KommentarFür Israel gelten immer strengere Massstäbe. Dahinter steckt die verquere Idee, dass Juden Opfer bleiben müssenIsrael ist zunehmend isoliert. Die ganze Welt geht auf Distanz. Der Holocaust verfolgt das Land wie ein Fluch.13.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIsraelische Infanteriesoldaten einer Panzereinheit bei einer Übung in den Golanhöhen, Israel, 27. Oktober 2015.Atef Safadi / EPANach dem Zweiten Weltkrieg und dem Mord an sechs Millionen Juden wurde Deutschland ein quasipazifistisches Land. Die Deutschen hatten sich mit ihrem Nationalismus und Militarismus so in den Abgrund gestürzt, dass sie nun mit Krieg und Waffen fast gar nichts mehr zu tun haben wollten. Sogar der eigene Nationalstaat wurde vielen Deutschen unangenehm, man flüchtete sich in eine übergeordnete Einheit: Europa.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als Europäer war man weniger deutsch. Zwar mutete diese Selbstaufgabe für Aussenstehende stets etwas schrullig an, aber auch verständlich. Das Glück der Deutschen war, dass ihre postnationale und pazifistische Identität gleichzeitig das Ideal einer westlichen Elite war. Das Tätervolk zog in den Augen der Öffentlichkeit die richtigen Schlüsse aus seinen Verbrechen und wurde in letzter Zeit fast zu einem Vorbildstaat in einer globalisierten Welt stilisiert. All das beginnt erst jetzt zu bröckeln, wo Russland Europa bedroht und der nationale Gedanke auf dem ganzen Kontinent mit Druck zurückkehrt.Nie mehr Opfer seinIsrael hingegen machte eine ganz andere Entwicklung durch. Während die Deutschen nie mehr Täter sein wollten, wollten die Juden nie mehr Opfer sein. In einer Zeit postnationaler Ideale verteidigt Israel beharrlich seinen jüdischen Nationalstaat, durchdrungen vom unbedingten Willen zur Wehrhaftigkeit und zum Überleben des jüdischen Volks. Wie die Entwicklung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ist auch jene in Israel absolut verständlich. Paradoxerweise wird Israel aber bis heute für seine Schlüsse aus dem Holocaust öffentlich abgestraft, und zwar mit wachsender globaler Zustimmung.Denn es gibt die weitgehend unausgesprochene und perfide Vorstellung, dass der Holocaust eine Art Stahlbad der Gutmenschlichkeit hätte sein müssen. Perverserweise hat man von Israel implizit dieselbe Läuterung erwartet wie von Deutschland. Man dachte, dass sich der jüdische Staat auch zu einem quasipazifistischen Land entwickeln müsste. Der Zivilisationsbruch – der Deutschen – sollte gerade bei Israel zu einer höheren Form der Zivilisiertheit führen. Etwas vereinfacht gesagt: Man hatte die kollektive Vorstellung, dass Menschen besser werden, nachdem sie gefoltert und misshandelt worden sind.Wie sonst lässt es sich erklären, dass Israel wie kein anderes Land der Welt kritisiert wird? Warum sind die Massstäbe an Israel stets höher? Antisemitismus und Ressentiments gegenüber Israels Schutzmacht Amerika spielen zweifellos eine Rolle. Aber seit dem Holocaust gibt es auch ein verqueres kollektives Bedürfnis, dass Juden stets klar als Opfer identifizierbar sind. Wird diese Vorstellung enttäuscht oder herausgefordert, ist die Reaktion umso aggressiver. Für Israel gelten entsprechend die allerhöchsten Ansprüche, die das Land in seiner feindlichen Region nie einlösen kann. Denn der Judenhass ist im Nahen Osten schon fast ein konstitutives Element der arabischen Kultur.Der Genozid-VorwurfYosef Amrani, ein israelischer Spitzendiplomat, sagte in einem Interview in der NZZ, die Europäer würden ihre unterschiedlichen Massstäbe damit begründen, dass sie sich mit Israel besonders identifizierten. «Ihr seid wie wir», höre