Mehr als jeder dritte Deutsche stimmt per Post ab. Die rechte Partei sieht darin ein Risiko. Ist das Stimmungsmache, oder gibt es einen wahren Kern?11.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAuszählung von Briefwahlstimmen in Köln nach der Landtagswahl im Jahr 2022.Christoph Hardt / ImagoZweifel am System zu säen, gehört zum Repertoire jeder Partei, die sich als fundamentale Opposition begreift. Die AfD ist da keine Ausnahme. Ihre wütende Kritik beschränkt sich nicht nur auf die etablierten Parteien, sondern macht auch vor dem deutschen Wahlsystem nicht halt. Seit Jahren warnt die AfD davor, per Brief abzustimmen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es fügt sich nahtlos in die Erzählung der Rechten: wir gegen die korrupte Elite. Aber geht es hier nur um Feindbildpflege? Oder bestehen tatsächlich plausible Einwände gegen die Briefwahl?Auf Anfrage der NZZ führt ein Sprecher der AfD Artikel 38 des Grundgesetzes an. Dort heisst es: «Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt.» Aber ist die Briefwahl tatsächlich unmittelbar? Wer sie beantragt, kann Wochen vor dem eigentlichen Wahltermin abstimmen – und danach nicht mehr auf aktuelle politische Entwicklungen reagieren.Schwieriger zu beantworten ist die Frage, ob die Briefwahl in jeder Hinsicht den Anspruch erfüllt, geheim zu sein. Das deutsche Verfassungsgericht kam im Jahr 2013 zu folgendem Schluss: «Bei der Briefwahl ist die öffentliche Kontrolle der Stimmabgabe zurückgenommen. Auch ist die Integrität der Wahl nicht gleichermassen gewährleistet wie bei der Urnenwahl im Wahllokal.» Dennoch sah das Gericht die Briefwahl als verfassungskonform an, auch weil sie dem Ziel diene, eine möglichst hohe Wahlbeteiligung zu erreichen.Altenheime unter VerdachtDas Büro für Technikfolgen-Abschätzung im deutschen Parlament sieht bei der Briefwahl ähnliche Schwächen wie das Verfassungsgericht. In einer Studie des Büros heisst es, die Geheimhaltung könne nicht mit derselben Sicherheit gewährleistet werden wie bei der Abstimmung im Wahllokal. Zur Begründung schreibt das Büro: «Es findet keine amtliche Kontrolle der Stimmabgabe statt.» Wer per Brief wähle, müsse dem Postweg und dem Briefwahllokal vertrauen.Die AfD empfiehlt ihren Wählern, nur im Ausnahmefall per Brief abzustimmen. Manipulation sei dabei leichter möglich, und zwar «insbesondere in Altenheimen». Dass es sich hierbei nicht um eine reine Hypothese handelt, zeigen zwei Fälle aus dem norddeutschen Bundesland Niedersachsen.Dort wurde die Betreiberin eines Altenheims in der Gemeinde Wietze im Jahr 2008 wegen Wahlfälschung verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass sie Einfluss auf die Briefwahl der betagten Heimbewohner genommen hatte. Sie wollte damit offensichtlich ihrem Mann helfen, der für die Wahl zum Gemeinderat antrat. Laut dem «Spiegel» erzielte er im Wahllokal ein unschönes Ergebnis, bei der Briefwahl schnitt er jedoch bestens ab. Die gesamte Wahl musste schliesslich wiederholt werden.Linke Politiker manipulieren WahlEin weiterer Fall trug sich in der Kleinstadt Quakenbrück zu: Dort hatten im Jahr 2016 vier Kandidaten der Linkspartei die Kommunalwahl manipuliert. Auch ihre Briefwahlergebnisse waren zu gut, um wahr zu sein. Laut einem Bericht der «TAZ» hatten sie zunächst Migranten zur Briefwahl animiert. Anschliessend sollen die Angeklagten deren Unterlagen zum Teil selbst ausgefüllt und die Kreuze gesetzt haben. Das Landgericht Osnabrück verurteilte die Täter zu Haftstrafen auf Bewährung und entzog ihnen für vier Jahre das passive Wahlrecht. Ein fünfter Angeklagter wurde