Der andere BlickDer Staat darf nicht für das China-Geschäft der deutschen Unternehmen haftenDie Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von China wächst. Mit Appellen lässt sich das Problem nicht lösen, wohl aber mit ordnungspolitischer Vernunft.26.05.2026, 18.36 Uhr4 LeseminutenHamburger Hafen: Die meisten Importe Deutschlands stammen aus China.chris emil janßen / imagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Malte Fischer, Wirtschaftsredaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenn die deutsche Wirtschaftsministerin Katherina Reiche am Mittwoch zu ihrem ersten amtlichen Besuch in China eintrifft, sind die Erwartungen der deutschen Unternehmen an das Treffen der Ministerin mit ihren chinesischen Gesprächspartnern hochgesteckt. Denn mit keinem anderen Land der Welt pflegt Deutschland intensivere Handelsbeziehungen als mit China.Mit einem Gesamtvolumen aus Exporten und Importen von knapp 252 Milliarden Euro schob sich China im vergangenen Jahr vor die USA (Handelsvolumen: knapp 241 Milliarden Euro) auf Rang eins der grössten deutschen Handelspartner.Aus Sicht der Bundesregierung hat das jedoch den Schönheitsfehler, dass das Wachstum des Handelsvolumens allein dem Plus von rund 9 Prozent bei den Einfuhren zu verdanken ist. Diese beliefen sich 2025 auf rund 171 Milliarden Euro. Die Ausfuhren nach China hingegen schrumpften um knapp 10 Prozent auf 81 Milliarden Euro. Das Defizit im Aussenhandel mit China weitete sich auf fast 90 Milliarden Euro aus.Mehr Direktinvestitionen in ChinaAuch bei den Direktinvestitionen ist Deutschland eng mit China verbandelt. Im vergangenen Jahr steckten deutsche Unternehmen rund 7 Milliarden Euro in Produktionsstätten in China. Im Jahr zuvor waren es erst 4,5 Milliarden Euro gewesen.Die Bundesregierung ist deshalb besorgt, dass die deutsche Wirtschaft in eine wachsende Abhängigkeit gegenüber China gerät. Sie könnte im Fall eines politischen oder militärischen Konflikts des Westens mit dem Reich der Mitte die gesamte deutsche Volkswirtschaft aus der Spur werfen. In China zu investieren, sei eine «Entscheidung mit grossem Risiko», warnte deshalb Bundeskanzler Friedrich Merz die Unternehmen schon Anfang vergangenen Jahres. China sei kein Rechtsstaat nach «unseren Massstäben», so Merz.Die Sorgen sind durchaus berechtigt. So herrscht in China nicht das Recht, sondern die Kommunistische Partei. Eine unabhängige Justiz, vor der deutsche Unternehmen im Konfliktfall ihre Ansprüche mit Aussicht auf Erfolg durchsetzen können, gibt es nicht.Wachsende Abhängigkeit von Importen aus ChinaDarüber hinaus ist Deutschlands Abhängigkeit von Importen made in China in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Und das bei Produkten, die essenziell für die Wirtschaft sind. So hat sich der Anteil Chinas an den deutschen Importen von Lithiumionenbatterien, die für die Elektromobilität und die Energiespeicherung wichtig sind, von knapp 50 Prozent im Jahr 2023 auf derzeit knapp 67 Prozent erhöht, wie eine aktuelle Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung zeigt.Chinas Anteil an den deutschen Antibiotika-Importen ist in dieser Zeit von 65 auf knapp 73 Prozent gestiegen, bei Penicillin sogar von 57 auf 81 Prozent. Bei Magnesium, das für den Leichtbau in der Auto- und Luftfahrtindustrie benötigt wird, liegt der Anteil Chinas an den deutschen Einfuhren bei 86 Prozent.Die wachsende Abhängigkeit von China ist nicht zuletzt eine Folge der aggressiven Industriepolitik, mit der es den Machthabern in Peking gelang, in einigen Bereichen den technologischen Rückstand zum Westen zu beseitigen und den Westen abhängig von Waren aus China zu machen.Der Preis für den planwirtschaftlichen Dirigismus, den China dabei an den Tag legte, sind