Wie besonders das «leere Spanien» vom Tourismusboom rund um die Sonnenfinsternis profitiert. Ein Augenschein in Arcos de las SalinasAm Mittwoch erlebt Spanien seine erste totale Sonnenfinsternis seit 114 Jahren. Das 80-Seelen-Dorf Arcos de las Salinas liegt mitten im Kernschatten und rüstet sich für den Ansturm von Tausenden von Touristen.Julia Macher, Arcos de las Salinas12.08.2026, 11.20 Uhr5 LeseminutenSonnenfinsternis-Touristen bringen etwas wirtschaftlichen Aufschwung in Spaniens entlegenste Regionen.Pablo Blazquez Dominguez / GettyIn Arcos de las Salinas lässt sich die Tageszeit am Standort der vier weissen Plastikstühle entlang der Hauptstrasse ablesen. Vormittags stellen die Ältesten des rund 80 Einwohner zählenden Dorfes in der ostspanischen Region Teruel ihre Stühle vor dem Rathaus auf. Nachmittags ziehen sie auf die gegenüberliegende Seite um, vor die Dorfbar. Dort, im Schatten einer gelben Markise, kommentieren Emilio Alegre, Ernesto Garmín und die anderen das Tagesgeschehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In diesen Tagen gibt es vor allem ein Thema: die Sonnenfinsternis und die Besucherinnen und Besucher, die das Ereignis womöglich in ihr Dorf locken wird. Bis zu 12 000 sollen es sein, sagt Alegre. «So viele Menschen hier bei uns! Das hätte ich nie für möglich gehalten!» «Sogar aus den Vereinigten Staaten kommen Menschen», ergänzt Ernesto. Vor sechs Monaten habe eine Familie aus den USA das einzige Ferienhaus des Ortes gemietet. «Sie zahlen 4000 Euro für zwei Tage! Völlig verrückt!»Arcos de las Salinas ist eines jener Dörfer im spanischen Hinterland, über denen am Abend des 12. August der Kernschatten der ersten totalen Sonnenfinsternis in Spanien seit mehr als 114 Jahren hinwegzieht: eine Handvoll eng aneinandergeschmiegter Häuser, umgeben von Pinien- und Eichenwäldern. Das Dorf liegt auf 1080 Metern Höhe im Kreis Gúdar- Javalambre. Die Bergkette gehört mit drei Einwohnern pro Quadratkilometer zu den dünnstbesiedelten Landstrichen Spaniens. Der Himmel ist meist sternenklar, die Sicht aussergewöhnlich gut. Das aragonesische Zentrum für Astrophysik CEFCA hat den Hausberg Pico del Buitre zum Standort des Observatorio Astrofísico de Javalambre (OAJ) bestimmt. Die Sternwarte zählt zu den wichtigsten des Landes. Die europäische Weltraumorganisation ESA wird von dort die Eklipse übertragen.Ein Teleskop am Nachthimmel über dem Observatorium Galactica in Arcos de las Salinas. Das spanische Dorf erwartet zur Sonnenfinsternis am 12. August einen Besucheransturm.Leonardo Benssatto / ReutersZehn Kilometer Luftlinie entfernt liegt das 2023 eröffnete Astronomiemuseum Galáctica. Der flache Bau mit den neun weissen Beobachtungskuppeln beherbergt rund um die Sonnenfinsternis ein dreitägiges Festival für Himmelsbeobachter – inklusive Food-Trucks, Live-Konzerten, Vorträgen und 1200 zahlenden Gästen. Das mache, so titelt zumindest die Lokalpresse, Arcos de las Salinas für ein paar Tage zum «Zentrum der Welt».Für den Bürgermeister José Luis Alvir bedeutet das in erster Linie: Stress. Erschöpft lässt sich der 50-Jährige in einen der Plastikstühle vor der Dorfbar fallen. «Natürlich macht uns das stolz, aber es ist in erster Linie eine riesige Herausforderung.» Wie die meisten Provinzen, durch die der Kernschatten zieht, gehört Teruel zum sogenannten «leeren Spanien». Aus den Gegenden im Landesinneren wandert seit Jahrzehnten die Bevölkerung ab, die Infrastruktur ist schwach.Arcos de las Salinas hat zwar einen Dorfarzt, aber weder Supermarkt noch eine eigene Polizeistation. Zum nächsten Spital in der Provinzhauptstadt Teruel sind es siebzig Kilometer, zum nächsten Bankautomaten im Nachbardorf Manzanera knapp vierzig. «Bei so einem Grossereignis kann leicht etwas ausser Kontrolle geraten», sagt Alvir. «Alleine können wir das gar nicht