Die Situation von Femke Broeders-Bol erinnert an ein Kartenspiel. Über 400 Meter Hürden hielt die Niederländerin über Jahre alle Trümpfe in der Hand. Doch über 800 Meter muss sie erst herausfinden, welche Karten sie hat – und in den Tagen vor einer Europameisterschaft lassen sie sich auch nicht einfach nachziehen.Als Broeders-Bol im vergangenen Herbst ankündigte, auf die Mittelstrecke zu wechseln, war sie 25 Jahre alt, zweifache Weltmeisterin und 2025 ungeschlagen geblieben. In ihrer Spezialdisziplin hätte sie wohl noch lange erfolgreich sein können. Stattdessen entschied sie, noch einmal Anfängerin zu werden.In der Leichtathletikszene galt Broeders-Bol schon seit Jahren als prädestiniert für die 800 Meter. Aber erst im vergangenen Jahr kam sie in Absprache mit ihrem Trainer zu dem Schluss, dass ihr ein Wechsel guttäte – auch, weil ein weiterer Olympiazyklus in der alten Disziplin vor allem Druck erzeugen würde. Der Reiz des Neuen gefalle ihr: „So kann ich wieder genauso unbeschwert sein wie zu Beginn meiner Karriere.“Ihre Ausdauer muss Broeders-Bol noch verbessernBroeders-Bol entdeckte sich als Athletin neu, und sie rannte gleich zu starken Zeiten. Im Februar lief sie bei ihrem ersten 800-Meter-Rennen in 1:59,07 Minuten einen niederländischen Hallenrekord, und auch im Freien ging ihre Entwicklung nach einer Verletzungspause weiter: 1:57,13 in Ostrava, 1:57,41 in Hengelo, 1:55,60 in Paris. Bald rechnete man ihr bei der EM realistische Medaillenchancen zu.Sie bemerkte aber auch, dass die neue Disziplin sie anders beansprucht. Im Training musste sie plötzlich deutlich mehr Kilometer zurücklegen, in langsamerem Tempo als gewohnt. Sie musste kontrollierter und effizienter laufen, sich an eine höhere Schrittfrequenz gewöhnen. Auch der Schmerz, sagt Broeders-Bol, fühle sich anders an: Bei den Hürden komme irgendwann eine Wand, hinter der die Geschwindigkeit nur noch sinke; bei den 800 Metern beginne diese Wand früher, sei aber länger auszuhalten.Broeders-Bol verfügt über etwas, das sich nur schwer trainieren lässt: eine außergewöhnliche Grundschnelligkeit. Ihre Ausdauer über zwei Runden muss sie dagegen noch verbessern. „Das kann man nicht innerhalb eines Jahres erreichen“, sagt Laurent Meuwly, der Trainer des niederländischen Leichtathletikverbandes.Nicht nur Plan A, sondern Plan A bis ZÜber 800 Meter geht es aber nicht nur um Schnelligkeit, sondern auch um Strategie und die richtige Positionierung. Nach der ersten Kurve gibt es keine festen Bahnen mehr, es wird taktiert und gedrängelt. Wer zu spät angreift, kommt nicht mehr nach vorne. Wer sich zu früh locken lässt, bezahlt dafür auf den letzten Metern. Also analysierte Broeders-Bol am Laptop alte 800-Meter-Rennen. Sie beobachtete ihre Konkurrentinnen und sprach mit Ellen van Langen, der niederländischen Olympiasiegerin von 1992: „Um zu sehen, was die anderen machen, und welche Taktiken zu mir passen würden“, sagt sie.In ihrer alten Disziplin war sie es gewohnt, auf jedes Detail vorbereitet zu sein. Was die anderen Läuferinnen machten, spielte für sie kaum eine Rolle. Über 800 Meter aber könne eine Konkurrentin alles, was sie sich überlegt habe, innerhalb weniger Sekunden zunichtemachen. Deshalb brauche es nicht nur Plan A, sagt sie, sondern im Zweifel auch einen Plan A bis Z.Aber Broeders-Bol genießt es auch, nicht zu wissen, wo ihre Grenzen liegen. Vor der EM hat sie sich als eine „Wundertüte“ bezeichnet, weil niemand wisse, wie sie laufen werde. Vielleicht gelinge ihr etwas, womit keiner rechne. „Das kann aber auch ein Nachteil sein“, sagte sie: „Ich kenne mich selbst noch nicht genau.“„Ich möchte sehr viel lernen“Das ist der Reiz ihres Experiments: Broeders-Bol verließ ihre Disziplin auf dem Höhepunkt, im September hatte sie ihren WM-Titel erfolgreich verteidigt. Ihre 50,95 Sekunden aus dem Jahr 2024 machen sie zur zweitschnellsten 400-Meter-Hürdenläuferin der Geschichte. Nun nimmt sie sich die Freiheit, nicht alles wissen zu müssen. Sie sagt selbst, dass sie nur wenig Angst vor dem Scheitern habe. Was habe sie schließlich zu verlieren?Sollte sie das Finale am Freitag (22.46 Uhr MESZ) erreichen, wären die Favoritinnen andere: die Schweizerin Audrey Werro mit ihrer persönlichen Bestzeit von 1:53,80 Minuten und die Britin Keely Hodgkinson mit 1:54,33 Minuten. „Ich sage keineswegs, dass ich nur wegen der Erfahrung dorthin fahre, aber ich möchte auch sehr viel lernen“, sagt Broeders-Bol. Auch wenn sie verstehe, dass die Außenwelt an Medaillen denke. Sie selbst aber habe so nie gedacht, sagt sie. „Auch nicht, als ich die große Favoritin über 400 Meter Hürden war.“Ihre bisherige Karriere hat Broeders-Bol damit verbracht, im perfekten Rhythmus Hindernisse zu überwinden. Nun hat sie die Hürden aus ihrem Weg geräumt. Einfacher ist es für sie dadurch nicht geworden.
Femke Broeders-Bol bei der Leichtathletik-EM: Von der Weltmeisterin zur Anfängerin
Femke Broeders-Bol ist zweimalige Weltmeisterin und zählt zu den Stars der Leichtathletik – über 400 Meter Hürden. Nun aber tritt sie in einer ganz neuen Disziplin an: um wieder so unbeschwert zu laufen wie früher.














