Der Machtkampf der AfD in Nordrhein-Westfalen könnte zum Problem für die Bundespartei werdenIm Streit um die AfD-Landesliste in Nordrhein-Westfalen kommen Vorwürfe ans Licht, die niemanden gut dastehen lassen. Im Hintergrund mischen auch die Bundesparteichefs Tino Chrupalla und Alice Weidel mit. Färbt der Konflikt auf sie ab?11.08.2026, 12.38 Uhr4 LeseminutenAfD-Bundesvizechef Sven Tritschler (r.) erhebt schwere Vorwürfe gegen Martin Vincentz (l.), den Landesvorsitzenden der AfD in Nordrhein-Westfalen.Revierfoto / ImagoIn den ostdeutschen Bundesländern Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin möchte die AfD bei den Wahlen zu den dortigen Landesparlamenten neue Rekordergebnisse einfahren. Doch ausgerechnet vor diesen Wahlen im Herbst eskaliert ein Machtkampf in Nordrhein-Westfalen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In ihrem grössten Landesverband streitet sich die AfD darum, wer im kommenden Jahr ins Parlament einziehen darf. Je nachdem, wen man fragt, hört man über diesen Konflikt unterschiedliche Versionen. Doch fest steht: Ein gesichtswahrender Ausweg aus dem Konflikt ist für keine der Parteien in Sicht. Und auch die Parteispitze könnte in den Strudel der Ereignisse hineingezogen werden.Die neueste Eskalationsstufe sind zwei Brandbriefe, die die nordrhein-westfälischen AfD-Politiker Sven Tritschler und Maximilian Kneller an den Bundesvorstand verschickt haben, dem sie selbst angehören. Tritschler ist Vize-Parteichef und Vertrauter der Co-Vorsitzenden Alice Weidel, Kneller Bundestagsabgeordneter. Der Machtkampf um die Listenplätze, die über den Einzug eines Politikers ins Parlament entscheiden können, sei ein «Entscheidungskampf um die Seele unserer Partei», schreibt Tritschler in dem Brief, den eine Journalistin des Portals «T-Online» zuerst veröffentlicht hatte.Über den Konflikt rund um die Aufstellung der Landesliste kursieren zwei Versionen. Da gibt es einmal das Lager rund um den Landeschef Martin Vincentz, das behauptet, in Wirklichkeit handle es sich um einen Richtungsstreit zwischen Gemässigten und Extremisten. Und es gibt das Tritschler-Lager, das die Situation anders darstellt. Laut ihm wehren sich er selbst und seine Mitstreiter gegen die Einflussnahme eines Netzwerks, das an Macht und Ressourcen interessiert sei und das sich den gesamten Landesverband unter den Nagel reissen wolle. Vincentz soll im Interesse dieses Netzwerks handeln. Von derartigen Netzwerken soll die Partei laut Tritschler geradezu wimmeln.Vorwürfe der Bestechung und der GeldwäscheKonkret wirft Tritschler einem Vertrauten von Vincentz vor, dieser habe mutmasslich im Auftrag seines Chefs gegen ihn, Tritschler, intrigiert. Und zwar habe er einem Mitarbeiter «für vermeintliches Belastungsmaterial gegen mich grosszügige Jobangebote offeriert». Ebendieser Vertrauter soll laut dem Bundestagsabgeordneten Kneller gefordert haben, dass jeder Abgeordnete des Landesverbands einen Teil seines Personalbudgets an die Partei abführen solle. Das wäre nach deutschem Recht illegal. Bei dem Vertrauten handelt es sich um den ehemaligen Pressesprecher Kris Schnappertz, der über einen Anwalt alle Vorwürfe dementieren liess.Mit ihren Brandbriefen verpassten Tritschler und Kneller dem Vincentz-Lager einen Tiefschlag. Dass die Schreiben öffentlich wurden, dürfte allerdings auch der Bundespartei schaden. Denn Korruptionsvorwürfe wiegen in der AfD schwer: Schliesslich sieht sie sich in fundamentaler Opposition zu den von ihr bekämpften etablierten Parteien. Die sogenannten