«The Invite»: Die Hölle, das sind die anderen PaareOlivia Wilde variiert in ihrer Beziehungskomödie die Versuchsanordnung des höllischen Doppeldates. Doch wo einst Ehekrisen in seelische Abgründe führten, werden heute vor allem schrille Partygags serviert.Susanna Petrin, Locarno13.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenOlivia Wildes dritte Regiearbeit «The Invite» hat eine Starbesetzung: Seth Rogen, Edward Norton, Penélope Cruz und Wilde selbst.PDZwei Paare, ein Abend, ein Raum. Alkohol als Katalysator. Und am Ende ist nichts mehr, wie es war: Träume zertrümmert, Beziehungen zerrüttet, Hoffnungen zerstört. Diese dramaturgische Versuchsanordnung ist so schlicht wie dauerhaft ergiebig. Denn mit dem zweiten Paar kommt der Vergleich ins Zimmer. Das Spiel mit wechselseitigen Projektionen kann beginnen: Sind die anderen glücklicher, erfolgreicher, begehren sie einander noch?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Schon Ibsen und Strindberg sezierten bürgerliche Ehen, später machten Eugene O’Neill und Tennessee Williams das Wohnzimmer zur psychologischen Kampfzone. Die moderne Urform des Untergenres «Doppeldate aus der Hölle» ist jedoch Edward Albees Stück «Who’s Afraid of Virginia Woolf?», das 1966 verfilmt wurde. Der Nachttrunk zweier Paare mündet in gegenseitiger seelischer Vernichtung – in den Hauptrollen Elizabeth Taylor und Richard Burton, die sich privat ähnlich unzimperlich fertigmachten. Mit «Der Gott des Gemetzels» knüpfte die Dramatikerin Yasmina Reza daran an, 2011 prominent adaptiert von Roman Polanski: Wieder zerfleischen sich zwei Paare in einer Wohnung.Hier gibt es vor den anderen kein EntkommenJetzt variiert die amerikanische Regisseurin und Schauspielerin Olivia Wilde diese Versuchsanordnung erneut. «The Invite» feierte auf der Piazza Grande in Locarno seine Schweizer Premiere und läuft nun in den Kinos. Es handelt sich dabei um die achte Filmadaption des spanischen Stücks «Die Nachbarn von oben» – eine gleichnamige Schweizer Version gibt es auch, zwei weitere Adaptionen sind angekündigt. Ein unglückliches, zerstrittenes Ehepaar trifft darin auf die erotisch offensiven Nachbarn. Nach drei Minuten ist klar: Dieser Abend wird nicht gut enden.Schauplatz bei Olivia Wilde ist eine Altbauwohnung in San Francisco, bewohnt von stark überzeichneten Charakteren: Joe (Seth Rogen) ist der emotional unterbelichtete Hetero-Simpel; Angela, gespielt von Olivia Wilde selbst, seine neurotische, verunsicherte Frau, von Panikattacken geplagt und längst auf Abstand zu ihm. Über ihnen wohnen Hawk und Piña: Edward Norton als esoterisch angehauchter, aufdringlicher Mann, der sich demonstrativ feinfühlig gibt; Penélope Cruz als selbstbestimmte Piña, die über Sex spricht, als erläutere sie die Speisekarte.Angela hat die beiden spontan eingeladen. Sie arbeitet sich bereits an einem Soufflé ab, als Joe heimkommt. Müde legt er sich quer auf dem Gang hin: Seine Frau solle den Nachbarn absagen. Sonst, so droht er, werde er sich bei ihnen über deren spätnächtliche Sexgeräusche beschweren. Doch schon läutet es an der Tür: In diesem Genre gibt es vor den anderen kein Entkommen. Der Film hält allerdings eine überraschende Wendung parat: Das überlegene Paar will das andere gar nicht fertigmachen. Sie wollen mit ihnen schlafen.Das Ehepaar Joe und Angela entzweit mehr als eine Differenz.PDWas hat Olivia Wilde an dieser Viererformel interessiert? Im Gespräch am Filmfestival sagt sie: «Mir wurde bewusst, dass es weltweit all diese Adaptionen