Die Zukunft der Ultraorthodoxie könnte zur Schicksalsfrage für den jüdischen Staat werdenLange galt Kritik an den Ultraorthodoxen in Israel als Tabu. Doch zweieinhalb Jahre Krieg haben den Unmut in der Bevölkerung über die Befreiung der ultraorthodoxen Gemeinschaft vom Wehrdienst, die den Staat belastet, wachsen lassen.Richard C. Schneider27.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenSie verstehen sich als Hüter des authentischen Judentums: Junge ultraorthodoxe Männer auf einem Hausdach in Jerusalem.Leo Correa / APAls hätte Israel in diesen Tagen nicht schon genug aussen- und sicherheitspolitische Probleme, verschärft sich auch die innenpolitische Krise. Seit Wochen protestieren Ultraorthodoxe im ganzen Land gegen die drohende Einberufung zum Militärdienst. Erst vor kurzem randalierten Demonstranten vor dem Wohnhaus des Vizepräsidenten des Obersten Gerichts, Noam Sohlberg, am vergangenen Mittwoch legten Zehntausende Ultraorthodoxe mit stundenlangen Autobahnblockaden den Verkehr lahm.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Lebenslanges Studium der ThoraAuslöser ist ein Grundsatzkonflikt zwischen Regierung, Justiz und den ultraorthodoxen Parteien. Das Oberste Gericht hat die bisherige Praxis der weitgehenden Befreiung ultraorthodoxer Thora-Studenten vom Wehrdienst für rechtlich nicht haltbar erklärt. Dem Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu ist es bis anhin nicht gelungen, ein neues Gesetz zu verabschieden, das diese Ausnahmen dauerhaft absichert.Die meisten Ultraorthodoxen lehnen den Militärdienst kategorisch ab. Sie sehen das lebenslange Studium von Thora und Talmud als ihre religiöse Aufgabe an und fordern, dass der Staat diese Lebensform weiterhin wie seit Jahrzehnten finanziell unterstützt. Nach ihrer Auffassung bewahrt gerade dieses Studium die jüdische Identität und Tradition.Falsches Selbstbild der HaredimWer diesen Frommen begegnet, gewinnt tatsächlich leicht den Eindruck, als würde man hier auf ein Judentum treffen, das seit Jahrhunderten unverändert existiert. Schwarze Mäntel, eigenartige Hüte, lange Bärte, Schläfenlocken und Jeschiwot, Religionsschulen, in denen Männer ihr Leben dem Studium der heiligen Schriften widmen. Viele Haredim, wie die Ultraorthodoxen auf Hebräisch genannt werden, verstehen sich tatsächlich als Hüter des authentischen Judentums.Doch historisch betrachtet ist dieses Selbstbild schlicht falsch. Die Ultraorthodoxie ist keineswegs das Judentum, wie es immer war. Sie entstand in dieser Form erst Ende des 18. Jahrhunderts und war eine Reaktion auf die Herausforderungen der beginnenden Moderne.Genau darin liegt eines der grössten gesellschaftlichen Probleme Israels. Denn ausgerechnet jene Gemeinschaft, die sich als Hüterin der Kontinuität versteht, könnte langfristig zu einer Gefahr für die Stabilität des jüdischen Staates werden.Die Debatte darüber wird in Israel heute sehr offen geführt. Lange galt Kritik an den Ultraorthodoxen als Tabu. Zu gross war der Respekt vor einer Gemeinschaft, die im Holocaust einen erheblichen Teil ihrer geistigen Elite verloren hatte. Doch die demografischen Entwicklungen lassen solch eine Rücksicht nicht mehr zu. Die Haredim stellen heute bereits einen erheblichen Teil der jüdischen Bevölkerung Israels. Ihre Geburtenrate liegt deutlich über dem Landesdurchschnitt.Die Haredim gehören zu den am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppen Israels. Eine Familie sucht nach einem Raketenalarm Schutz, Haifa 2026.Shir Torem / ReutersVielleicht bald jeder Dritte ultraorthodoxIn wenigen Jahrzehnten könnte jeder dritte Israeli ultraorthodox sein. Damit wird eine Frage unausweichlich: Kann ein moderner Staat dauerhaft funktionieren, wenn ein wachsender Teil seiner Bürger