Altparteien sind im Weltbild der AfD nicht am Wohl des Landes, sondern bloss am eigenen Fortkommen interessiert. Sollte aber der grösste Landesverband der AfD mindestens genauso von Intrigen und Partikularinteressen durchsetzt sein, wie es die etablierten Parteien angeblich sind, dann würde es das Image der AfD als Alternative zum etablierten Politikbetrieb empfindlich beschädigen.Der Landesverband in Nordrhein-Westfalen ist schon seit längerem zerstritten. Der bisherige Höhepunkt des Konflikts war der Landesparteitag in der Stadt Marl am 17. Juli. Zunächst hatte Tritschler mit seinen Mitstreitern die «Operation Filibuster» organisiert, bei der sich über 90 Kandidaten für den 22. Listenplatz bewarben. Ziel war es, den Parteitag durch die Bewerbungsreden so sehr in die Länge zu ziehen, dass er nicht mehr geordnet stattfinden konnte.Vincentz dagegen liess im Eilverfahren die ersten 34 Listenplätze fast vollständig mit seinen Gefolgsleuten besetzen – zu einem Zeitpunkt, als seine Gegner den Parteitag aus Protest bereits verlassen hatten. Weil einzelne Delegierte bei der Wahl bedroht worden sein sollen, forderte die Bundesspitze den Abbruch des Parteitags. Zwar hatte das keine Folgen für Vincentz: Die Liste blieb bestehen. Trotzdem versuchte er, per Eilantrag zu erwirken, dass die Parteispitze sich nicht in die Angelegenheiten seines Landesverbands einmischen dürfe. Damit hatte er sich mit Alice Weidel endgültig verscherzt.Weidel und Chrupalla stützen unterschiedliche NetzwerkeDie Protestnote der Bundesspitze gegen den nordrhein-westfälischen Landesverband ging massgeblich auf die Co-Parteichefin Weidel zurück. Ihre Nähe zu Tritschler ist kein Geheimnis: Sie hatte beim Bundesparteitag in Erfurt Anfang Juli Tritschlers Kandidatur für den Vizeparteivorsitz persönlich vorgeschlagen. Der nordrhein-westfälische AfD-Politiker Kay Gottschalk, der Vincentz nahesteht, ging als Kandidat für den Vizeparteivorsitz dagegen leer aus. Vincentz gilt in AfD-Kreisen als Chrupalla-Vertrauter.Dass niemand aus dem Vincentz-Lager in den Bundesvorstand gewählt wurde, gilt manchen Kennern der Partei als eigentlicher Auslöser des Konflikts. Denn es soll Absprachen gegeben haben, wonach beide Lager aus Nordrhein-Westfalen im Bundesvorstand repräsentiert werden sollten.Der Fall des Vincentz-Vertrauten Gottschalk hat aber auch eine andere Dimension. Er zeigt, dass sich die Erzählung, wonach Vincentz gegen die parteiinternen Extremisten kämpfe, pauschal nicht halten lässt. Zwar setzte sich Gottschalk für den Parteiausschluss von Matthias Helferich ein, der in der Partei als Rechtsausleger gilt. Doch er kokettierte auch immer wieder mit den Positionen des völkischen Lagers. In den sozialen Netzwerken forderte Gottschalk zum Beispiel die «millionenfache» Remigration von Nichtdeutschen – allein ausreisepflichtige Ausländer, 259 000 an der Zahl, dürften damit wohl nicht gemeint gewesen sein.Gottschalks politische Flexibilität legt nahe, dass ideologische Konflikte in der AfD höchstens am Rande eine Rolle spielen. Eher stellt sich der Eindruck ein, dass die Partei in mehrere Machtpole und Karrierenetzwerke gespalten ist, die nun in Nordrhein-Westfalen ihre Kämpfe austragen. Sollte sich dieser Eindruck irgendwann auch bei den Anhängern der AfD verfestigen, hätte womöglich auch die Führungsspitze ein Problem. Denn dann wäre die AfD in den Augen ihrer potenziellen Wähler mehr «Altpartei», als es ihnen lieb sein kann.Passend zum Artikel
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