Der rätselhafte Geburtenknick erreicht die Zürcher Volksschule: Die Kinderzahlen sinken erstmals seit JahrenDie grossen Städte Zürich und Winterthur haben reagiert und streichen Schulhausbauten. Aber die Probleme reichen tiefer – und deshalb auch die Frage nach den Ursachen.13.08.2026, 05.00 Uhr3 LeseminutenHier hat es wegen sinkender Kinderzahlen mehr Platz als auch schon: erster Schultag in einem Primarschulhaus.Thi My Lien Nguyen / CH MediaWinterthur, die sechstgrösste Stadt des Landes, meldet zum Schulstart am Montag: Die Zahl der Kinder und Jugendlichen in der Regelschule ist erstmals seit vielen Jahren geringer als im Sommer zuvor. Gleiches zeichnet sich für den ganzen Kanton Zürich ab.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Weil es erst um kleine Veränderungen geht, könnte man die Nachricht unterschätzen. Tatsächlich kommt dabei ein europaweites Phänomen zum Ausdruck, für das Forscher verschiedenste Thesen ins Feld führen, bis hin zum negativen Einfluss von Smartphones und Influencern: Die Geburtenrate ist im Jahr 2022 stark eingebrochen und sinkt weiter.In der Schweiz liegt sie zurzeit auf dem historischen Tiefststand von 1,28 Kindern pro Frau. In der Stadt Zürich verzeichneten die Statistiker 2022 innert eines Jahres einen Geburtenrückgang um fast 14 Prozent, was es seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht mehr gab. Nicht einmal nach der Einführung der Antibabypille.Die geburtenschwachen Jahrgänge erreichen nun die Volksschule. Die gesamtkantonale Bildungsplanung rechnet ab diesem Sommer mit einer Trendumkehr bei den Schülerzahlen wie in Winterthur. Besonders ausgeprägt ist der Rückgang in den urbanen Bezirken Zürich und Uster sowie an der Goldküste. In den Kindergärten stagniert oder sinkt die Kinderzahl überall, ausser im ländlichen Weinland.In der Stadt Zürich hat die Politik den Kurs korrigiert: Mehrere Kindergartenklassen wurden mangels Nachfrage geschlossen, und das kostspielige Bauprogramm für eine «Schulraumoffensive», die auf anhaltendes Wachstum ausgelegt war, wurde zusammengestrichen. Auch Winterthur hat reagiert und redimensioniert geplante Bauten.Wenn die Geburtenraten sich aber nicht erholen, dürfte die Anpassung der Schulraumplanung noch das geringste Folgeproblem sein. Das versteht sich von selbst in einem gesellschaftlichen System, das politisch und wirtschaftlich auf zuverlässigen Nachwuchs angewiesen ist.Kinder werden zunehmend als Belastung bewertetIm Gegensatz zu europäischen Ländern wie Italien, Spanien oder Schweden, die sich schon länger mit einer sich zuspitzenden Fertilitätskrise befassen, war die Geburtenrate in der Schweiz jahrzehntelang stabil, wenn auch auf tiefem Niveau. Im Kanton Zürich stieg die Anzahl Kinder pro Frau zu Beginn dieses Jahrhunderts sogar leicht, ehe der Trend vor etwa zehn Jahren kehrte. Die Geburtenzahl stieg entsprechend, speziell in der Stadt Zürich.Laut der kantonalen Statistik lag dies primär an der Zuwanderung aus dem Ausland nach der Einführung der Personenfreizügigkeit. Dadurch seien junge Menschen gekommen, die dann Kinder bekommen hätten. Zugleich stieg im Kanton auch die Geburtenrate unter Schweizer Staatsbürgerinnen leicht an. Beides ist nicht mehr der Fall: Die Geburtenrate der Ausländerinnen fällt zurzeit noch schneller als jene der Schweizerinnen. Laut der Analyse gleichen sich die beiden Raten zunehmend an.Zu möglichen Gründen hat das Bundesamt für Statistik kürzlich einen Artikel veröffentlicht. In einer Befragung im Jahr 2023 gaben von den jungen Männern und Frauen in ihren Zwanzigern 17 Prozent an, kinderlos bleiben zu wollen – doppelt so viele wie noch fünf Jahre zuvor. Unter den 30- bis 39-Jährigen stieg der Anteil fast gleich stark, auf 16 Prozent. Unterschiede nach Bildungsstand oder zwischen Stadt und Land gab es kaum.Im gleichen Zeitraum erhöhte sich der Anteil jener, die erwarten, ein Kind habe einen negativen Einfluss auf ihre Lebensfreude. Kinderlose nannten als wichtigste Faktoren für ihren Entscheid die Qualität ihrer Beziehung, die finanzielle Situation und die Arbeitsbedingungen.Laut einer aktuellen Studie des Versicherungskonzerns Swiss Life zum gleichen Thema schiebt fast die Hälfte der Kinderlosen die Familiengründung bloss auf. Sie fühlen sich noch zu jung, warten auf den richtigen Partner oder haben zu wenig Geld auf der Seite. Eine Rolle spielt auch die unsichere Weltlage – was den Knick nach 2022 erklären würde, dem Jahr des russischen Einmarschs in die Ukraine.In diesem Fall könnte laut dem Bundesamt für Statistik das ohnehin schon relativ hohe Alter von Schweizer Eltern bei der ersten Geburt eine Rolle spielen: weil die aufgeschobenen Kinderwünsche aus biologischen Gründen irgendwann nicht mehr realisiert werden könnten.In den Städten Zürich und Winterthur rechnet man derweil damit, dass der Knick in zehn Jahren überwunden ist und die Schulhäuser wieder voller werden. Nicht weil die Geburtenrate steigt. Sondern weil gebaut wird und neue Siedlungen Familien mit Kindern anziehen.Passend zum Artikel
Folge des Geburteneinbruchs: Zürcher Schülerzahlen sinken erstmals seit Jahren
Die grossen Städte Zürich und Winterthur haben reagiert und streichen Schulhausbauten. Aber die Probleme reichen tiefer – und deshalb auch die Frage nach den Ursachen.








