte und Stege versprachen hier Deckung beim Schwimmen.Am 24. August 1961 nachmittags ging er aufs Ganze. Doch ein Posten der DDR-Transportpolizei entdeckte vom Bahndamm über dem Humboldthafen aus den Fluchtversuch, schoss – und traf. Günter Litfin war das erste Opfer des Schießbefehls, den das SED-Politbüro zwei Tage zuvor erlassen hatte. Erst mit dieser Weisung, Fluchtversuche gegebenenfalls mit gezielten Schüssen zu verhindern, wurde die Berliner Mauer zu einer fast undurchdringlichen Sperre. Mindestens 139 weitere Menschen starben allein in oder um Berlin bis 1989.Begonnen hatte der Horror in der Nacht zu Sonntag, dem 13. August 1961. Gegen Mitternacht wurden mehr als 10 000 NVA-Soldaten und DDR-Bereitschaftspolizisten in Kasernen rund um die drei westlichen Sektoren der früheren Reichshauptstadt aus dem Schlaf geholt. „Gefechtsbereitschaft“ war in dieser lauen Sommernacht angeordnet, und spätestens um 0.30 Uhr sollten die Männer abmarschbereit sein. Allerdings bekamen die Mannschaftsdienstgrade keine scharfe Munition ausgehändigt, nur die Offiziere.Ein Uhr morgens war als „X-Zeit“ festgelegt – als Moment der möglichst totalen Sperrung der innerstädtischen Sektorengrenze. Der „Außenring“ der drei westlichen Sektoren zum ehemaligen Land Brandenburg, nun den Bezirken Potsdam und Frankfurt (Oder), war bereits seit 1952 sukzessive gesperrt und befestigt worden. Nun also das letzte Schlupfloch aus der Diktatur in die Freiheit. Das Vorhaben klappte weitgehend: Nur wenige Tausend Menschen kamen nach Beginn der Aktion noch unbehelligt in den Westen. Obwohl es Hinweise gegeben hatte (die „Berliner Morgenpost“ titelte am 11. August 1961: „SED will Fluchtwege versperren. Vor dem Höhepunkt des Terrors?“), waren alle, wirklich alle Beobachter konsterniert: Niemand in West-Berlin und Westdeutschland hätte sich vorstellen können (oder zumindest: wollen), dass die ostdeutsche Diktatur tatsächlich so weit gehen würde.„Der Mann im Kreml scheut nicht davor zurück, seine Politik so oder so durchzusetzen und zu erzwingen“, kommentierte WELT-Chefredakteur Hans Zehrer: „Er hält sich weder an Verträge noch an die Termine, die er selber aufgestellt hat.“ In einem langen Leitartikel auf den ersten beiden Seiten der Zeitung vom 14. August 1961 zusätzlich zum normalen Kommentar in der linken Spalte der Titelseite fügte er düster hinzu: „Das, was sich gestern ereignete und morgen und übermorgen weiter geschehen wird, zieht auch hier seine Kreise und erschüttert die Menschen. Es verändert unsere politische Wirklichkeit, und die verantwortlichen Staatsmänner werden dieser Veränderung Rechnung zu tragen haben.“Nach den Stacheldrahtrollen und Postenketten kamen Zäune: Binnen weniger Stunden begannen Pioniere der DDR-Grenztruppen und der NVA, mit Presslufthämmern Löcher für Pfosten in den Boden zu schlagen. In den folgenden Tagen entstanden dann die ersten echten Mauern, meist zusammengefügt aus drei Teilen: zuunterst quadratische Betonplatten, in der Größe von 80 mal 80 Zentimetern bis zu 1,40 mal 1,40 Meter. Darauf wurden zwei bis vier Lagen Steine gemauert, manchmal auch ein bis zwei Lagen Betonschwellen. Schließlich krönten die so 160 bis 180 Zentimeter hohe Sperre meist ypsilonförmige Stahlprofile, an denen mehrere Reihen Stacheldraht befestigt wurden.Nach kaum einer Woche war die innerstädtische Grenze dicht. Doch noch hatten die Grenzer nicht den Befehl, ihre Waffen gegen potenzielle Flüchtlinge einzusetzen. Weil aber selbst die brutalsten Sperranlagen ohne Todesopfer nicht abschreckend genug waren, sich innerhalb kurzer Zeit im Westen Fluchthelfer organisierten, eskalierte das SED-Politbüro die Situation weiter: mit dem Schießbefehl. Der natürlich auch in der DDR bekannt sein musste, um zu wirken. Am 25. August 1961 veröffentlichte ein SED-Blatt einen Artikel mit der Überschrift „Schüsse missachtet“. Der Ermordete sei „eine wegen verbrecherischer Handlungen verfolgte Person“. Wenige Tage später verunglimpften das „Neue Deutschland“ und der SED-Chefpropagandist Karl Eduard von Schnitzler den Toten Günter Litfin namentlich. Sein Bruder wurde verhört, seine Mutter schikaniert. In der Todesanzeige konnten sie nur andeuten, Günter sei „durch einen tragischen Unfall“ plötzlich und unerwartet verstorben.Schon am 14. August 1961 hatte WELT den Bau der Berliner Mauer einen „schwarzen Tag in der deutschen Geschichte“ genannt. Die tags zuvor errichtete Schandgrenze blieb bis zum 9. November 1989 geschlossen. Mehr als 28 Jahre lang war sie der unübersehbare Beweis, dass jede Form von Sozialismus verbrecherisch ist. Seit ihrem Fall erodiert diese Einsicht allerdings immer stärker.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Schon als Kind lernte er von West-Berlin aus das DDR-Grenzregime kennen. Die SED-Diktatur sowie der Widerstand gegen sie gehören zu seinen Hauptarbeitsgebieten. Mit Dietmar Arnold veröffentlichte er ein Buch über Fluchttunnel.
Berliner Mauer: Der 13. August 1961 war ein „schwarzer Tag in der deutschen Geschichte“ - WELT
Am 13. August 1961 sperrte die SED-Diktatur in einer präzise vorbereiteten Aktion die innerstädtische Sektorengrenze in Berlin. Obwohl es Hinweise gegeben hatte, waren alle Beobachter konsterniert. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.






