Gastkommentarvon Oliver RicoWie es mit dem Judenhass in den dreissiger Jahren «so weit kommen» konnte, ist plötzlich kein fernes Rätsel mehrAusgerechnet das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023, das schlimmste Gewaltverbrechen an den Juden seit dem Holocaust, hat bewirkt, dass der Staat Israel dämonisiert wird wie selten zuvor. Dabei werden Projektionen zu Realitäten, die politische Wirkung entfalten.05.08.2026, 05.27 Uhr4 LeseminutenDrei Generationen nach 1945 ist es wieder soweit - der Antisemitismus erhebt auf den Strassen Deutschlands offen sein Haupt. - Boykott jüdischer Geschäfte in Berlin, 1. April 1933.Hulton Archive / GettyDer Krieg in Gaza hat nicht nur den Nahen Osten erfasst, sondern auch die westlichen Salons und Hörsäle. Selbst vertraute Runden schlagen ins Unheimliche um. Kürzlich, beim Abendessen, kippte Kritik an Israels Regierung in einen Generalangriff auf «die Juden». Jemand referierte auf die 3-D-Regel: Kritik werde antisemitisch, wenn sie Israel delegitimiere, dämonisiere oder mit Doppelstandards messe. Einer erwiderte, das sei doch nur eine «Juden-Regel». Es wurde still.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es war, als fiele ein Schatten der Geschichte in die Gegenwart. Die Frage, wie es in den dreissiger Jahren «so weit kommen» konnte, war plötzlich kein fernes Rätsel mehr. Und zugleich stand bedrängend im Raum: Wie soll man heute reagieren, wenn sich ähnliche gesellschaftliche Mechanismen zeigen?Einer muss schuld seinSolche Augenblicke sind Risse im Alltag, durch die etwas Dunkles zum Vorschein drängt. Sie verknüpfen private Gespräche mit globalen Anliegen. Israel, auf der Karte winzig, wird dabei zum Symbol, an dem sich Spannungen verdichten, die weit über den Nahostkonflikt hinausgehen. Der jüdische Staat erscheint übermächtig in den Köpfen, überladen mit Geschichten und Projektionen.Es ist ein realer Staat, der reale Konflikte austrägt, aber nicht die Arena, wo Gut und Böse um den finalen Sieg ringen.Der Philosoph Hans Blumenberg beschrieb die Moderne als Epoche, in der die Welt zu gross für ein Menschenleben sei. Mit wachsender Komplexität wächst auch die Ohnmacht. Daraus entsteht das Bedürfnis nach einfachen Linien, nach exemplarisch Schuldigen. Wenn Gesellschaften an Grenzen stossen, lenken sie den Blick nach aussen.Israel erscheint für die Rolle des Blitzableiters besonders geeignet. Es ist zu einem Symbol geworden, auf das eine überforderte Weltgesellschaft ihre eigenen internen Konflikte projiziert. Es ist Erinnerungsort des Holocaust, westlicher Nationalstaat, Militärmacht und Projektionsfläche postkolonialer Kritik zugleich. Gerade weil hier so vielfältige Verstehensmuster aufeinandertreffen, wird das Land mit Deutungen überfrachtet, die weit über seine politische Realität hinausreichen.Die Debatten und Proteste zeigen es deutlich: Ein Land kleiner als die Deutschschweiz wird zum Mythos. Für die einen ist es Sinnbild für die Erbsünde des weissen Kolonialismus, die anderen halten es als Bollwerk westlicher Werte, von Demokratie und Rechtsstaat, Pluralismus und Menschenrechten hoch.Über kaum eine andere regionale Konfliktzone wird weltweit mit vergleichbarer moralischer Intensität diskutiert. Die Ereignisse des Tages werden dabei häufig in moralische Grundsatzfragen übergeführt. Der Konflikt wird weniger in seinen realpolitischen Ausprägungen denn in seiner Symbolik für das grosse Ganze wahrgenommen. An Widersprüchen und Gegensätzen herrscht kein Mangel, doch werden die Dinge wie Lichtstrahlen in einem Brennglas gebündelt, so dass die reale Lebenswelt aus dem Blick gerät. Vielleicht belegt diese Fixierung weniger die Sorge um das Schicksal der Völker im Nahen Osten und erweist sich eher als Symptom einer Weltgesellschaft, die ihr Unbehagen an sich selber auf eine randständige Entität projiziert.Antisemitismus ist kein neues Phänomen. Seine Erscheinungsformen verändern sich, das Muster bleibt gleich. Menschen machen aus Angst und Sorge, Allmachtsgefühl und Ohnmachtsempfinden die Schuld an einem Gegenüber fest, dessen Vieldeutigkeit zur Projektion einlädt. Das Wort «Jude» oszilliert bis heute zwischen Opferfigur und Feindbild. In beiden Fällen geht es oft weniger um objektive Wirklichkeit als um die Spiegelung eigener subjektiver Befindlichkeiten.Dieses Muster zeigt sich auch im Blick auf Israel, das viele noch gar nie besucht haben. Linke und Rechte üben an ihrem Bild des jüdischen Staats kollektiv die Schule von Freundschaft und Feindschaft. Hans Blumenberg sprach von einer «Gnosis der Moderne», um die Wiederkehr religiöser Muster in säkularer Sprache zu beschreiben. Wo einst der Teufel thronte, erscheinen Dämonen. Legenden ersetzen Analyse, Glaubensgewissheit erstickt Kritik. Bilder aus dem zerstörten Gaza erhalten diese Muster am Leben: Israel wird nicht mehr kritisiert, sondern verdammt.Kein «Ja, aber»Vielleicht sagt diese Dynamik weniger über Israel aus als über die Gesellschaften, die sie hervorbringen.Wie lässt sich diese Spirale durchbrechen? Blumenberg würde raten, damit zu beginnen, mit kühlem Kopf «Arbeit am Mythos» zu leisten. Israel ist keine mythische Entität, sondern ein moderner Staat. Kritik an seiner Regierung sollte Massstäben folgen, wie sie auch bei anderen gelten. Antisemitismus gehört klar benannt und verdammt, ohne dass sofort ein «Ja, aber» folgt.Vor allem aber braucht es den Blick in den Spiegel. Niemand ist dagegen gefeit, simplifizierenden oder gar falschen Erzählungen auf den Leim zu gehen. Israel bedeutet nicht die Welt. Es ist ein realer Staat, der reale Konflikte austrägt, aber nicht die Arena, wo Gut und Böse um den finalen Sieg ringen. Wer Israel entmythologisiert, entzieht dem Antisemitismus den Nährboden. Eine von Globalisierung und Technologisierung überforderte Weltgesellschaft täte gut daran, sich ihren eigenen Problemen offen und ehrlich zu stellen, statt sie zwecks innerer Entlastung auf eine ewig von Feindschaft und Gewalt heimgesuchte religiöse Minderheit zu projizieren, die nach Jahrtausenden von Zerstreuung und Verfolgung im Staat Israel eine sichere Heimstätte gefunden hat.Oliver Rico, geboren in Zürich, ist Soziologe und Kurator. 2024 erschien sein Buch «Emotionen als Kapital» bei Springer.Passend zum Artikel
Israel ist ein realer Staat, kein Repräsentant von Gut oder Böse
Ausgerechnet das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023, das schlimmste Gewaltverbrechen an den Juden seit dem Holocaust, hat bewirkt, dass der Staat Israel dämonisiert wird wie selten zuvor. Dabei werden Projektionen zu Realitäten, die politische Wirkung entfalten.