riesige Überkapazitäten. Sie belasten vor allem den Immobiliensektor, die Stahlindustrie und den Automobilbau. Mit staatlichen Subventionen und einer unterbewerteten Währung drückt China diese Überkapazitäten in die westlichen Märkte. Darunter leiden auch die deutschen Hersteller.Rationales Kalkül der UnternehmenWas also ist zu tun? Für Politiker ist es ein Leichtes, die Unternehmen aufzufordern, ihre Abhängigkeiten von China zu reduzieren. Doch Unternehmen müssen ihrer eigenen, betriebswirtschaftlichen Logik folgen. Kein Unternehmer, kein Manager kann es sich leisten, China links liegen zu lassen, weder als Beschaffungs- oder Absatzmarkt noch als Produktionsstandort. Zumal die Kosten dort, etwa bei Energie, weit unter denen in Deutschland liegen.Zudem hat sich die Fliessrichtung des Know-how-Transfers in Bereichen wie der künstlichen Intelligenz und dem autonomen Fahren geändert. Wer von dem Wissen, das China generiert, profitieren will, muss deshalb vor Ort sein. Ebenfalls rational ist es, wenn sich die Unternehmen durch den Auf- und Ausbau eigener Produktionsstätten im Reich der Mitte für einen potenziellen politischen oder gar militärischen Konfliktfall wappnen. Sie könnten dann hinter den Zollmauern weiter in China für China fertigen.Und doch gibt es jenseits wirkungsloser Appelle und freiheitsberaubender Gesetze Möglichkeiten für die Politik, die Unternehmen dazu zu bewegen, neben den betriebswirtschaftlichen Chancen auch die volkswirtschaftlichen Risiken aus ihrem China-Geschäft in den Blick zu nehmen. Dazu muss die Regierung die Rahmenbedingungen entsprechend gestalten.Haftung, Stresstest und FreihandelIm Mittelpunkt sollte dabei das Haftungsprinzip stehen. Schon der ordoliberale Ökonom Walter Eucken wusste: «Wer den Nutzen hat, muss auch den Schaden tragen.» Die Bundesregierung sollte daher überzeugend darlegen, dass sie nicht mit dem Geld der Steuerzahler parat steht, falls das China-Geschäft der Unternehmen etwa durch einen geopolitischen Grosskonflikt wegbricht und ihre Existenz gefährdet.Weil eine solche Strategie bei Grossunternehmen, die systemisch für eine ganze Branche oder Region sind (Stichwort: too big to fail), ins Leere zu laufen droht, sollte für sie ein verbindlicher Stresstest vorgeschrieben werden. Für den Bankensektor ist er seit der Finanzkrise verpflichtend.Die Unternehmen müssten transparent aufzeigen, welche Folgen ein Wegbrechen ihres China-Geschäfts für ihre Existenz hätte. Wirtschaftsprüfer müssten die Berechnungen testieren. Dadurch ginge von den Aktionären und den Finanzmärkten Druck auf die Unternehmensleitungen aus, hohe Risiken aus dem China-Geschäft abzubauen.Um den Unternehmen die Diversifikation ihrer Bezugs- und Absatzmärkte zu erleichtern, sollte die Bundesregierung Druck auf die EU ausüben, schnell mit möglichst vielen Ländern Freihandelsabkommen zu schliessen. Dabei darf es nicht wie beim Mercosur-Abkommen mit den lateinamerikanischen Ländern Jahrzehnte dauern, bis die Verträge in trockenen Tüchern sind.Mit einem Dreiklang aus Haftung, Stresstest und Freihandel liesse sich die Spannung zwischen betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Kalkülen im China-Geschäft aufheben. Ihren nächsten China-Besuch könnte Ministerin Reiche dann gelassen angehen.11 KommentareJochen20 Grünhagen Heute2 EmpfehlungenViele der beschriebenen Probleme sind hausgemacht, Deutschland war die Apotheke der Welt, aber nein, dass ist ja nicht Bio und nachhaltig, also auslagern und billig einkaufen.
Abhängigkeit von China: Der Staat darf nicht für die Risiken der Unternehmen haften
Die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von China wächst. Mit Appellen lässt sich das Problem nicht lösen, wohl aber mit ordnungspolitischer Vernunft.









