Im Vertrauen darauf, dass es einschlägt: Marlen Reusser will die Tour de France gewinnenNach zweiten Plätzen beim Giro und an der Vuelta strebt die Berner Radfahrerin ihren ersten Grand-Tour-Sieg an. Dass die Vorbereitung wieder einmal nicht so verlaufen ist wie gewünscht, bringt die 34-Jährige nicht mehr aus der Ruhe.31.07.2026, 15.40 Uhr5 LeseminutenWas bringt die Tour de France 2026 für Marlen Reusser?Davide Spada / ImagoDas Velo steht seit je im Mittelpunkt musikalischer Kreationen. Bei einer Auswahl von Queens «Bicycle Race» über Kraftwerks «Tour de France» bis zu «Mir sind mit em Velo da» von Peter Hinnen finden selbst Unsportliche trällernd einen Zugang zum Fahrrad. Weitaus kleiner ist allerdings die Zahl der Veloprofis, denen ein eigenes Lied gewidmet ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Marlen Reusser ist eine der wenigen. Früher in diesem Jahr veröffentlichte Dodo das Lied «Genau jetzt» über die Berner Profi-Radfahrerin, nachdem ihn beeindruckt hatte, was Reusser in einer Fernsehdokumentation gesagt hatte: «Die schwierigen Zeiten haben mich eines gelehrt: Das Leben findet jetzt statt. Also genau jetzt.»Genau jetzt ist wieder so ein Moment. Wo das Davor nicht mehr zählt und das Grübeln über die Zukunft nichts bringt. Am Samstag beginnt in Lausanne die Tour de France, und Reusser will sie gewinnen, zum ersten Mal nennt sie dieses Ziel. In diesem Moment muss sie vergessen, dass die Vorbereitung wegen mehrerer Stürze in diesem Frühjahr nicht optimal war. Sie sagt: «Wir schauen jetzt, was da herausspringt.»So oft ist es überraschend gut herausgekommen, wenn sie nach einer Verletzung zurückkam. Diesen Frühling erst wieder, als sie ein paar Wochen nach einem Salto bei 60 km/h und diversen Verletzungen im ersten Rennen danach siegte. Oder als sie 2024 wegen Long Covid monatelang nicht wusste, ob sie je wieder schnell würde Velo fahren können – und 2025 bereits das zweite Rennen der Saison gewann.Oft stand sie aber auch in blendender Verfassung am Start eines Rennens und gewann trotzdem nicht.Reusser kann hadern, wenn sie schon wieder stürzt oder die Vorbereitung anpassen muss. «Dann mache ich zuerst ein bisschen Drama», sagte sie an der Tour de Suisse über ihren Umgang mit Rückschlägen. «Aber ich darf es nicht zu ernst nehmen.» Nur wer einsehe, dass er nicht alles unter Kontrolle habe, könne erfolgreich sein.Im Team ist alles auf den Gesamtsieg ausgerichtetReusser hat für den Traum vom Gesamtsieg alles getan, was sie kontrollieren kann. Sie fährt mit Movistar für ein Team, das auf ihren Erfolg im Gesamtklassement abgestimmt ist. Es wird versuchen, Reusser im Feld vor Stürzen zu beschützen. Auch wenn das viel Kraft kostet und die Möglichkeiten auf Etappensiege reduziert. «Aber wir gehen auf den Rundfahrtsieg und werden unsere Kräfte dementsprechend investieren», sagt Reusser.Als Erster des Teams soll der Koch anreisen. Dieses vermeintliche Detail kostete Reusser im vergangenen Jahr mit viel Pech einen Teil der Saison. Am ersten gemeinsamen Abend vor der Tour de France ging das Team auswärts essen, weil der Koch noch nicht da war. Reusser wählte das einzige vegetarische Menu – und verbrachte die Nacht mit einer Lebensmittelvergiftung über der Toilette, konnte bis zum Tour-Start nichts essen. In der ersten Etappe gab sie entkräftet auf. Dabei war sie schon geschwächt angereist. Am Giro kurz davor hatte sie sich trotz einer Magen-Darm-Erkrankung mit Fieber