KommentarDie rekordtiefe Geburtenrate bringt die Altersvorsorge in Schieflage – doch die Politik steckt den Kopf in den SandImmer weniger Junge sollen die Rentenversprechen für immer mehr Pensionierte finanzieren. Obwohl die Rechnung längst nicht mehr aufgeht, scheuen die Regierungen vor tiefgreifenden Reformen zurück.12.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDer eigene Nachwuchs kostet viel Zeit und Geld: Immer mehr Paare entscheiden sich deshalb, weniger oder gar keine Kinder mehr aufzuziehen.Annick Ramp / NZZDie Geburtenrate ist weltweit am Sinken. In der Schweiz bringt eine Frau im Schnitt noch 1,28 Kinder auf die Welt. In Deutschland ist die Ziffer mit 1,35 zwar ein bisschen höher. Trotzdem hat der dortige Sterbeüberschuss bereits dramatische Ausmasse angenommen: Einer Million Todesfälle standen im letzten Jahr nur noch 650 000 Lebendgeburten gegenüber.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die schrumpfende Kinderzahl stellt die Altersvorsorge vor eine grosse Herausforderung. Denn die arbeitstätige Bevölkerung bezahlt im Umlageverfahren die Renten der Pensionierten. In der Schweiz kamen im Jahr 1948, als die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) gegründet wurde, noch sechs Erwerbstätige auf einen Rentner. Inzwischen ist diese Zahl auf drei geschrumpft, und im Jahr 2050 sind es sogar nur noch zwei.Eigentlich müssten angesichts dieser Entwicklung die Alarmglocken schrillen. Denn rein arithmetisch ist klar, dass mit dem fehlenden Nachwuchs die versprochenen Altersrenten inskünftig nicht mehr finanziert werden können. Doch kaum ein Politiker getraut sich, die unbequeme Wahrheit aufs Tapet zu bringen.Manche Personen propagieren ihre KinderlosigkeitDer Versicherer Swiss Life hat in einer neuen Studie die Gründe für den Geburtenrückgang analysiert. Ein interessanter Faktor ist der geringere Erwartungsdruck. In einer freiheitlichen Gesellschaft ist die Entscheidung, ob man eigenen Nachwuchs aufziehen möchte, jedem selbst überlassen.Gemäss der Untersuchung verspüren sieben von zehn Personen keinen übermässigen Druck aus ihrem Umfeld, Kinder zu bekommen. Dies zeigt, dass sich die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit gewandelt hat: Noch vor ein, zwei Generationen wurden kinderlose Frauen stärker ausgegrenzt. Heute ist es – zum Glück – seltener geworden, dass man sich dafür rechtfertigen muss. Manche Personen propagieren ihre Kinderlosigkeit sogar auf Social Media, etwa mit dem Slogan «kinderfrei leben – juhu statt tabu».Hellhörig macht nun allerdings ein weiterer Befund aus der Swiss Life-Studie. So stimmen nur 35 Prozent der Befragten der folgenden Aussage zu: «Eltern tragen durch ihre Kinder zur Stabilität der Altersvorsorge (AHV) bei.» Dies verdeutlicht das Trittbrettfahrerproblem, unter welchem das Umlageverfahren krankt: Vor der Einführung der Altersversicherung gehörte es zur privaten Verantwortung, für ein ausreichendes Einkommen im Alter zu sorgen – was einen wichtigen Antrieb für eigene Kinder bedeutete, weil diese ihre Eltern finanziell unterstützen konnten.Die Renten verschlingen immer mehr StaatsgelderMit der Einführung der AHV aber hat sich dieser Mechanismus radikal geändert: Die Kosten, um die Kinder aufzuziehen, müssen die Eltern weiterhin privat tragen – was in die Hunderttausende von Franken geht. Dagegen wurden die Erträge, welche die Kinder als künftige Erwerbstätige und AHV-Beitragszahler einbringen, sozialisiert. Sie kommen der Allgemeinheit zugute.Diese Entkopplung zwischen den Leistungserbringern und den Nutzniessern im Rentensystem hat dazu geführt, dass breite Kreise in der Bevölkerung das Funktionieren der Altersvorsorge falsch verstehen. Im Umlageverfahren genügt es eben nicht, einfach die Renten der heutigen Pensionierten zu bezahlen.Die eigene Rente finanziert sich diese Generation im Gegenteil erst dann, wenn sie selbst Kinder grosszieht – was in viel zu geringem Masse passiert. Und weil diese Rechnung nicht aufgeht, muss der Staat mit immer mehr Steuergeldern die Defizite des Rentensystems stopfen. In Italien verschlingen die öffentlichen Ausgaben für die Altersrenten bereits 16 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung.Trotzdem wagt kaum eine Regierung, die finanzielle Schieflage des Rentensystems zu korrigieren, etwa durch eine Anbindung des Pensionsalters an die Lebenserwartung. Zudem wird zwar lauthals lamentiert, dass Europa international immer mehr an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Dass die wegen der tiefen Geburtenrate viel zu teure Altersvorsorge ein wichtiger Grund dafür ist, bleibt aber ebenso ein politisches Tabu.Passend zum Artikel
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Immer weniger Junge sollen die Rentenversprechen für immer mehr Pensionierte finanzieren. Obwohl die Rechnung längst nicht mehr aufgeht, scheuen die Regierungen vor tiefgreifenden Reformen zurück.







