«Die Beine wollten nicht mehr» – Marlen Reusser sucht nach der Tour de France Erklärungen für die späte EnttäuschungAm letzten Tag der Rundfahrt verpasste Reusser das Podest. Nicht nur der Sturz bremste sie aus. Am Montag sitzt der Frust noch tief.10.08.2026, 17.31 Uhr4 LeseminutenSchon vor dem Sturz wusste Marlen Reusser, dass sie das Podest verpassen würde.Garnier Etienne / Imago«Noch ist es höllisch früh, über alles zu reden», sagte Marlen Reusser am Montagnachmittag vor den Medien. Keine 24 Stunden waren vergangen, seit sie ihren grossen Traum vorerst hatte begraben müssen. Sie durchlief in den vergangenen Tagen ein Wechselbad der Gefühle: zuerst Hoffnung, zuletzt Frustration und Enttäuschung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die 34-Jährige, die erst vor sieben Jahren Radprofi wurde, hatte sich dieses Jahr zum ersten Mal vorgenommen, die Tour de France der Frauen zu gewinnen. Ihre jüngsten Erfolge gaben ihr Grund dazu: Im Juni triumphierte sie zum dritten Mal bei der Tour de Suisse, 2025 belegte sie bei der Vuelta und dem Giro jeweils den zweiten Platz.Ein Podestplatz bei der Tour de France fehlte noch. Bis kurz vor Schluss war der dritte Rang zum Greifen nah. Doch dann fuhr sie am Sonntag, dem letzten Tag der Rundfahrt, ihre schlechteste Etappe und stürzte obendrein.Die Beine versagtenReusser landete abgeschlagen auf Rang 109. In der Gesamtwertung stürzte sie auf Rang 14 ab. Der dritte Platz: weit entfernt. Den Sieg holte sich die Niederländerin Demi Vollering, die Polin Kasia Niewiadoma-Phinney wurde Zweite, und die Italienerin Elisa Longo Borghini schnappte Reusser den dritten Schlussrang weg.Viermal mussten die Fahrerinnen den Col d’Èze nahe Nizza erklimmen. Reusser wurde der Pass beim zweiten Mal zum Verhängnis. Sie geriet in Rückstand, kämpfte weiter, doch auf einmal fehlte von ihr jede Spur. Dann war auf Fernsehaufnahmen zu sehen, wie sie am Strassenrand sitzt. Marlen Reusser sei in einer Rechtskurve gestürzt, hiess es später. Ihr Knie blutete, sie blieb noch eine Weile sitzen. Schliesslich rappelte sie sich auf, setzte das Rennen fort, begleitet von ihren Movistar-Teamkolleginnen.Was genau geschehen war, blieb am Sonntag unklar. Nach der Schlussetappe zog sich Reusser zurück. Am Montag sagte sie vor den Medien, sie sei in ein Schlagloch geraten, der Lenker sei ihr aus den nassen Händen geglitten: «Das ist mir noch nie im Leben passiert.» Als sie am Boden gesessen sei, habe sie gedacht: «Was zur Hölle.» Ihr Team habe sie überzeugt, gemeinsam die Etappe zu beenden. Reusser nennt es eine «Prozession».Das Podest, betont sie, habe sie nicht erst durch den Sturz verloren. Schon vorher sei ihr klar gewesen, dass es nicht mehr reiche: «Die Beine wollten nicht mehr.» Der Kopf wollte, aber der Körper konnte nicht.Kraftprobe am Mont VentouxDass es schon wieder nicht geklappt hat an der Frankreich-Rundfahrt, nervt Reusser. Sie sagte: «In der Summe ist es schon frustrierend.»Die Tour de France und Marlen Reusser, es bleibt eine unvollendete Geschichte. Und eine, die von Pech begleitet ist. 2022, damals wurde das Rennen zum ersten Mal durchgeführt, gewann sie die vierte Etappe nach einem Solo über 23 Kilometer. Ein Sturz auf der sechsten Etappe zwang sie zur Aufgabe. 2024 musste sie wegen Long Covid aussetzen. Vergangenes Jahr startete sie zwar, musste die Tour bereits am ersten Tag wegen einer Lebensmittelvergiftung abbrechen.Dieses Jahr versuchte Reusser sämtliche Faktoren zu kontrollieren, die sie kontrollieren kann. Der Privatkoch reiste früher an, sie besichtigte im Vorfeld die Tour-Etappen, bereitete sich im Juli in Andorra mit einem Höhentraining auf die Rundfahrt vor.Und die Vorbereitungen zahlten sich aus. Im Zeitfahren am vierten Tag erfüllte sie als Weltmeisterin die Erwartungen und gewann die Etappe. Drei Tage lang trug sie das Maillot jaune, bis sie es auf dem Mont Ventoux abgeben musste. Niewiadoma-Phinney zog auf der Königsetappe an Reusser und Vollering vorbei.Vollering und Reusser seien zu sehr auf sich fokussiert gewesen, Niewiadoma-Phinney die lachende Dritte, hiess es danach. Reusser äusserte sich am Freitag kritisch dazu, dass Vollering sie auf der Bergetappe angegriffen habe: «Ich habe ihr immer wieder gesagt: ‹Mach das nicht, lass uns einfach weiterfahren.›» Sie habe vorgeschlagen, gemeinsam die Verfolgung aufzunehmen.Rätselhafte Probleme am linken BeinAm Samstag, nach der vorletzten Etappe, sagte Reusser, sie habe die «schlechtesten Beine meines Lebens». Kostete das Duell am Mont Ventoux sie letztlich den Podestplatz? Reusser zeigte sich am Montag selbstkritisch: «Demi erholte sich sehr wohl – obwohl die Attacken für sie noch anstrengender waren.» Vielleicht, so sagte sie, sei das «Erholungstalent» einer Athletin Teil des Erfolgs.Reusser, die ausgebildete Ärztin, und ihr Team rätseln derzeit über die Ursachen, weshalb die Beine am Wochenende nicht mehr mitgespielt haben. Verletzungen und Muskelprobleme bestimmten das bisherige Jahr. Seit dem Unfall bei der Flandern-Rundfahrt im April, so beobachtet Reusser, habe sich ihre Trittfrequenz verändert; sie pedaliere nicht mehr rund. Das linke Bein trete schwächer, sagt sie.Die nächsten Wochen werden sie und ihr Team nach den Ursachen suchen, weshalb ihre Leistung zuletzt eingebrochen ist. Im September reist sie nach Montreal, wo sie bei den WM als Favoritin im Zeitfahren antritt.Doch zuerst will sie sich in ihrer Wahlheimat Andorra erholen. Derzeit dominiert die letzte Etappe, wenn Reusser auf die vergangenen Tage zurückblickt. Sie muss erst noch begreifen, was sie als einstige Quereinsteigerin im Radsport bei der Tour de France geschafft hat.Passend zum Artikel
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