stemmen.»Monatelang hat der Lokalpolitiker gemeinsam mit den zuständigen Behörden in Teruel und Saragossa einen Notfallplan entwickelt. Die Verwaltung schickt nun einen Notarztwagen, drei zusätzliche Ärzte ins Dorf – und zwölf Polizisten, die den Verkehr regeln werden. Wegen der hohen Waldbrandgefahr herrscht Alarmstufe Rot. Auf den Forstwegen und Strassen dürfen rund um die Sonnenfinsternis nur Anwohner oder akkreditierte Festivalbesucher mit motorisierten Fahrzeugen verkehren. Auch in den meisten anderen Regionen Spaniens kann das Himmelsereignis nur an ausgewiesenen Beobachtungsposten verfolgt werden. Eine Kommandozentrale des spanischen Innenministeriums überwacht die Sicherheitsvorkehrungen. «Aber die Absperrungen hier im Dorf werde ich wohl selbst aufstellen müssen», seufzt Lokalpolitiker Alvir.Hinter dem Tresen der Bar wischt sich Inma Alvir die Schweissperlen von der Stirn. Die Mittagsschicht geht gerade zu Ende, der Speisesaal ist noch gut gefüllt. Rund vierzig Mal hat Inma das Tagesmenu serviert: Reis aus dem Ofen mit Blutwurst und Kichererbsen, und dazu als Aperitif Torreznos, die knusprig frittierten Speckstreifen. Die Schwester des Bürgermeisters betreibt neben dem Gasthaus auch das einzige Hotel im Dorf. Die 19 Zimmer hat sie bereits vor drei Jahren den Gästen der Sternwarte versprochen, überwiegend Wissenschafter der europäischen Weltraumagentur ESA. «Zum üblichen Preis», sagt Inma Alvir.Nach einer Analyse der Tageszeitung «El País» sind die Preise für Ferienunterkünfte in der Provinz um 200 Prozent gestiegen. An manchen Orten haben sie sich sogar verachtfacht. «Das ist doch Wucher.» Wie stark der Umsatz in Bar und Restaurant steigen wird? Inma Alvir zuckt mit den Schultern. Die besten Aussichtspunkte liegen 10 bis 15 Minuten Fussmarsch entfernt. Im Dorf selbst verdecken am frühen Abend, wenn das Spektakel beginnt, die Berge den Blick. «Ich weiss nicht, ob die Tagesausflügler dann wirklich zum Essen kommen oder als günstigeren Imbiss nur bocadillos, belegte Brote, bestellen.»Als grosse Chance für den Landtourismus haben Vermietungsplattformen wie Airbnb das astronomische Ereignis beworben. In Arcos de las Salinas hofft man vor allem auf einen langfristigen Werbeeffekt. Die Festkommission der Gemeinde hat ein Sonnenfinsternis-T-Shirt entworfen, mit der Silhouette des Dorfes vor einer Sonnenkorona. Es gibt Schlüsselanhänger mit dem gleichen Logo. Das Rathaus hat 2000 Schutzbrillen gekauft und jedem Bewohner zwei Exemplare geschenkt. Touristen können den Sichtschutz im Rathaus erwerben, für einen symbolischen Preis von 50 Cent. Die Mehrkosten trägt die Gemeindekasse. Als Werbeaktion sei das Geld gut angelegt, findet der Bürgermeister. «Astrotourismus und Weltraumforschung sind eine riesige Chance für unser Dorf.»Immerhin sieben Arbeitsplätze sind dank Sternwarte und Astronomiemuseum Galáctica bisher entstanden, darunter Sicherheitsbeauftragte, Instandhalter, Ingenieure. «Auf die Bevölkerung gerechnet, sind das bereits mehr Jobs, als die Opel-Werke in Saragossa geschaffen haben.» Und der Effekt könnte sich fortsetzen: Erst kürzlich hätten beide Institutionen einen Forschungsvertrag mit den Universitäten von Peking und Hongkong unterschrieben – und Arcos de las Salinas sei der perfekte Ort für ein Studentenwohnheim.Und was passiert, wenn sich heute doch ein paar Wolken vor die Sonne schieben und den Werbeeffekt zunichtemachen? Während José Luis Alvir einen Moment nachdenkt, hat Emilio Alegre schon die Antwort parat. «Dann sollen alle zu unserem Dorffest kommen», sagt der Pensionär und deutet mit dem Kinn Richtung Festsaal, vor dem ein paar bunte Wimpel im Wind flattern. «Da gibt es Live-Musik und Tanz!» Und das sei schliesslich fast genauso gut wie eine Sonnenfinsternis.Passend zum Artikel
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