noch auf den zweiten Platz gekämpft. Danach brachte ihr Partner und Trainer Hendrik Werner auch noch eine Atemwegsinfektion nach Hause.Als Lehre aus der Lebensmittelvergiftung gab Reusser eine Angewohnheit auf: Weil sie Food-Waste nicht leiden kann, ass sie früher auch abgelaufene Lebensmittel, die ihre Teamkolleginnen nicht mehr wollten. Heute macht sie das nicht mehr. «Wir investieren so viel in unseren Körper. Das wäre dumm in dem Moment.» Kontrolle, wo Kontrolle möglich ist.Dazu gehört auch die Besichtigung der Tour-Etappen im Vorfeld. In Dijon sah Reusser den Parcours eines «wirklich herausfordernden, sehr interessanten Einzelzeitfahrens». Zwar hat die Disziplin für die 34-Jährige an Reiz verloren, seit sie im Herbst 2025 den ersehnten Weltmeistertitel errungen hat. Doch für die Konkurrenz bleibt sie auf den 21 Kilometern vom Dienstag mit einem Anstieg in der Mitte gleich gefährlich.In Villars-sur-Ollon feiert Reusser im Juni nicht nur den Sieg in der letzten Etappe, sondern auch im Gesamtklassement.Tim de Waele / GettyAm meisten zu gewinnen oder zu verlieren gibt es aber in der Königsetappe am Mont Ventoux am nächsten Freitag. Reusser befuhr den berühmten Berg in der Provence im Vorfeld zum ersten Mal: «Er hat mir direkt viel Eindruck gemacht», sagte sie – wie so häufig blies der Wind so heftig über das kahle Gestein, dass ihr in der Abfahrt mulmig wurde und sie sich kaum auf dem Rad halten konnte. Sie sagt, dass ihr der Berg liege, aber auch, dass dieser nicht lüge – die beste Fitness werde entscheidend sein.Drei Wochen hartes Höhentraining für den LeistungssprungAn dieser hat Reusser im Juli nochmals intensiv gearbeitet. Drei Wochen lang verbrachte sie im Höhentrainingslager in Andorra, weil sie gegenüber der Konkurrenz einen Rückstand hatte. Diese Trainingslager sind intensiv, der Körper ist permanent müde. Doch Reusser kann mit der Härte gut umgehen. «Weil ich weiss, dass es bei mir einschlägt», sagt sie, «dass ein riesiger Leistungssprung kommt, wenn ich ruhig und intensiv arbeite.» So war es auch im vergangenen Jahr: Nach der langen Krankheitsphase im Sommer bereitete sie sich in einem Trainingsblock auf dem Berninapass für die WM vor. Und dominierte dann das Zeitfahren.Nun soll es also der Sieg bei der neuntägigen Tour de France sein, die sich seit ihrer Premiere 2022 rasant zum wichtigsten Rennen der Saison entwickelt hat. Lange zweifelte Reusser daran, ob sie an Rundfahrten von dieser Länge um den Sieg mitfahren kann. Mit ihrer Grösse von 1 Meter 80 und ihrer Kraft ist sie geschaffen für Zeitfahren und Eintagesrennen. Dass sie auch bergauf stark ist, sah ihr Trainer Werner jedoch schon lange. In Form von Leistungswerten am Berg, «wie sie nur wenige fahren können».Das brachte sie auf die Podien des Giro d’Italia und der Vuelta, zu drei Gesamtsiegen an der Tour de Suisse und weiteren Rundfahrten. Doch bei der Tour de France lag das Podest bisher ausser Reichweite, auch weil sie in früheren Teams für andere Rollen vorgesehen war.2025 gab sie an der Tour de France auf. 2024 fehlte sie wegen Long Covid. 2023 gewann sie ein Zeitfahren, wurde im Gesamtklassement 28. 2022 gewann sie eine Etappe nach einer Solofahrt, gab das Rennen nach einem Sturz aber auf.Im September wird Reusser 35 Jahre alt, sie besitzt Erfahrung, eine hervorragende Basis, mentale Stärke. Vielleicht ist genau jetzt ihr Moment?Passend zum Artikel
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