PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT2023Hamas-Terror – „Deutschland ist als nächstes dran“Stand: 08:38 UhrLesedauer: 5 MinutenEine israelische Frau trauert mit ihrem Sohn in Jerusalem am 15. Oktober 2023Quelle: picture alliance/newscom/Jim HollanderEs ist der größte Massenmord an Juden seit dem Holocaust. Der Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023 erschüttert Israel und die Welt. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Ich sah, wie die Terroristen Häuser ansteckten, mit Menschen darin. Ich sah den Hass. Ich sah das Böse.“ Das Letzte, was Alon Gat sieht, bevor ihn Hamas-Terroristen am 7. Oktober 2023 gemeinsam mit seiner Frau Yarden und seiner dreijährigen Tochter Geffen in ein Auto zwingen, ist der auf der Straße liegende Körper seiner ermordeten Mutter. Vom Kibbuz Beeri aus fahren die Terroristen Richtung Gaza. Die jungen Eltern wollen sich nicht ihrem Schicksal ergeben und fassen einen mutigen Entschluss. Sie springen aus dem fahrenden Auto und rennen los. Yarden hält dabei ihre kleine Tochter auf dem Arm. Die Entführer schießen auf sie, sie übergibt das Kind Alon. „Ich hörte die Kugeln ganz nahe am Boden und in die Bäume einschlagen“, erinnert er sich. „Ich sagte mir, dass ich weiterlaufen muss, um uns zu retten“. Seine Frau Yarden stellt sich tot. Doch die Terroristen sehen kein Blut, verschleppen sie nach Gaza. Dort wird sie in ihrem zerrissenen Schlafanzug einem jubelnden Mob vorgeführt wie eine Jagdtrophäe.Währenddessen versteckt Alon sich noch immer mit seiner Tochter in einem Erdloch. Sie haben sich mit Blättern bedeckt und bleiben acht Stunden lang regungslos liegen. Erst nach Einbruch der Dunkelheit stehen sie auf und bringen sich in Sicherheit. Jetzt erfährt Alon, dass auch seine Schwester Carmel als Geisel in den Gazastreifen verschleppt wurde. Schon kurze Zeit später reist Alon mit einer Delegation von Angehörigen israelischer Geiseln nach Berlin und erzählt im Fernsehstudio von WELT TV seine Geschichte, die auch in der gedruckten WELT erscheint. Er möchte die deutsche Öffentlichkeit auf das Leiden seiner Frau und seiner Schwester aufmerksam machen und die deutsche Politik dazu bewegen, sich für ihre Freilassung einzusetzen. Yarden hat die deutsche Staatsangehörigkeit, weil sie Nachfahrin von Holocaust-Überlebenden aus Deutschland ist. Auch die Mutter von Shani Louk besucht die WELT-Redaktion. Ein Video ihrer Tochter vom 7. Oktober ist besonders erschütternd. Die junge Deutsch-Israelin hatte auf dem Nova-Festival gefeiert. Das Video zeigt ihren Körper halb nackt und reglos auf der Ladefläche eines Wagens im Gazastreifen, die Terroristen zerren an ihren Haaren, spucken auf sie. Ob Shani Louk noch lebt, ist nicht erkennbar. Um den Wagen herum jubelt eine Menschenmenge.Doch nicht nur im Gazastreifen wird der größte Massenmord an Juden seit dem Holocaust zelebriert. Auf der Berliner Sonnenallee verteilen Terror-Sympathisanten Süßigkeiten, um zu feiern, dass israelische Babys getötet, Familien bei lebendigem Leibe verbrannt, Frauen vergewaltigt und verstümmelt wurden. Um den Bildern des meistens straflos zur Schau gestellten Judenhasses auf deutschen Straßen etwas entgegenzusetzen, berichtet WELT immer wieder vom Berliner Bebelplatz, den ein mutiges deutsch-israelisches Bündnis symbolisch in „Platz der Hamas-Geiseln“ umbenannt hat. Auf dem Bebelplatz verschmelzen schmerzhaft Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Hier verbrannten die Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 unter dem Gejohle Tausender