In sechs Kurzgeschichten erzählt der Schriftsteller Tony Tulathimutte von der sexuellen Verzweiflung in Zeiten des Internets. Das tut weh, aber weglegen kann man das Buch trotzdem nicht.Timo Posselt13.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSchmerzhaft präzise Beschreibungen des Beziehungslebens: Tony Tulathimutte.Clayton CubittLiebe sei keine Leistung, heisst es einmal in «Fiasko» von Tony Tulathimutte. Aber es könne sich schon «irgendwie nach Scheitern» anfühlen, wenn sie im eigenen Leben fehle. Stimmt, denkt man sich, nachdem man das Buch gelesen hat. Denn geliebt wird in diesen Kurzgeschichten kaum, gescheitert dagegen ununterbrochen: an den eigenen sexuellen Ansprüchen, der Scham, den gesellschaftlichen Konventionen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Da ist zum Beispiel der heterosexuelle Craig in «Der Feminist», dem ersten von acht Texten. Craig schleift seine «Jungfräulichkeit wie einen Leichensack bis weit in die Zwanziger» hinein. Gegen aussen definiert er sich als «asexuell», weil das in seinen Kreisen als «cool oder zumindest normal» gilt. Eigentlich ist Craig bei Frauen beliebt. Allerdings nicht, wie er sich wünschen würde, als Sexualpartner, sondern als Freund, der zuhört, Fragen stellt und sich mit feministischen Theorien auskennt. Nachdem Craig mehrmals vergeblich versucht hat, sich einer seiner Freundinnen auf nichtfreundschaftlicher Ebene anzunähern und wiederholt «gefriendzoned» wurde, glaubt er, dass sein Körper nicht den herrschenden Normen entspricht. Er stürzt sich ins Selbstmitleid: «Wer will schon einen schmalschultrigen Mann?»Als er mit 31 Jahren endlich sein erstes Mal hat, ist der Sex enttäuschend, weil keine Nähe entsteht. Irgendwann glaubt er nicht mehr nur an sein eigenes Versagen, sondern auch, dass «das Problem bei den Frauen insgesamt» liege. Er findet Trost in einer Online-Community, die sich einig darüber ist, dass es sich bei «feministisch eingestellten schmalschultrigen Männern» um die «in Wahrheit am stärksten unterdrückte subalterne Gruppe» handelt. Bis er irgendwann zur Tat schreitet.Alle Formen des BegehrensIst Tony Tulathimuttes Band «Fiasko» nichts weiter als eine literarische Verarbeitung der Incel-Kultur, also jener frauenverachtenden Internetbewegung von sogenannten «unfreiwillig zölibatären» Männern? Nein, denn in den weiteren Erzählungen wird deutlich, dass die sexuelle Frustration hier alle Geschlechter und Formen des Begehrens gleichermassen erfasst.Beispielsweise wenn die heterosexuelle Alison jahrelang einer einmaligen Affäre mit ihrem besten Freund nachtrauert und in eine Depression verfällt. Oder wenn der homosexuelle Kant, der überzeugt ist von seiner Minderwertigkeit und sich so für seine sexuellen Phantasien schämt, dass er sie nicht einmal seinem attraktiven und geduldigen Partner offenbaren kann – bis er sie als On-demand-Porno von einem Onlyfans-Darsteller auslebt. Selbst der erfolgreiche Startup-Unternehmer aus einer der letzten Kurzgeschichten, für den eine Beziehung vor allem darauf basiert, seine Partnerin kontrollieren zu können, scheitert schliesslich, weil ihm die Unterdrückung beängstigend gut gelingt.Tulathimutte schafft es in «Fiasko» virtuos, die zum Teil schwer erträglichen Perspektiven auf Sexualität und menschliche Beziehungen nachvollziehbar zu machen. Einige seiner Figuren tauchen in Nebenrollen in anderen Erzählungen wieder auf, die meisten sind Täter und Opfer zugleich. Sie eint, dass sie ihren Selbstwert unmittelbar mit sexuellen Erfolgen verknüpfen. Oder wie es an einer Stelle heisst: «Sex ist und bleibt ein Tribunal und endet stets mit einem Urteil.»Whatsapp-Chats und Porno-DrehbuchLiterarisch greift der Amerikaner mit thailändischen Wurzeln Tulathimutte auf alles Mögliche zurück: Whatsapp-Chats, Reddit-Einträge, Twitter-Nachrichten, eine Metaphernsammlung, ein ins Surreale driftendes Porno-Drehbuch oder eine fiktive Ablehnungsmail einer Lektorin als metafiktionalen Kommentar zum eigenen Buch. Sprachlich überzeichnet Tulathimutte den Online-Slang seiner Figuren bewusst bis ins Absurde. So stellt beispielsweise der Startup-Unternehmer bei einem Date keine Fragen, sondern «steigt ein mit Prompts» und sieht das Beziehungsende schliesslich nur als «Schlagloch auf seiner road to success». Im englischen Original, das schon 2024 unter dem Titel «Rejection» erschienen ist, mag das zeitgenössisch geklungen haben. In der deutschen Übersetzung von Stefanie Jacobs, Stefanie Orchel und Jan Schönherr dagegen mischen sich etwas bemüht wirkende aktuelle Jugendwörter wie «delulu», «slay» oder «smashen» mit merkwürdig altmodischen Ausdrücken wie «Riesen-Lümmel».Der 42-jährige Tulathimutte sagt, er sei in seinem Schreiben stark von Philip Roth geprägt. Es fehlt ihm aber noch dessen erzählerische Dichte und sprachlich nüchterne Unmittelbarkeit, was seine Prosa manchmal langatmig und didaktisch erscheinen lässt. Beispielsweise wenn fiktive Twitter-Debatten aus der Prä-Musk-Ära nacherzählt werden oder eine Figur seitenlang über die politischen Hintergründe der eigenen Verzweiflung doziert. Die strukturellen Gründe für die sexuellen Enttäuschungen der Gegenwart liest man dann wohl ohnehin mit mehr Gewinn in den Büchern der Soziologin Eva Illouz .So ist «Fiasko» sicher nicht das «Buch des Jahrtausends», wie es im «Spiegel» in einer allzu euphorischen Rezension zu lesen war. Dennoch wurde seit Michel Houellebecqs «Ausweitung der Kampfzone» aus dem Jahr 1999 womöglich nicht mehr so schmerzhaft präzise von sexueller Verzweiflung erzählt. Und die sozialen Netzwerke, das beweist Tony Tulathimutte mit «Fiasko» eindrücklich, haben diese in den letzten Jahren nur noch potenziert.Tony Tulathimutte: Fiasko. Fiktionen. Deutsch von Stefanie Jacobs, Stefanie Orchel und Jan Schönherr. DTV 2026. 378 S., Fr. 35.90.Passend zum Artikel