KommentarPekings langer Arm: Der Westen sollte China beim Wort nehmen und die Einmischung in innere Angelegenheiten nicht mehr duldenIn Sonntagsreden propagiert die chinesische Regierung die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten. Doch bei der Verteidigung seiner wirtschaftlichen und nationalen Interessen im Ausland geht Peking immer rücksichtsloser vor.10.08.2026, 14.21 Uhr5 LeseminutenAls der nach London geflohene Regimekritiker Qi Hong sich Ende vergangenen Jahres Hilfe bei der britischen Polizei holen wollte, erlebte er eine böse Überraschung. Während des Telefongesprächs mit den Strafverfolgungsbehörden über seine eingefrorenen Konten in China verlangte der Chinese zunächst nach einem Übersetzer.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dieser meldete sich prompt – und setzte zu einer Tirade gegen Qi Hong an. «Warum hast du dein Land verlassen?», schimpfte der vermeintliche Dolmetscher am anderen Ende der Leitung in akzentfreiem Hochchinesisch und fügte hinzu: «China ist grossartig, geh gefälligst zurück in dein Land.» So erzählte es Qi Hong anschliessend.Die britische Polizei erklärte dem Chinesen nach dem fragwürdigen Telefonat, man habe den Übersetzungsdienst an eine externe Firma ausgelagert. Nichtregierungsorganisationen vermuten, dass die Abteilung für Arbeit der Einheitsfront Übersetzungsdienstleister wie jenen in London unterwandert hat. Die Einheitsfront ist eine Unterorganisation der Kommunistischen Partei Chinas. Qi Hong hat in Grossbritannien Asyl gefunden.Auch die Gründer des chinesischen KI-Startups Manus bekamen den langen Arm Pekings zu spüren. Dass sie vergangenes Jahr den Firmensitz nach Singapur verlegten, interessierte die Regierung in Peking zunächst nicht. Erst als die Eigner im Dezember ihre singapurische Tech-Firma an den amerikanischen Meta-Konzern veräusserten, schrillten in Peking die Alarmglocken.Chinas Behörden ordneten prompt eine Rückabwicklung des Verkaufs an und beorderten die beiden Manus-Gründer zurück in die Heimat. Seitdem dürfen die jungen Männer China nicht mehr verlassen. «Exit ban» heisst das im Jargon der chinesischen Einwanderungsbehörde.Mit solchen Eingriffen arbeitet China auf die globale technologische Vorherrschaft hin. Das Ziel: eines Tages die USA hinter sich lassen. Damit eigene Innovationen wie diejenigen von Manus in China bleiben und nicht in die Hände des Rivalen USA fallen, greift die Regierung darum schon einmal willkürlich in die Geschäfte von zwei ausländischen Unternehmen ein.Peking betrachtet technologische Innovationen längst durch die Brille der nationalen Sicherheit, ein nach chinesischem Verständnis sehr dehnbarer Begriff.Peking will den Kapitalabfluss stoppenSelbst chinesische Anleger, auf der Suche nach höheren Renditen jenseits der Grenzen, sind vor ihrer Regierung nicht mehr sicher. Weil immer mehr wohlhabende Chinesinnen und Chinesen der Wirtschaft ihres Landes nicht mehr trauen, verschieben sie ihre Vermögen ins Ausland, vornehmlich nach Hongkong. Mithilfe von Konten bei dortigen Banken investieren die Chinesen in Wertpapiere, Immobilien oder Versicherungswerte in Hongkong und anderen Teilen der Welt.Während der ersten Monate des laufenden Jahres erreichte der Kapitalabfluss aus China immer grössere Dimensionen. Im Juni griff Peking ein. Die Finanzaufsicht forderte internationale Vermögensverwalter wie HSBC und UBS unumwunden auf, sich Kunden aus China und deren Vermögen genau anzuschauen. Chinesisches Geld solle in China bleiben, sollte das wohl heissen.Internationale Banken sind der Willkür des autokratischen Systems ausgeliefert. Die globalen Vermögensverwalter sind gerngesehene Helfer bei Chinas wirtschaftlicher Entwicklung, morgen schon kann es aber Abmahnungen hageln. In Peking kann der Wind schnell drehen. Unberechenbarkeit gehört zum Geschäft.Regimekritiker zum Schweigen bringenEs sind drei Beispiele, die zeigen, dass der Zugriff der chinesischen Behörden nicht an den eigenen Landesgrenzen haltmacht. Sieht das chinesische Regime seine wirtschaftlichen und nationalen Interessen bedroht, greift es gnadenlos durch – auch im Ausland und auch schon einmal mit Methoden, die die Gesetze anderer Länder grob verletzen. Besonders kreativ werden die chinesischen Behörden immer dann, wenn es gilt, ins Ausland geflohene Regimekritiker zum Schweigen zu bringen oder zur Rückkehr nach China zu bewegen.Vor dreieinhalb Jahren legte die spanische Menschenrechtsorganisation Safeguard Defenders brisantes Beweismaterial vor. Gemäss diesem unterhält China in