Den Schampus und das Bier können Alice Weidel und Tino Chrupalla schon kaltstellen. Wenn die AfD-Vorsitzenden nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern vor die Kameras treten, dürften sie dreimal dasselbe Wort in den Mund nehmen: Rekord, Rekord, Rekord. Schon in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg konnte sich die Partei über Landesrekorde freuen. Auch bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr holte die Partei das beste Ergebnis ihrer Geschichte. Die Aufzählung ließe sich fortführen.Gewiss scheinen nicht nur die satten Zugewinne in den Septemberwahlen. Gewiss scheint auch, dass eine Frage gestellt werden wird, die noch immer gestellt wird, wenn die AfD wieder einen Rekord einfährt: Wer ist schuld? Anders gefragt: Wer hat seine Wähler an die AfD verloren?Kurzfristig ergibt sich das aus den Wählerwanderungen, die von den großen Meinungsforschungsinstituten auf Grundlage von Nachwahlbefragungen erstellt werden. Langfristig gesehen ist die Sache schwieriger, sagt der Demoskop Stefan Merz von Infratest dimap. Eindeutige Daten, wen die heutigen AfD-Wähler vor der Parteigründung 2013 gewählt haben, gebe es nicht. Dafür aber Anhaltspunkte.Union und SPD haben viele Wähler an den Tod verlorenZunächst – das geht oft unter – haben vor allem die Union und die SPD viele Wähler an den Tod verloren. Bei den vergangenen vier Bundestagswahlen, so lautet die Schätzung von Meinungsforscher Merz, seien jeweils von Wahl zu Wahl rund 3,5 Millionen Wahlberechtigte verstorben. Das trifft Christ- und Sozialdemokraten hart, weil sie von der hohen Parteibindung in älteren Jahrgängen profitieren. Ihnen ist es nicht gelungen, im Gegenzug genügend neue Wahlberechtigte an sich zu binden. Von denen gibt es ohnehin weniger. Kamen zu den Bundestagswahlen 2013 und 2017 etwas mehr als drei Millionen neue Wahlberechtigte hinzu, waren es zuletzt 2025 nur noch 2,7 Millionen, unter ihnen ein wachsender Anteil an Eingebürgerten.Im Gegensatz zur Union und SPD hat die AfD die Demographie auf ihrer Seite: Ihre Wähler stehen meist noch im Arbeitsleben und sind vom Seniorenalter noch weit entfernt.Stefan Merz, Senior Direktor Wahlen bei infratest dimapDavid Ausserhofer/Infratest DimapUm darüber hinaus eine Ahnung davon zu bekommen, aus welchen Richtungen die Wähler zur AfD stießen, zieht der Demoskop Merz die Salden aus den Wählerwanderungen der vergangenen vier Bundestagswahlen zurate, also: Zuströme minus Abströme. Unter dem Strich hat die AfD demnach seit ihrer Parteigründung gut drei Millionen ehemalige Nichtwähler an sich gebunden, von der Union 2,2 Millionen, von den Kleinparteien unter der Fünfprozenthürde 1,65 Millionen und von der FDP, der SPD und der Linken jeweils rund eine Million. Nur der Saldo gegenüber den Grünen fällt mit 170.000 kaum ins Gewicht.Bedenken muss man, dass es sich dabei um die Summen der Salden zwischen zwei Wahlen handelt. „Es gibt sicherlich SPD-Wähler aus der Schröder-Zeit, die vielleicht mal die Union, mal die Linke, mal gar nicht gewählt haben und dann bei der AfD gelandet sind“, sagt Stefan Merz. Wähler also, die mal abgetaucht und nach Jahren wieder aufgetaucht sind. „Ein Teil der Merkel-Jahre war geprägt von sinkender Wahlbeteiligung und Apathie. Nicht ohne Grund heißt die AfD, wie sie heißt. Weil sie eine Alternative zu der damals einschläfernden vermeintlichen Alternativlosigkeit sein wollte.“Die Wählerwanderungssalden von Infratest dimap sind also nur ein Hilfsmittel. Was man aus ihnen herauslesen kann, ist aber: Die AfD hat aus fast allen Richtungen gewonnen. Anders ausgedrückt: Anhand dieser Zahlen lässt sich die Verantwortung für den Aufstieg der AfD nicht auf einzelne Parteien abwälzen.Ende des Aufschwungs nicht in SichtIn Wahrheit haben nahezu alle Parteien viele Wähler an die AfD verloren. „Die Linke war mal eine Zeit lang Volkspartei im Osten. Und schauen Sie sich an, wo die Partei jetzt dort steht“, sagt Meinungsforscher Merz. Zwar hat die Partei zuletzt einen Aufschwung erlebt, weil sie bei jungen urbanen Wählern punktet, aber in Ostdeutschland, wo sie in Thüringen sogar mit Bodo Ramelow einen Ministerpräsidenten gestellt hat, ist die Partei geschrumpft. Zum einen weil die Linke im Osten Wähler an die AfD verloren hat, zum anderen weil dort viele ihrer Wähler verstorben sind.Die SPD wiederum, sagt Stefan Merz, überzeuge die Arbeiter nicht mehr, von denen viele mittlerweile die AfD wählen. „Selbst wenn die direkten Wählerströme von Union zur AfD größer sind als von der SPD zur AfD, sieht man daran, dass es auch ein SPD-Problem ist“, sagt Merz. „Das sind Leute, die vor 20 Jahren wahrscheinlich die SPD gewählt hätten. Da steckt ein langer Entfremdungsprozess dahinter. Die SPD erreicht ihr traditionelles Milieu nicht mehr.“Das ist schon länger zu beobachten, wurde aber wohl nie so deutlich wie bei den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr. Im Ruhrgebiet haben die Sozialdemokraten viele Verluste hinnehmen müssen, gegenüber der Union, aber auch gegenüber der AfD.Ein Ende des AfD-Aufschwungs ist nicht in Sicht. Die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes haben ihre Wähler nicht beeindruckt, vermutlich auch nicht überrascht. Die Partei wird, das zeigen Nachwahlbefragungen, immer häufiger aus Überzeugung gewählt. Auch Skandale, Affären (etwa wegen Vetternwirtschaft) und öffentlicher Streit zwischen Funktionären haben die Parteianhänger bisher nicht verschreckt. Sollte es der AfD etwa in Sachsen-Anhalt gelingen, eine Regierung zu bilden, wäre das der nächste Test, wie stark das Wählerfundament auf Dauer ist.
AfD: Von welchen Parteien kommen ihre Wähler?
Bei den Wahlen im September sind der Partei satte Zugewinne so gut wie sicher. Wo haben ihre Wähler eigentlich früher ihr Kreuz gesetzt?