gibt, und ich dachte: Okay, in dieser Geschichte muss es eine zentrale Frage geben, die aus gutem Grund universell ist.» Diese laute: «Kann man sein Leben mit jenem eines anderen Menschen verbinden, ohne sich selbst dabei zu verlieren?»Hier hört man durch Olivia Wilde die bekannte Paarpsychologin und Therapeutin Esther Perel sprechen. Wilde holte die Belgierin als Beraterin zum Film; mit ihrer Arbeit beschäftigt sie sich seit rund zwanzig Jahren. In Penélope Cruz’ Sexologin Piña bekommt Perel beinahe eine Stellvertreterin auf der Leinwand, viele ihrer Sätze könnten direkt aus Perels Standardwerk «Mating in Captivity» stammen – auf Deutsch langweiliger betitelt als «Was Liebe braucht. Das Geheimnis des Begehrens in festen Beziehungen». Die Schwierigkeit, Vertrautheit und Begehren zusammenzubringen, ist das Kernthema.Es geht bei «The Invite» denn auch viel öfter und expliziter um Sex als in den Vorläufern. Eine Pointe des Films ist: Die lauten Liebesgeräusche von oben, die Joe und Angela den Schlaf rauben, stammen gar nicht nur von den beiden. In deren Wohnung finden regelmässig Sexpartys statt.Bündnisse in unterschiedlichen Konstellationen: Manchmal können die Frauen über die Ignoranz der Männer nurmehr staunen.PD«Who’s Afraid of Virginia Woolf?» wurde in den sechziger Jahren von vielen als obszön kritisiert, weil die Figuren sich mit Flüchen, sexuellen Anspielungen, Demütigungen und Beschimpfungen attackieren. Sechzig Jahre später wirken Schimpfwörter und sexuelle Andeutungen längst nicht mehr so skandalös. «The Invite» versucht es deshalb mit ganz explizitem Sex-Talk – und ist dennoch weit weniger verstörend.Wildes überzeichnete Figuren gleichen Karikaturen, und Karikaturen erleiden keinen echten Schmerz. Wo sich keine Abgründe verbergen, können auch keine Masken fallen. Die Neufassung ist zwar unterhaltsam, erreicht aber nicht annähernd die Komplexität und Tiefe des grossen Vorbilds «Who’s Afraid of Virginia Woolf?». Die Dialoge sind auf zeitgenössisch getrimmt (da ist von Facebook Marketplace bis Perimenopause die Rede), haben aber nicht jene präzise Grausamkeit. Vielmehr reiht der Film in raschem Tempo schrille Partygags aneinander.Die Neuerfindung einer alten BeziehungErst zum Schluss wird es plötzlich zart. Fast sieht es so aus, als ob jenes Paar sich wieder annähern könnte, dessen Beziehung von Piña mit allzu guten Gründen für beendet erklärt worden war. Warum dieses unglaubwürdige Happy End? Es sei ein offenes Ende, antwortet Olivia Wilde: Bei Publikumsbefragungen, ob die beiden sich nun trennen oder zusammenbleiben würden, sei das Resultat etwa fünfzig zu fünfzig: «Aber mir gefällt die Vorstellung, dass vielleicht eine Ehe zu Ende gegangen ist – und gerade deshalb eine neue Beziehung zwischen denselben Menschen beginnen kann.»Paare, die seit vierzig oder fünfzig Jahren verheiratet seien, hätten nach dem Film zu ihr gesagt: «Ach ja, wir hatten eigentlich drei Ehen miteinander.» Damit ist Wilde schon wieder bei Perel. Dank ihr glaubt die Regisseurin an die Neuerfindung einer alten Beziehung und ist froh, diese Idee im Film eingebracht zu haben: «Ich würde sagen, das ist wahrscheinlich unser wichtigster Zusatz.» Die Beziehungskomödie als Therapie. Vielleicht wird «The Invite» ja die Scheidungsrate senken? Wilde lacht und sagt: «Manche Menschen sollten sich scheiden lassen!»The Invite: Im Kino (108 Minuten).Passend zum Artikel
Olivia Wildes «The Invite»: Wenn ein Abend alles verändert
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