mehr als hundert Ländern Polizeireviere, unter anderem in Südafrika, Italien, Serbien und Kroatien. Die Aussenposten Pekings hätten die Aufgabe, Chinesinnen und Chinesen im Ausland zu überwachen, unter Druck zu setzen und in Einzelfällen zur Rückkehr nach China zu bewegen, erklärte die Organisation.Peking bestreitet die Vorwürfe. Die Stationen im Ausland kümmerten sich um die Sorgen und Probleme von Chinesinnen und Chinesen, erklärte ein Sprecher des chinesischen Aussenministeriums. So hülfen die Büros zum Beispiel bei der Verlängerung des Führerscheins. In den Aussenposten arbeiten gemäss Angaben des chinesischen Aussenministeriums ausschliesslich Freiwillige.Eine fragwürdige Festnahme in BangkokDoch Tatsache bleibt: Nicht ausdrücklich durch das Gastland genehmigte konsularische Aktivitäten sind äusserst unüblich und in den meisten Fällen illegal. Natürlich betreiben fast alle Länder nachrichtendienstliche Aktivitäten. Aber mit ihren teilweise offen operierenden Polizeistationen im Ausland geht Chinas Regierung noch ein Stück weiter.Vor allem in Ländern mit schwachen Institutionen hat China leichtes Spiel. In Afrika und Südostasien hat Peking während der vergangenen Jahre ausserdem Länder in seine Abhängigkeit gebracht. Manche trauen sich nicht mehr, gegen das grosse China aufzumucken.Schon vor zehn Jahren nahmen mutmasslich chinesische Behördenvertreter in Bangkok den Verleger Gui Minhai fest. Sein Vergehen: Der Chinese mit schwedischem Pass und seine drei Kollegen hatten Bücher über das Privatleben der chinesischen politischen Elite publiziert.Über Kambodscha, einen engen Verbündeten Pekings, brachten die chinesischen Behördenvertreter Gui schliesslich nach China. Dort gestand er, zehn Jahre zuvor bei einer Autofahrt unter Alkohol eine Frau tödlich verletzt zu haben. Vermutlich kam das Geständnis unter Zwang zustande. Gui hatte pikante Details öffentlich gemacht und die Herrscher damit blossgestellt. Der Verleger hatte eine rote Linie überschritten. Das rechtfertigte in Pekings Augen einen Zugriff im Ausland.Chinas GlaubwürdigkeitsproblemChina strebt nach Weltmachtstatus. Das ist angesichts der gewachsenen wirtschaftlichen, technologischen und politischen Macht des Riesenreichs nur folgerichtig. Doch dass das autoritäre Regime im Rahmen seiner Bemühungen, jede Aktivität zu stoppen, die Chinas Aufstieg bedrohen könnte, bisweilen zu fragwürdigen Methoden greift, ja Gesetze anderer Länder bricht, ist problematisch. Um den eigenen Aufstieg zu sichern, ist China beinahe jedes Mittel recht.Dabei laufen Aktivitäten wie die Festnahme des Verlegers Gui in Thailand der eigenen chinesischen Propaganda zuwider. Bei öffentlichen Auftritten propagiert der Staats- und Parteichef Xi Jinping gern das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder und macht sich wortreich für Fairness und Gleichberechtigung aller Staaten stark.Solche Äusserungen sind natürlich immer auch als Seitenhieb gegen den grossen Rivalen USA gedacht. Ausserdem will Xi damit Schwellen- und Entwicklungsländer einladen, sich enger an China zu binden. Dass die chinesische Regierung solche wohlklingenden Worte allerdings schnell vergisst, sobald sie sich und ihre Politik bedroht sieht, schadet ihrer Glaubwürdigkeit.Eingeschüchtert von ChinaZum Teil herrschen auch in westlichen Hauptstädten noch immer Blauäugigkeit und Naivität. Regierungen und Behörden, auch Hochschulen, Forschungsinstitute und Unternehmen in anderen Ländern sollten die Aktivitäten Chinas bei ihnen sehr viel genauer unter die Lupe nehmen.Noch immer betrachten viele Politiker, Wissenschafter und Firmenlenker in Europa, aber auch in den USA China durch die westliche Brille und lassen sich von weltgewandt auftretenden Pekinger Politikern einlullen. Auch trauen sich manche, beeindruckt von Chinas technologischem Fortschritt, einfach nicht, sich bei den Machthabern in Peking selbstbewusst über fragwürdige Praktiken zu beschweren.Bei erwiesenen Gesetzesverstössen müssen die Behörden konsequent durchgreifen – und demonstrieren, dass sie eine Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten nicht dulden.Dass im autoritär geführten China andere Massstäbe gelten und das Regime im Zweifel mit grosser Rücksichtslosigkeit vorgehen würde, sollte sich jemand dem Aufstieg des Landes in den Weg stellen, ist bei vielen noch nicht angekommen. Indem Xi sein Land an die Weltspitze führen will, will er am Ende die Vormachtstellung der Kommunistischen Partei sichern. Und dafür würde Chinas starker Mann sehr viel tun.Passend zum Artikel