PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungAntisemitismusDeutschland will moralische Großmacht sein, ist aber sicherheitspolitisch ein ZwergVon Sinisa ToromanVeröffentlicht am 19.12.2025Lesedauer: 3 MinutenDemonstration gegen Israel in Berlin am 11. Oktober 2025Quelle: picture alliance/ZUMAPRESS.com/Nikos KanistrasAuf deutschen Straßen wird gegen Israel gehetzt, und der Staat hält sich zurück. Den Preis dafür zahlen die jüdischen Bürger. Ein Land, das sie nicht schützt, schützt am Ende gar nichts mehr.In diesem Jahr haben sich Bilder aus Berlin, Essen und Düsseldorf in das Gedächtnis vieler Bürger eingebrannt: Auf deutschen Straßen marschierten Demonstranten, die Kalifat-Fantasien beschworen, die die Scharia herbeiwünschten und dabei Parolen brüllten, die sich direkt aus den Handbüchern islamistischer Gruppen speisten.Und der Staat? Er duckte sich weg, als sei er nur Zaungast eines Experiments. Man sah Polizisten, die – den Vorgaben ihrer Vorgesetzten und der Politik folgend – lieber die Straßenseite wechselten, als Plakate zu entfernen, die offen gegen Juden hetzten und die Einführung der Scharia in Deutschland propagierten. Man hörte Innenpolitiker, die in Talkshows erklärten, man müsse „sensibel vorgehen“, um „keine Gruppendynamik zu verstärken“. Als hätten Extremisten je auf eine sensible Ansprache reagiert.Deutschland ist zu einem Land geworden, das seine eigenen Regeln für optional hält. Es lässt Demonstrationen laufen, die offen gegen die freiheitliche Ordnung in Deutschland agitieren. Es lässt radikale Vereine zu, die überall sonst längst verboten wären. Es lässt Abschiebungen aus formalen Fehlern scheitern.Lesen Sie auchJüdische Bürger in Deutschland wissen dagegen längst, was Sache ist. Sie treten den Rückzug an. Und sie tun es leise. Denn sie wissen: Der Staat hört zwar zu, aber er handelt nicht.Wer heute jüdisch ist, lebt anders als vor zehn Jahren. Die Mutter aus Berlin, die ihrem Sohn verbietet, auf dem Schulweg die Kippa zu tragen – nicht, weil sie ängstlich ist, sondern weil sie realistisch ist. Der Unternehmer aus Köln, der seine Öffnungszeiten nach politischen Demonstrationen richtet – nicht, weil er hysterisch ist, sondern weil er Erfahrungen gemacht hat. Die Rabbinerin aus Frankfurt, die sagt, ihre Gemeinde plane inzwischen „wie ein Krisenstab“ – nicht aus Paranoia, sondern aus Notwendigkeit. Die Frage ist nicht mehr, ob jüdisches Leben bedroht ist. Die Frage ist, ob Deutschland noch in der Lage ist, es zu schützen.Es ist bemerkenswert, wie konsequent die politische Klasse an der eigenen Realitätsverweigerung festhält. Man spricht von „Herausforderungen“, wo längst Konfliktlinien verlaufen. Man spricht von „kulturellen Sensibilitäten“, wo sich radikale Weltbilder etablieren. Man spricht von „Dialog“, wo eigentlich der Rechtsstaat gefragt wäre. Und während man redet, verschwindet jüdisches Leben Stück für Stück aus der Öffentlichkeit.Der Staat muss Regeln durchsetzenEin Staat, der Plakate toleriert, auf denen die Einführung der Scharia gefordert wird, hat kein Problem mit Meinungsfreiheit. Er hat ein Problem mit Selbstachtung. Die freiheitliche demokratische Grundordnung ist kein Feenstaub, der sich selbst verteidigt. Sie ist eine Kampfansage an alle, die sie angreifen. Aber kämpfen muss man schon selbst. Deutschland kämpft aber nicht, es verwaltet. Deutschland moderiert, es „prüft“ und „evaluiert“. Und während die Politik evaluiert, müssen jüdische Eltern überlegen, welchen Weg ihre Kinder zur Schule nehmen.Wer in Deutschland leben will, muss nach den Regeln dieses Landes leben. Wer diese Regeln bekämpft, muss spüren, dass der Staat sie durchsetzt. Wenn Ausländer Straftaten begehen, müssen sie ausgewiesen werden. Und wer jüdisches Leben bedroht, muss die Reaktion des Staates erleben.Deutschland kann nicht gleichzeitig ein moralisches Großprojekt und ein sicherheitspolitischer Zwerg sein. Es muss sich entscheiden. Denn eines steht fest: Ein Staat, der jüdisches Leben nicht schützt, schützt am Ende gar nichts mehr. Und genau in diese Richtung steuert Deutschland gerade.Sinisa Toroman ist Vorsitzender der internationalen deutsch-amerikanisch-israelischen Gesellschaft „The Club“.