weder Militärdienst leistet noch in gleichem Masse wie andere am Arbeitsmarkt teilnimmt, gleichzeitig aber von staatlichen Subventionen lebt und damit, um es deutlich zu sagen, von den Steuern aller anderen Israeli profitiert?Die Debatte hat sich seit dem 7. Oktober 2023 intensiviert. Hunderttausende Reservisten wurden eingezogen. Viele von ihnen dienen inzwischen zum dritten, vierten oder fünften Mal. Familien geraten an ihre psychischen und finanziellen Belastungsgrenzen. Unternehmen verlieren Arbeitskräfte. Karrieren werden unterbrochen. Soldaten fallen oder werden schwer verwundet. Währenddessen werden die meisten ultraorthodoxen Männer weiterhin nicht zur Armee einberufen.Netanyahu braucht die ultraorthodoxen Parteien für seinen Machterhalt und setzt deswegen die Forderungen des Obersten Gerichts nicht um. Gleichzeitig klagt die Armee seit Monaten, dass ihr mindestens 20 000 Soldaten fehlten, um die Last des Krieges tragen zu können. Für viele säkulare und nationalreligiöse Israeli entsteht daraus ein Gefühl fundamentaler Ungerechtigkeit. Der Staat verlangt von einem Teil seiner Bürger immer grössere Opfer, während ein anderer Teil sich diesen Verpflichtungen weitgehend entziehen kann.Soziales System innerhalb des StaatesDie Anfänge dieser Sonderstellung reichen bis in die Gründungsjahre Israels zurück. 1947 formulierte David Ben Gurion in seinem berühmten Status-quo-Brief die Grundlinien des künftigen Verhältnisses zwischen Staat und Religion. Um die Unterstützung der ultraorthodoxen Gruppierungen für das zionistische Projekt zu sichern, versprach er ihnen weitreichende Zugeständnisse. Nach der Staatsgründung 1948 erhielten dann etwa 400 besonders begabte Jeschiwa-Studenten eine Befreiung vom Militärdienst. Ben Gurion verstand, dass die Welt der traditionellen Thora-Gelehrsamkeit durch die Shoah nahezu ausgelöscht worden war und wieder aufgebaut werden musste. Er konnte damals nicht ahnen, dass aus einigen hundert einmal Zehntausende Studenten werden.Heute ist aus der einstigen Ausnahme ein ganz eigenes soziales System innerhalb des Staates geworden. Seine Verteidiger argumentieren, die spirituelle Kraft der Gelehrsamkeit schütze Israel ebenso wie Soldaten und Waffen. Diese Vorstellung gibt es in der jüdischen Tradition durchaus. Doch sie erklärt nicht, wie daraus ein Modell entstehen konnte, in dem Zehntausende Männer dauerhaft vom Militärdienst und obendrein häufig auch dem Arbeitsmarkt fernbleiben.Die Polizei geht gegen Demonstranten vor, die gegen die Wehrpflicht für Tora-Studenten protestieren. Bild: Jerusalem, 2024.Ronen Zvulun / ReutersAbraham war ViehzüchterDenn die jüdische Tradition erzählt eine ganz andere Geschichte. Die grossen Gestalten der Bibel waren keine von der Welt abgeschiedenen Vollzeitgelehrten. Abraham war Viehzüchter und Stammesführer. Jakob arbeitete als Hirte. Moses führte sein Volk religiös, aber auch politisch und militärisch. Joshua war Heerführer. König David war Krieger und Herrscher zugleich. Das biblische Volk Israel kannte keinen grundsätzlichen Gegensatz zwischen religiöser Verpflichtung, Arbeit und Verteidigung der Gemeinschaft.Auch die rabbinische Tradition bestätigt dieses Bild. Die Gelehrten des Talmuds waren fast durchweg berufstätig. Die rabbinische Literatur enthält zahlreiche Hinweise darauf, dass Lernen und Arbeit zusammengehören.Im Traktat «Pirkei Avot», den «Sprüchen der Väter», heisst es ausdrücklich: «Schön ist das Thorastudium in Verbindung mit weltlicher Beschäftigung und guter Sitte, denn das Bemühen mit beiden bringt Sünde in Vergessenheit.»Besonders deutlich zeigt sich dies bei den grossen Autoritäten des Mittelalters. Raschi, der wohl bedeutendste Bibelkommentator des aschkenasischen Judentums, verdiente