Die Geschichten über das Paulaner Brauhaus am Kapuzinerplatz starten meist mit der Feststellung, man kenne es zwar, sei aber selbst noch nie dagewesen. Das ist dann doch überraschend, denn das Haus, einigermaßen prächtig herausgeputzt und etwas zurückgesetzt von der verkehrsreichen Kreuzung, sieht durchaus einladend und mit seiner alten Fassade und den riesigen Fenstern recht münchnerisch aus. Vielleicht liegt’s am Gegenüber, dem in seiner Hässlichkeit nur von manchem Sparkassenbau zu übertreffenden Arbeitsamt. Vielleicht aber auch daran, dass die Umgebung alles andere als kulinarisch spannend ist.Früher jedenfalls residierte hier der Thomasbräu, welcher ein gut beleumundetes Bier braute. Er wurde von Paulaner geschluckt, was zumindest unter Bierkennern Stirnrunzeln hervorrief. Auch war die Küche selbst später an dieser Stelle Anlass zu solch verzweifelter Häme, dass nach dem Abdruck der Rezension der damalige Koch seinen Hut nehmen musste. Aber das ist lange her. Und weil im Frühjahr des vergangenen Jahres wieder ein neuer Wirt sich anschickte, mit „Kampfpreisen“ im Paulaner die Münchner Gastroszene aufzumischen, begaben sich Lende und die Seinen dorthin, um nachzuforschen, ob und wenn wie dies gelungen sei.Wenn Lende nun im Vorhinein feststellt, dass dies, wenn überhaupt, nur mäßig gelungen ist, mag man das verzeihen. Aber weder das Kampfpreisartige noch ein Geschmackserlebnis der besonderen Art waren bis auf minimale Abweichungen feststellbar. Man begab sich auf der Suche nach dem kulinarischen Abenteuer in die Schwemme, aus Lebenserfahrung mit der Erwartung gewappnet, dass es dort recht laut sein könnte.Diese Erfahrungen wurden aufs Kühnste übertroffen. Es herrschte, obwohl keineswegs voll besetzt, ein solches lärmiges Grundrauschen, dass eine Unterhaltung nur dadurch möglich wurde, den Pegel zu übertönen, was aber stark auf die Stimmbänder schlug.Eigentlich ganz gemütlich: Nur wenn alle Plätze belegt sind, wird es hier ziemlich eng – und laut. Stephan RumpfDer eigentlich schwemmartig gemütliche Raum ist derart mit Tisch und Stuhl zugestellt, dass die Schweißperlen der Nachbarn beim Entbeinen der Schweinshaxe deutlich sichtbar waren. Dass es sich dabei um eine höchstwahrscheinlich aus China stammende Familie handelte, ist sicher kein Zufall. Es sieht so aus, als empfehle ein Reiseführer von eben dort dieses Haus.Ein bisschen geht’s hier zu wie im österreichischen Bad Hallstatt. Dafür kann aber der Wirt nichts. Dafür aber, dass an die 90 Prozent der getesteten Speisen und Getränke sich unter der Rubrik „So nicht!“ subsumieren lassen, dafür möchte man den Wirt schon zur Verantwortung ziehen. Das Personal kann sicher nichts dafür und versucht sich männlicherseits im schwemmüblichen „Du“. Es gibt Leute, die finden das gemütlich.Weiblicherseits ist von freundlichem „Sie“ über saugrobgrantig bis gefühlt halbstündiger Absenz alles geboten. Meist aber herrscht eine herausfordernde Schnelligkeit. So zum Beispiel beim Dreierlei Aufstrich (12,50). Kaum bestellt, schon war er da. Und sorgte für ein erstes Hochziehen der Augenbrauen. Das Dreierlei schmeckte einerlei nach: nichts. Doch noch herrschte Fröhlichkeit, auch weil der Krautsalat tadellos war (3,50).Hübsch hellbraun die Panade, insgesamt allerdings praktisch geschmacksfrei: das Backhendl. Stephan Rumpf/Stephan RumpfErst einmal zum Rest des Abends. Das Backhendl, extra für den Gast aus Wien bestellt, geriet zum Schock (16,50). Es war schön anzusehen, die Panade hübsch gleich hellbraun. Doch es schmeckte weder nach Wien noch nach Hendl. Es war praktisch gewürzfrei. Ein Adjektiv, das nun leider für (fast) alle Speisen herangezogen werden könnte. Die „Hausgemachten“ Schlutzkrapfen, angeblich auch mit Champignons