zu einer Geldstrafe von 2000 Euro verurteilt. Auch die Wahl in Quakenbrück musste wiederholt werden.Ungeachtet solcher Fälle ist die Briefwahl in Deutschland populär. Bei der Wahl zum Parlament im vergangenen Jahr nutzten sie 37 Prozent der Wähler. Möglich wurde dies durch eine Gesetzesänderung aus dem Jahr 2008. Zuvor war die Briefwahl nur für Ausnahmefälle vorgesehen, wie zum Beispiel im Fall von Krankheit oder einer Auslandsreise. Seit 2008 kann sie jeder ohne Angabe von Gründen beantragen.Im Osten Deutschlands werden im September gleich drei Landesparlamente neu gewählt. Auf Anfrage erklärte die AfD im Bundesland Berlin, nicht von der Briefwahl abzuraten. Der Landesverband in Sachsen-Anhalt warnt jedoch vor der Briefwahl.Auch in Mecklenburg-Vorpommern ist die Haltung klar. «Wir rufen die Bürger auf, die Briefwahl nach Möglichkeit zu vermeiden. Sie ist einfach anfälliger für potenzielle Manipulationsversuche», sagte der dortige Spitzenkandidat Leif-Erik Holm der NZZ. Die Partei will die Briefwahl allerdings nicht grundsätzlich abschaffen, sondern im Ausnahmefall weiter ermöglichen.Bei keiner anderen Partei ist die Abweichung so starkSo markant wie bei der AfD ist die Abweichung zwischen dem Ergebnis der Urnenwahl und der Briefwahl bei keiner relevanten anderen Partei. Im Jahr 2025 bekam sie bei der Bundestagswahl 13,2 Prozent der per Brief eingereichten Stimmen, in den Wahllokalen kam sie hingegen auf 25,3 Prozent.Wie lässt sich das erklären? Der Hauptgrund ist wahrscheinlich, dass die AfD ihre Wähler dazu aufruft, die Briefwahl zu boykottieren. So gesehen wäre das schwache Briefwahlergebnis eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Wer die Briefwahl verteufelt, wird dort weniger Stimmen holen.Für die AfD gilt jedenfalls übers gesamte Altersspektrum, dass der Briefwähleranteil um rund 7 bis 15 Prozentpunkte niedriger ist als der Anteil der Urnenwähler. Bei anderen Parteien liegen die beiden Werte deutlich näher beieinander. So kam die FDP zum Beispiel insgesamt in beiden Wahlarten auf den gleichen Wert: 4,3 Prozent. Die CDU hatte eine Abweichung von 2,5 Prozentpunkten.Zudem nutzen etwas mehr Frauen als Männer die Briefwahl. Die AfD schneidet bei Frauen aber deutlich schlechter ab als bei Männern, was sich ebenfalls auf ihr Briefwahlergebnis auswirkt. Auch beantragen Wähler über 70 am häufigsten einen Briefwahlschein – in dieser Gruppe ist die AfD aber schwächer als in allen anderen Altersgruppen.Die zahlreichen Gegner der AfD tun deren Warnung vor der Briefwahl als Verschwörungsthese ab. Auf Nachfrage kann die AfD keinen Fall nennen, in dem die Briefwahl zu ihren Ungunsten manipuliert worden wäre. Andererseits lassen sich die grundsätzlichen Schwächen der Briefwahl nicht komplett wegdiskutieren.Die Bundeswahlleiterin teilte auf Nachfrage mit, «missbräuchliches Verhalten» sei bei der Briefwahl im Einzelfall unter Umständen möglich. «Die bestehenden Vorkehrungen stellen jedoch sicher, dass eine Manipulation des Wahlergebnisses in relevantem Umfang ausgeschlossen werden kann.»Der Verweis auf die Dimension ist wichtig. So sind zum Beispiel lokale Wahlen wegen der geringen Zahl von Stimmberechtigten anfälliger für Briefwahlbetrug. Das zeigt der geschilderte Fall in dem Altersheim in Niedersachsen.Um auf diese Weise aber relevanten Einfluss auf das Ergebnis einer Parlamentswahl mit Millionen Stimmberechtigten zu nehmen, brauchte es viel Koordinierung, die zwangsläufig einige Mitwisser zur Folge hätte. So einen Fall gab es in Deutschland noch nie, und es ist fraglich, ob es ihn je geben wird.Passend zum Artikel