er dann immer wieder. Die Antwort überzeugt nicht. Denn wenn es so wäre, dann würde sich der Westen gegenüber Israel viel solidarischer verhalten.Es gibt im Grunde drei Spielarten des Antisemitismus im Zusammenhang mit der Shoah: Der Genozid ist eine Erfindung, Israel instrumentalisiert diesen Genozid, und Israel verübt selbst einen Genozid an den Palästinensern. So war etwa der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago der Meinung: «Das jüdische Volk verdient kein Mitleid mehr für das im Holocaust erlittene Leid, denn es fügt den Palästinensern Leid von derselben Art zu.» Im Grunde steckt in dieser Aussage implizit die Genugtuung darüber, dass die Juden – endlich – keine Opfer mehr sind. Darob geht der masslose Vergleich fast vergessen.Das Gütesiegel der UnoDer Sonderstatus von Israel und die schiefen Massstäbe an dieses Land werden nirgendwo so offenbar wie bei der Uno. Die Idee etwa, dass der jüdische Staat kolonialistisch und rassistisch sein soll, ist nicht eine neue Vorstellung einer progressiven globalen Linken. In der Uno hat diese Theorie Tradition. Spätestens seit dem Sechstagekrieg von 1967 sind die Vereinten Nationen ein Forum für Israelhass. Kein anderes Land wird in unzähligen Resolutionen so häufig kritisiert.Mögen die Russen, Nordkoreaner, Syrer und Iraner Menschenrechte verletzen, wie sie wollen, in der Uno spricht man am liebsten über Israel. Am 10. November 1975 verabschiedete die Uno die berühmte Resolution 3379 und stellte fest, «dass der Zionismus eine Form des Rassismus und der rassistischen Diskriminierung ist». Damit gab die Weltorganisation dem Irrglauben ihr Gütesiegel, dass der jüdische Staat auf einer rassistischen Idee basiere. 1991 wurde die Resolution zwar widerrufen, aber die Uno arbeitet sich unermüdlich weiter an Israel ab.Trump, der letzte AlliierteDie Massivität der Israel-Kritik hat seit dem Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 noch einmal stark zugenommen. In einem kurzen Zeitfenster gab es im Westen Solidarität mit Israel, denn nun war das Land wieder im Opferstatus, der ihm zugedacht wird. Die militärische Kampagne im Gazastreifen mit Zehntausenden Toten hat die öffentliche Anteilnahme aber weitgehend zunichtegemacht.Der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance sagte kürzlich in einer Pressekonferenz, Donald Trump sei noch der letzte Alliierte Israels weltweit. Das mag etwas gar drastisch klingen, immerhin hatte Israel letzthin im Nahen Osten auch einige diplomatische Erfolge vorzuweisen. Aber in der Tendenz trifft Vance ins Schwarze. Israel wird zunehmend isoliert. Dem Land steht ein Heer von Gegnern gegenüber: rechte und linke Gruppen sowie muslimische Antisemiten. Den Kampf um die öffentliche Meinung hat Israel längst verloren.Die «New York Times» veröffentlichte vor einiger Zeit einen Artikel unter dem Titel «Das Schweigen zur Vergewaltigung der Palästinenser». Der Autor Nicholas Kristof, ein Pulitzerpreisträger, wirft darin Israel unter anderem vor, palästinensische Gefangene würden von Hunden vergewaltigt. Beweise konnte die Zeitung dafür nicht ansatzweise vorbringen, doch die Redaktion bleibt bei ihrer Meinung – und die Welt glaubt es, oder man zuckt mit den Schultern.Der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani gewann seinen Wahlkampf mit Israel-Kritik. Zu seiner Imagekampagne gehörte, dass er Benjamin Netanyahu – den «Architekten eines entsetzlichen Genozids gegen das palästinensische Volk» – verhaften lassen würde. Sich negativ zu Israel zu äussern, ist ein politisches Erfolgsrezept geworden. Von der ermüdenden und volksfernen Identitätspolitik sind