Es ist später Nachmittag gegen 17 Uhr, als Steffen Bilger zum ersten Mal den Satz hört: „Die Baustelle läuft gut. Wir sind im Zeitplan.“ Als dieser Satz fällt, steht er unter dem Ersatzneubau der Rader Hochbrücke an der A 7 in Schleswig-Holstein. 1500 Meter lang, 550 Kilogramm Stahl pro Quadratmeter Brücke, Baubeginn 2023, Kosten: 307 Millionen Euro für den ersten Teilabschnitt. Der neue Bundesverkehrsminister, gerade einmal zwei Wochen im Amt, lächelt selig. Da hat er schon neun Stunden seiner Pressereise mit allerlei Widrigkeiten hinter sich gebracht, inklusive „ICE-Panne“ – oder was die Medien so dafür halten.Am Montag hat bei der Abfahrt seines Zuges in Berlin die Klimaanlage in Bilgers Abteil (2. Klasse) ihren Dienst quittiert, was bei dem zum Einsatz gekommenen ICE-Modell keine Seltenheit ist. Der Zug älteren Baujahrs war kurzfristig eingewechselt worden, insofern gibt es eine gewisse Parallele zum frisch eingeschworenen Minister. Die sich daran anschließende Räumungsaktion erträgt Bilger mit Geduld, ebenso die Meldung, dass sich noch vor der Abfahrt vom Berliner Hauptbahnhof eine Verspätung von 13 Minuten aufbaut, weil sich das Personal wegen einer vorangegangenen Verspätung verspätet. Peinlich – gewiss. Aber auch nicht ungewöhnlich.Strenggenommen handelt es sich also nicht um eine ICE-Panne, sondern um Bahnalltag. „Wenigstens bekommt die Politik mit, was hier so los ist“, raunt eine Frau mittleren Alters, deren Reservierung wegen der defekten Klimaanlage ersatzlos entfallen ist und die nach mehreren schlechten Erfahrungen nicht mehr an die Erstattung glaubt. Auf diesen symbolträchtigen Start der ersten Pressereise des neuen Bundesverkehrsministers wird später noch zurückzukommen sein.Volltrunkene Kunden, die sich weigern, den Regionalzug zu verlassenWas Kunden mit der Deutschen Bahn erleben, füllt Selbsthilfeforen und unterhält Cocktail-Partys. Doch es verblasst gegen die Erfahrungen, die wiederum Bahn-Mitarbeiter mit Kunden machen. Wenig später spricht Bilger mit einem Zugbegleiter und lässt sich berichten, mit welchen Widrigkeiten dieser in seinem Arbeitsalltag leben muss: Faustschläge, Schubsen, Spucken, renitente Volltrunkene, die sich zu später Stunde weigern, den Regionalzug zu verlassen. Die nüchtern vorgetragenen Schilderungen nehmen Bilger sichtlich mit. Es sind Zeichen einer Verrohung der Gesellschaft, unter der auch die Politik leidet.Stunden später dann kann sich Bilger berichten lassen, dass alles nach Plan läuft mit dem Brückenersatzbau im hohen Norden. Endlich! Nach einem Wolkenbruch zeigt sich die Sonne. Kanzlerwetter. Der Neubau ragt imposant in die Höhe, die Bauingenieure nennen ihn „filigran“. Jeder Cent eine sinnvolle Investition. Auf der Internetseite der Projektmanagementgesellschaft Deges wird über den Baufortschritt Rechenschaft abgelegt und eine Fertigstellung des ersten Brückenteils Ende des Jahres in Aussicht gestellt. Allerdings ergänzt durch den Hinweis: „Voraussetzung dafür ist die durchgehende, bedarfsgerechte Finanzierung.“Schatten einer prekären HaushaltslageIn diesem Satz spiegelt sich die ganze finanzielle Unsicherheit der vergangenen Jahre. Bilger gibt sich größte Mühe, deutlich zu machen, dass diese Zeiten jetzt vorbei sind. Er tut das im Auftrag des Kanzlers, der Bilgers Vorgänger Patrick Schnieder offenkundig wegen Meinungsverschiedenheiten über die Finanzierung großer Infrastrukturvorhaben vor die Tür gesetzt hat. Die Auseinandersetzung wurde zu einer großen Belastung im ersten Regierungsjahr. Dass dringend benötigte Neubauprojekte im Straßen- und Schienennetz mangels Geld nicht realisiert werden können, sei in Zeiten eines Sondervermögens niemand vermittelbar, fand Schnieder.Findet natürlich auch Kanzler Friedrich Merz (CDU), der das immer zurückgewiesen hat. Diesen fatalen Eindruck endgültig zu zerstreuen, ist Bilgers Auftrag. Der 47 Jahre alte Jurist tut dies mit der gleichen Engelsgeduld, die er schon bei seiner Waggonevakuierung an den Tag gelegt hat. „So viel Geld wie nie zuvor“ stehe jetzt zur Verfügung. Dem Sondervermögen von 500 Milliarden Euro sei Dank. Das müsse jetzt schnell verbaut werden. Außerdem: „Deutschland kann Infrastruktur.