gefüllt, zeigten einen nahezu totalen Champignonausfall (19,50) und ersoffen in veganer brauner Butter.Und die „Kalbspflanzerl“ litten nicht nur orthografisch unter einem „l“ zu viel, sondern vor allem unter dem Nichtvorhandensein irgendeiner Geschmacksnuance (16,50). Wo ist der Senf im Brät, wo der Thymian, wo sind Knoblauch, Zwiebel und Tomatenmark geblieben? Es schien, als litte der Koch unter einer heftigen Gewürzallergie. Oder unter einer rätselhaften Phobie vor Pfeffer, Salz und Ähnlichem. Doch das alleine erklärte nicht manche Sonderheiten der Küche.Den Sommer kann man hier auch im Wirtsgarten verbringen. Stephan RumpfDa wäre zum Beispiel die Griesnockerlsuppe (7,50). Sie gelang nahezu perfekt. Kräftige Brühe mit frischen Kräutern und ein Nockerl zum Verlieben. Und auch die Short Rib vom Ox (29,50) ist tadellos (sieht man von dem Namen mal ab). Eine Art Tafelspitz, näher am Knochen, doch ohne selbigem. Zart, würzig, ohne Tadel. Den kriegt dafür der Schweinsbraten ab, eigentlich ein sauberes Stück von der Schulter mit knuspriger Haut am (!) Fleisch (16,50). Dieses aber zeigt eine deutliche Tendenz zur Zähigkeit, ein Zeichen zu kurzer und zu heißer Luft im Rohr? Dazu zwei Schusser alias Knödel, einmal von der Semmel, einmal von der Kartoffel, keinmal selbst gemacht. Krautsalat? Muss man extra bestellen.Beim letzten Besuch wählte Lende für sich und die Seinen den Wirtsgarten, der allerdings auch nichts ist für geräuschempfindliche Seelen. Und wieder ein mindestens zwiegespaltener Eindruck. Das Wiener Schnitzel, für Freunde Wiens eine Zumutung (28,50). Die Panade klebte am kaum flach geklopften und deshalb zähen Fleisch, keine Wellenbildung, nirgends. Wiederum kein Hauch von Gewürz, dafür Bratkartoffel, für die das Wörtchen „lätschert“ ein wahrer Euphemismus ist.Die Kalbspflanzerl hätten nicht nur mehr Salz vertragen können. Stephan RumpfDes Weiteren kam ein Zwiebelrostbraten auf den Tisch (34,50), der ein dünnes Entrecôte war und keine Lende, wie es sich gehört. Darauf ein Batzen Röstzwiebel aus – jede Wette – dem Glasl. Dazu eine Allerweltssoße ohne einen Hauch von zartem Essig. Als letzte Chance für die Küche dann eine Order, die nach all den Erfahrungen Mut brauchte: Bitte einen Kaiserschmarrn! Und siehe da: ein prächtiges Ende, fluffig, auf dem Punkt in der Reine serviert, leider ohne Rosinen, aber das wäre auch zu viel verlangt (27,00).Fast zum Schluss noch Lendes Gedanken zum rätselhaften Gefälle der Küchenqualität: Nur, was im weitesten Sinne mit Brühe gekocht oder angemacht wird (ausgenommen der Kaiserschmarrn), schmeckte annehmbar. Eine mögliche Lösung: Es gibt heutzutage wirklich wunderbare Suppen als Fertigprodukte. Ach ja, getrunken wurde auch. Am liebsten das Bier namens Hopfen Vroni (5,60, 0,5 l). Doch einmal bestellte einer einen Rosé. Das war nicht so gut: In ihm schwammen zehn (!) dicke Eiswürfel, was womöglich die Maßeinheit (0,2, 8,50) beeinträchtigte und nach zwei Minuten in der Abendhitze schmeckte wie Spülwasser. Der Wirt muss noch einiges lernen. Was den Rosé angeht und was er den Münchnern als Kampfpreis verkaufen kann.Paulaner Brauhaus am Kapuzinerplatz, Kapuzinerplatz 5, 80337 München, Telefon 089/5446117, Öffnungszeiten Montag bis Donnerstag 11–23 Uhr, Freitag 11–0 Uhr, Samstag 9-0 Uhr, Sonntag 9–23 Uhr, Reservierung über die Website www.paulaner-brauhaus.deDie Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit vielen Jahren auch online. Mehr als ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.
Lockt mit Kampfpreisen: Paulaner Brauhaus am Kapuzinerplatz in München – eine Kritik
Der neue Wirt im Paulaner Brauhaus am Kapuzinerplatz setzt auf „Kampfpreise“. Kulinarische Qualität steht nicht im Mittelpunkt.