Studenten, Professoren und Mitgliedern der SA und SS mehr als 20.000 Bücher.Lesen Sie auchDie düstere Prophezeiung Heinrich Heines wurde wahr: „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“. Verbrannte Bücher in einer Vitrine erinnern nun auf dem Bebelplatz an das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Gegenwart. Sie stammen aus den Ruinen des Hauses von Alon Gats Schwester Carmel im Kibbuz Beeri. Leere Stühle erinnern an die vielen Geiseln, die immer noch der Folter der Hamas ausgeliefert oder längst tot sind. Eine riesige Sanduhr führt den Besuchern vor Augen, dass die Lebenszeit der Geiseln abläuft. Der Nachbau eines Tunnels macht erlebbar, dass sich die Geiseln wie lebendig begraben fühlen müssen. Glücklicherweise kommt Alons Ehefrau Yarden nach 54 Tagen im Zuge eines international vermittelten Deals mit der Hamas frei. Doch Alon richtet auf dem Bebelplatz eine Mahnung an die deutsche Gesellschaft: „Für die Hamas war das erst der Anfang“, sagt er. Als einer der Geiselnehmer gehört habe, dass Yarden Deutsche ist, habe der Hamas-Terrorist nur gelacht und gesagt: „In Deutschland sitzen schon viele Leute von uns. Deutschland ist als nächstes dran.“So wird der „Platz der Hamas-Geiseln“ nicht nur zu einem Ort des Ge-Denkens für die Opfer des 7. Oktobers, er ist auch ein Ort des Vor-Denkens, ein kraftvolles Mahnmal, eine Warnung vor dem Abgrund, auf den die deutsche Gesellschaft zusteuert. In einer Mischung aus Naivität, dem Wunsch nach Gutmenschentum und einem Hang zur Selbstzerstörung räumt die Bundesrepublik noch immer den Feinden der Freiheit ein hohes Maß an Freiheit ein. Ein Beleg dafür: Der Platz der Hamas-Geiseln muss von Polizisten geschützt werden, weil freiwillige Helfer von pro-palästinensischem Pöbel bedroht und bespuckt werden. Immer wieder wird das rote Dreieck, ein Symbol für Hamas, auf die Fotos der Geiseln geschmiert.Der ausgerechnet nach dem 7. Oktober grassierende Antisemitismus in Deutschland, das Schicksal der Geiseln, aber auch Israels Kampf gegen den Terror gehören viele Monate lang zu den dominierenden Themen der WELT. Schon zwei Tage nach dem Überfall der Hamas auf Israel gibt die Titelseite einen Ausblick auf die Härte, mit der Israel sich verteidigen wird. Eine Antwort „mit eisernen Schwertern“ kündigt Premierminister Benjamin Netanjahu an. WELT-Reporter beobachten diese Antwort aus nächster Nähe, berichten aus Israel und immer wieder auch aus dem Gazastreifen.Dort kämpft Alon Gats Schwester Carmel elf Monate lang ums Überleben. In den Terror-Tunneln macht die Yoga-Lehrerin mit den anderen Geiseln Meditationsübungen, um deren Qualen zu lindern. Kurz bevor israelische Soldaten Carmel befreien können, schießen ihr die Hamas-Bestien in den Kopf. Bis heute erfüllt Alon Gat der Gedanke an die Morde an seiner Schwester und seiner Mutter mit unvorstellbarem Schmerz. Gleichzeitig ist er glücklich, dass er seine Tochter retten konnte und seine Frau Yarden auf viel politischen Druck hin im Rahmen eines Abkommens aus der Geiselhaft der Hamas entlassen wurde. Auch die WELT, so sagt Alon, habe zu ihrer Freilassung beigetragen. „Der Druck von Journalisten bewegt Politiker. Dadurch sind viele Geiseln freigekommen.“Jan Philipp Burgard ist Axel Springer Global Reporter für den Nahen Osten.
2023: Hamas-Terror – „Deutschland ist als nächstes dran“ - WELT
Es ist der größte Massenmord an Juden seit dem Holocaust. Der Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023 erschüttert Israel und die Welt. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.