seinen Lebensunterhalt im Weinhandel und in der Landwirtschaft. Moses Maimonides, auch Rambam genannt, war einer der grössten jüdischen Philosophen und Gesetzesgelehrten aller Zeiten und zugleich ein hochangesehener Arzt.Ganzen Generationen fehlt das BasiswissenGenau deshalb sehen viele Religionswissenschafter das heute vorherrschende ultraorthodoxe Modell in erster Linie als eine israelische Entwicklung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es ist keine unveränderte Fortsetzung einer jahrhundertealten Tradition, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen des jungen, jüdischen Staates.Hinzu kommt, dass an vielen ultraorthodoxen Schulen grundlegende weltliche Fächer wie Mathematik, Englisch oder Naturwissenschaften nur wenig oder gar nicht unterrichtet werden. Damit wachsen immer mehr Generationen heran, denen das Basiswissen für die moderne Arbeitswelt fehlt. Viele junge Haredim wollen zwar sowieso nicht an eine Universität oder in Hightech-Jobs. Aber sie hätten auch gar keine Chance. Die Konsequenz daraus: dauerhafte wirtschaftliche Abhängigkeit vom Staat und damit die Perpetuierung der Armut, die in der ultraorthodoxen Community herrscht.Kein Wunder, dass die Zukunft der Haredim ein wichtiges Thema im beginnenden israelischen Wahlkampf ist. Der frühere Premier Naftali Bennett, der sich als Vertreter einer pragmatischen nationalen Mitte positioniert, fordert tiefgreifende Reformen. Schulen, die keine weltlichen Fächer unterrichten, sollen nach seinen Vorstellungen künftig keine oder deutlich weniger staatliche Unterstützung erhalten. Gleichzeitig plädiert Bennett dafür, die Haredim schrittweise in den Militärdienst einzubeziehen. Wer die Rechte eines Bürgers beanspruche, müsse auch die Pflichten eines Bürgers übernehmen. Diese Position findet weit über das säkulare Lager hinaus Zustimmung, auch unter vielen nationalreligiösen Israeli, deren Söhne und Töchter seit Monaten dienen.Soldaten beim Morgengebet: Das Bataillon Netzah Yehuda wurde 1999 gegründet, um streng religiösen Juden einen Militärdienst nach ihren Regeln zu ermöglichen.Abir Sultan / EPAReligion und StaatWie die Zukunft der Ultraorthodoxie aussehen soll, wird zunehmend eine Schicksalsfrage für den jüdischen Staat. Sie berührt nicht nur das Verhältnis von Religion und Staat, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Staaten funktionieren nur aufgrund des sogenannten Gesellschaftsvertrags. Bürger zahlen Steuern, leisten Wehrdienst oder andere Formen gesellschaftlichen Engagements. Dafür erhalten sie vom Staat Sicherheit, Infrastruktur und politisches Mitspracherecht.Je offensichtlicher jedoch dieser Vertrag nicht für alle gilt, desto stärker erodiert das Vertrauen in die gemeinsame Ordnung, der Staat gerät in die Krise. Aber ebenso das ultraorthodoxe Judentum. Denn eine religiöse Tradition lebt nicht allein von der Treue zu ihren Texten, sondern auch von ihrer Fähigkeit, auf immer neue Herausforderungen zu antworten und Verantwortung für die gesamte jüdische Gemeinschaft zu übernehmen.Die Zukunft Israels und die Zukunft der Ultraorthodoxie im Land sind daher enger miteinander verbunden, als man wahrhaben will. Denn sollte der jüdische Staat demografisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich immer grösseren Verwerfungen ausgesetzt sein, wäre davon auch die ultraorthodoxe Welt betroffen, die heute von seinen Institutionen, seiner Wirtschaftskraft und seiner Sicherheit profitiert.Es mag paradox klingen, aber es besteht die Möglichkeit, dass ausgerechnet jene Bewegung, die sich als Bewahrerin des jüdischen Erbes versteht, zu einer grossen Herausforderung für dessen politische Zukunft wird. Und damit zugleich die eigene Zukunft aufs Spiel setzt.Passend zum Artikel