Asylzahlen sinken in der Schweiz schneller als prognostiziert – was dahintersteckt und wo sich dennoch kein Rückgang abzeichnetErstmals seit 2022 sinkt die Zahl der neuen Asylgesuche im ersten Halbjahr unter 10 000. Dennoch wird der Rückgang in den Kantonen erst langsam spürbar.29.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDas Bundesasylzentrum (BAZ) in Zürich: Im Moment liegen die Gesuchszahlen laut SEM «klar im unteren Bereich der Bandbreite».Simon Tanner / NZZDie hohen Asylzahlen haben Kantone und Gemeinden in den letzten Jahren fast ununterbrochen an ihre Belastungsgrenzen gebracht. Doch jetzt zeichnet sich eine Entspannung ab. Mehr noch: Die Asylzahlen gehen schneller zurück, als dies das Staatssekretariat für Migration (SEM) Anfang des Jahres prognostiziert hat. Das zeigen eine Auswertung der Asylzahlen aus dem ersten Halbjahr und ein Vergleich mit der Statistik aus dem letzten Jahr.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Zum Vergleich: 2025 wurden insgesamt 25 781 Gesuche eingereicht, auf dem Höhepunkt der letzten Migrationswelle 2023 waren es sogar 30 223 Gesuche.Es kommen deutlich weniger Türken und EritreerDas SEM bestätigt diesen Trend auf Anfrage der NZZ: Im Moment lägen die Zahlen «klar im unteren Bereich der Bandbreite», erklärt eine Sprecherin. Die Prognose der Asylgesuche werde zurzeit wie immer im Juli überprüft und angepasst. Mit der neuen Schätzung sei frühestens Ende August zu rechnen. Die Zahlen aus den Vorjahren lassen sich dabei allerdings nicht einfach auf die derzeitige Situation übertragen. Zu viele variable geo- und migrationspolitische Faktoren spielen hinein.Das SEM sieht vor allem zwei Gründe für die rückläufige Entwicklung. So sei die Zahl der Gesuche von türkischen Staatsangehörigen stärker zurückgegangen als erwartet. Dieser Trend setzte schon 2024 ein, im ersten Halbjahr 2026 hat er sich laut SEM verstärkt. Zu tun hat dies einerseits mit der politischen Lage in der Türkei sowie mit der schwieriger gewordenen Situation auf der Migrationsroute im zentralen Mittelmeer. Andererseits haben die Justiz und die Behörden Ende 2024 ihre Praxis in Bezug auf die Anerkennung der Gesuche türkischer Landsleute verschärft.Zweitens kommen in Süditalien laut SEM derzeit deutlich weniger Personen an als im vergangenen Jahr. Das macht sich insbesondere bei Personen aus Eritrea bemerkbar. So sind im ersten Halbjahr 2025 noch 4350 Personen aus Eritrea angelandet – in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres waren es hingegen nur noch 540 Personen. Falls in den kommenden Monaten in Süditalien wieder mehr Eritreerinnen und Eritreer ankämen, würde sich dies nach Einschätzung des SEM auf die Asylzahlen in der Schweiz auswirken.In den Kantonen kommt die Entspannung erst langsamAusgeblieben sind aber auch grössere geopolitische Ereignisse, die direkte Auswirkungen auf die Flüchtlingszahlen in Europa hatten. So beispielsweise der Regimewechsel in Syrien, der vor allem in Deutschland, aber auch in der Schweiz zu höheren Flüchtlingszahlen geführt hatte. Der Krieg in Iran hat sich beispielsweise kaum auf die Flüchtlingszahlen ausgewirkt. Laut UNHCR versuchen sich die Menschen derzeit vor allem innerhalb ihres Landes in Sicherheit zu bringen. Das mit grossem Abstand wichtigste Herkunftsland blieb in der Schweiz deshalb auch im ersten Halbjahr 2026 Afghanistan.Diese Entwicklung hatte für die Asylinfrastruktur bereits erste Folgen – zumindest auf Bundesebene: Im Mai hatte das SEM wegen der tiefen Zahlen mehrere Bundesasylzentren vorübergehend geschlossen. Diese Periode wurde für kleinere Instandstellungsarbeiten genutzt. Falls die Asylgesuche im Herbst wieder ansteigen sollten, stünden die Kapazitäten aber wieder zur Verfügung, so versichert das SEM.In den Kantonen und Gemeinden macht sich die Entlastung dagegen erst langsam bemerkbar. Dort bleibt die Lage weiterhin angespannt. Mit dem starken Anstieg der Flüchtlingszahlen 2023 riefen die Kantone Aargau und Luzern sogar eine Asylnotlage aus. Luzern konnte diese Ende 2025 aufheben. Im Aargau besteht die Notlage aber weiterhin. Noch immer sind dort acht unterirdische Unterkünfte in Betrieb, die zu mehr als der Hälfte ausgelastet sind. Die regulären Familien- und Männerunterkünfte sind zu deutlich über 90 Prozent ausgelastet.Schutzstatus-S-Gesuche bleiben auf VorjahresniveauEntspannung bei den Asylgesuchen, aber anhaltende hohe Auslastung bei den Kantonen und Gemeinden – wie geht das zusammen? Der Hauptgrund liegt in den unterschiedlichen Rollen: Der Bund ist für die Asylsuchenden nur während der ersten 140 Tage zuständig. Im Idealfall wird das Asylverfahren in dieser Zeit abgeschlossen. Gehen die Zahlen zurück, wirkt sich das in den Bundesasylzentren sofort aus.Ein Teil der Personen, die keinen Schutz erhalten, muss direkt aus den Bundesasylzentren wieder ausreisen. Alle anderen werden nach 140 Tagen nach einem besonderen Schlüssel auf die Kantone verteilt. Dort bleiben sie, solange die Schweiz ihnen Schutz gewährt. Der Bund beteiligt sich zwar während einer gewissen Zeit an den Kosten, doch zuständig sind die Kantone.Die Asylzahlen gehen übrigens nicht in sämtlichen Kategorien zurück: Die sinkenden Zahlen beschränken sich auf Gesuche aufgrund neuer Einreisen, während die Zahl der Sekundärgesuche – Mehrfachgesuche, Familiennachzug, Geburten – stabil geblieben ist. Auch die Anzahl Personen aus der Ukraine, die in den ersten sechs Monaten den Schutzstatus S beantragt haben, ist im Vergleich zur Vorjahresperiode praktisch unverändert geblieben. Seit Anfang Jahr haben rund 4300 Ukrainerinnen und Ukrainer ein Gesuch gestellt.Passend zum Artikel
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Erstmals seit 2022 sinkt die Zahl der neuen Asylgesuche im ersten Halbjahr unter 10 000. Dennoch wird der Rückgang in den Kantonen erst langsam spürbar.