“Bilger nutzt die Gunst des NiedrigwassersDas sagt Bilger in jedes Mikrofon und anlässlich jeder Live-Schalte für das Fernsehen, die er freundlich-souverän absolviert. Ein Minister in Dauerschleife, gar von einem „Blitzstart“ ist die Rede. Eine unverhoffte Dynamik entfaltet sich. Dem holprigen Ministerwechsel scheint ein gewisser Zauber innezuwohnen, hinzu kommt die Gunst des Niedrigwassers im Rhein, bei der Entschlossenheit demonstriert werden kann. Das Lkw-Fahrverbot am Sonntag fällt geräuschlos, die früher verlässlich vorhersehbaren Proteste bleiben aus. Mit Bilger hat Deutschland wieder ein Gesicht und einen Namen für das Amt des Verkehrsministers. Das scheint zu reichen.Dabei hilft die Pressereise, die Bilger unverhofft in den Schoß gefallen ist. Vor zwei Wochen jedenfalls stand noch Schnieders Name auf dem Programm. Dann flog er raus, Bilger wurde im zweiten Anlauf genannt, daraufhin haben sich die Anmeldungen der Hauptstadtjournalisten verdoppelt. Jetzt ist es der ehemalige Erste Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, der versichern kann, dass beim Ersatzbau der Rader Hochbrücke die Finanzierung gesichert sei.Bei der Finanzierung kann man sich nie ganz sicher seinDas Geld muss noch eine Weile reichen: Nach dem Abschluss des ersten Teils Ende des Jahres wird ab 2028 die westliche Brückenhälfte gebaut. Im Jahr 2031, so hofft man bei der Deges, werden die sechs Fahrstreifen fertig sein. Es gibt gleich mehrere Möglichkeiten der Finanzierung. Der Einzeletat des Bundesverkehrsministeriums oder das Sondervermögen oder auch eine Mischung von beiden. Da kann man sich auch im Ministerium nie ganz sicher sein.Dass jedenfalls für dieses Projekt genug Geld da ist, liegt auf der Hand, auch weil man schlecht nach der Hälfte einfach aufhören kann. Wie sieht das denn aus? Die Macht des Faktischen hat bei Infrastrukturvorhaben eine hohe Überzeugungskraft. Bilger kennt das. Zwischen 2018 und 2021 war er schon einmal als parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Stuttgart 21 ist ja auch nicht mehr zu stoppen, obwohl die Kosten jede Vorstellungskraft sprengen. Irgendjemand wird schon zahlen. In diesem Fall die Deutsche Bahn.Für Ärger sorgen andere Projekte beim Neu- und Ausbau des Straßen- und Schienennetzes, deshalb stellt sich die Frage: Warum soll es Bilger anders ergehen als seinem Amtsvorgänger Schnieder? Womöglich unterscheidet sie lediglich das Vertrauen, das sie in die Zusagen der Regierungsspitze setzen. Im vergangenen Jahr mussten Kanzler Merz und Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) auf Druck von Schnieder noch öffentlich versichern, dass alle baureifen Projekte finanziert werden. Schnieder hatte an der Belastbarkeit dieser Aussage erkennbar Zweifel. „Wir wissen, welche Projekte im Planungsstand sind, sodass wir bald Baureife erreichen werden. Das sind die Projekte, die wir dann umsetzen könnten im Neu- und Ausbau – und die sind im Wesentlichen eben nicht finanziert“, sagte er im Interview mit dem F.A.Z.-Podcast für Deutschland Ende Mai.Zurück zur symbolisch aufgeladenen „ICE-Panne“ zu Beginn von Bilgers Pressereise, hindert sie den neuen nahbaren Bundesverkehrsminister doch daran, allzu viel Kundennähe aufzubauen. Das Vorhaben, die Reise nach Hamburg in der zweiten Klasse zu erleben, werden nach der Evakuierung jedenfalls vereitelt. Für die Reisegruppe aus dem Ministerium werden kurzerhand Plätze in der ersten Klasse gefunden. Bilger fügt sich, es fällt auch nicht weiter auf.Im Laufe der Fahrt reift die Erkenntnis: Jede Verspätung lässt sich aufholen. Abgerechnet wird zum Schluss, man könnte ergänzen: am Ende der Legislaturperiode. Nach der anfänglichen Verspätung von 13 Minuten jedenfalls rauscht der ausgewechselte Zug am Zielort vier Minuten zu spät ein – offiziell also pünktlich.