die Linken ein Stück weit abgewichen, nun konzentriert man sich auf Israel-Bashing. Die islamistische Terrororganisation Hamas, die Israel vernichten will, wird entweder weggeblendet oder als linke Befreiungsbewegung veredelt.Das hässliche Gesicht IsraelsWährend Israel mit antisemitischen Projektionen und unhaltbaren Massstäben konfrontiert ist, unternimmt seine Regierung auch selbst einiges, um sich unbeliebt zu machen. Die Rechtsextremisten Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir stehen geradezu symbolhaft für das hässliche Gesicht des Staates.Finanzminister Smotrich wollte den Gazastreifen vollständig zerstören, Ben-Gvir, der Minister für nationale Sicherheit, bezeichnete Hilfslieferungen für Palästinenser auch schon als «schweren Fehler». Beide Politiker werben dafür, dass Israel in einem permanenten Kriegszustand und auf Expansionskurs bleibt. Gaza und das Westjordanland sollen annektiert werden, die jüdischen Siedlungen weiter vorrücken. Wenn Linksextreme von einem rassistischen Apartheidstaat phantasieren, finden sie in Smotrich und Ben-Gvir ihre Erfüllungsgehilfen.Ben-Gvir gefällt sich darin, die Welt mit medienwirksamem Brutalismus zu verstören. Er selbst teilte ein Video vom Hafen von Ashdod: Festgenommene Aktivisten der Gaza-Flottille knien auf dem Boden, ihre Hände sind auf dem Rücken gefesselt. Ben-Gvir schwenkt die Israel-Fahne, lächelt und sagt: «Willkommen in Israel!» Zwanzig Länder bestellten daraufhin den israelischen Botschafter ein.Jüngst wollte der Minister Gefängnisse mit palästinensischen Häftlingen von Krokodilen bewachen lassen. Dafür wurde eigens der rechtliche Status von Nilkrokodilen angepasst – aus einer geschützten Art machte man ein «betreutes Wildtier». Ein Gericht intervenierte schliesslich, Ben-Gvir bezeichnete das Urteil als Terrorunterstützung.Die Entfremdung zwischen Israel und dem WestenEine solche Zelebrierung der eigenen Brutalität schadet dem Land enorm. Viel überzeugender ist die Demonstration einer – soweit möglich – disziplinierten militärischen Schlagkraft in einer verrohten Ecke der Welt. Israel unternimmt einen grossen Aufwand, um zivile palästinensische Opfer zu vermeiden. Die israelische Armee informiert die Gegenseite vor einem Angriff und zeigt der Zivilbevölkerung Fluchtwege auf – und gefährdet sich damit selbst. Aber diese Bemühungen rücken zunehmend in den Hintergrund, auch weil sich manche Minister in der Darstellung ihrer eigenen Rohheit so gefallen.Die gegenseitige Entfremdung zwischen Israel und der Welt vertieft sich laufend. Israel fühlt sich unverstanden, der Westen fühlt sich von Israel nicht gehört. Bei J. D. Vance klingt das dann so: «Ihr seid ein Land von neun Millionen Menschen. Ihr könnt euch nicht einfach aus jedem Sicherheitsproblem heraustöten.» Je grösser die internationale Ablehnung, desto mehr verlässt sich Israel nur noch auf sich selbst. Netanyahu macht nicht den Eindruck, dass er bei den Kriegen eine Exitstrategie hat. Angriff und Verteidigung lassen sich kaum mehr voneinander unterscheiden.Diese Dynamik wird allenfalls eine neue Regierung ändern können. Mit Politikern wie Ben-Gvir, Smotrich und selbst Netanyahu wird das nicht möglich sein. Zur Wahrheit gehört aber, dass diese Politiker letztlich nur Ressentiments reaktiviert und verstärkt haben, die schon lange da sind. Der grundsätzliche Vorbehalt gegenüber Israel geht viel tiefer. Der Staat, der sich zu Recht selbst verteidigt, fordert die Idee des «heiligen Opfers» heraus, und damit scheint die Welt nicht klarzukommen. Man wünschte sich stattdessen, dass Israel ein pazifistisches Deutschland wäre.Passend zum Artikel