Shanghai. Manchmal erscheint mir die deutsche Debatte über China wie ein Tribunal. Wer auf die wirtschaftlichen Erfolge des Landes verweist, gilt schnell als „Chinaversteher“, der eine brutale Diktatur beschönigt. Wer vor politischen Risiken warnt, wird zum „Chinabasher“, der hinter jedem Baum einen Spion vermutet.Dazwischen bleibt erstaunlich wenig Raum – obwohl genau dort häufig die Wahrheit liegt. Eines vorweg: Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Differenzierung heißt nicht, unsere demokratischen Werte zu verwässern, sondern Instrumente so zu wählen, dass sie wirken: offen dort, wo es verantwortbar ist, hart dort, wo es nötig ist.Die eigentliche Herausforderung: Chancen und Risiken gleichzeitig abwägen. China nüchtern analysieren – und dabei aushalten, dass beides stimmen kann: beeindruckender Fortschritt und bedrückende Repression.Wer nur das Gute sehen will, sieht zu wenigVor einiger Zeit besuchte ich mit einer deutschen Delegation die Niederlassung eines deutschen Unternehmens in Peking. Die üblichen Folien über Marktanteile und Wachstumszahlen liefen ab. Interessanter war, was der Unternehmenschef danach sagte.Er zeichnete ein Chinabild, das an ein Schlaraffenland für Unternehmer erinnerte: schnelle Genehmigungen, moderne Infrastruktur, Pragmatismus, Skalierung. Die Lokalregierung habe sogar Druck gemacht, den neuen Standort endlich fertigzubauen. Deutschland dagegen: ein Land, das von früheren Erfolgen zehre und über Work-Life-Balance diskutiere, während andere längst die Ärmel hochkrempelten. Viele der mitgereisten Unternehmer nickten.