Für ein Streichquartett braucht es, naheliegenderweise, vieles Wesentliche vierfach. Vier Instrumente, dazu vier Menschen, die sie spielen. In dem französischen Film „Der Klang der Stradivari“ braucht es außerdem vier Autos. Denn die Versicherungen schließen aus, dass die Geige etwa mit der Bratsche oder gar das Violoncello mit den drei anderen Instrumenten gleichzeitig in einem Fahrzeug unterwegs ist. Zu groß wäre das Risiko, äußerst wertvolle Schätze aus dem Haus des italienischen Baumeisters Stradivari gleich mehrfach zu verlieren.Für das Violoncello hat die Industriellentochter Astrid Carlson (Valerie Donzelli) gerade erst 10,5 Millionen Euro bei einer Auktion ausgegeben; sie hat damit einen Vorstandsbeschluss ihrer Familienfirma ignoriert, der bei zehn Millionen eine Grenze gezogen hatte. Sie hat damit aber auch den großen Traum ihres verstorbenen Vaters erfüllt, der den Reichtum aus seiner Firma für die Ermöglichung großer Musik verwenden wollte. Wobei er diese Musik stark von den Instrumenten her dachte: Er wollte vier herausragende Einzelstücke aus der Werkstatt von Antonio Stradivari (1648 bis 1737) zusammen spielen hören. Dafür hat er eine Komposition in Auftrag gegeben, die nun von vier Ausnahmekönnern in einer Kirche mit besonders guter Akustik eingespielt werden soll.Im Französischen hat der Film von Grégory Magne einen einfachen Titel: „Les Musiciens“. Die Musiker. Der Hintersinn fällt einem nicht sofort auf; aber könnte es sein, dass damit die Instrumente noch vor den Menschen gemeint sind, die auf ihnen spielen? Man muss sich darüber nicht weiter den Kopf zerbrechen, denn auch wenn man den Titel doch eher so soziologisch oder systemlogisch liest, wie er klingt, wird man ihm gerecht. Magne, der gemeinsam mit dem Schauspieler Haroun auch selbst das Drehbuch geschrieben hat, nimmt mit „Les Musiciens“ den ganzen Betrieb in den Blick, der heute die klassische Musik ausmacht.Wird man bei einer großen Summe schwach?Das beginnt in dem hochgesicherten Instrumentenraum, setzt sich fort mit der Auswahl der vier Individuen für die erste und für zweite Geige, für die Bratsche und für das Violoncello. Das braucht natürlich eine schöpferische Figur für die Partitur des Komponisten Charlie Beaumont (der Schauspieler Frédéric Pierrot könnte ebenso gut ein zerknautschter Kommissar oder ein genialer Fußballtrainer sein), und es braucht Geld. Astrid Carlson und ihr deutlich betriebswirtschaftlicher denkender Bruder Arthur stehen für die französische Version eines Mittelstands, ein republikanisches Unternehmertum, das sich den Künsten verbunden fühlt, aber auch schwach werden könnte, wenn aus Taiwan eine große Summe für die vier Stradivaris geboten wird.Den Rest der Dramatik bringen die vier Musiker ein. Sie zählen alle zu den Stars auf ihrem Instrument, das heißt auch: Sie kennen einander schon lange, haben eine Vorgeschichte von gemeinsamer Arbeit, Zerwürfnissen, Affären. Der zweite Geiger Peter Nicolescu ist blind, er kann eigentlich nichts Neues mehr einstudieren. Die Violoncellistin Lise Carvalho möchte nicht mehr mit ihm auftreten, denn sie spürt noch den Liebeskummer, den sie ihm einmal bereitet hat. Der erste Geiger George Massaro sieht alles durch die Brille seines Agenten und seiner Eitelkeit. Damit ist er designiert für die Streiche von Apolline Desartre, der Bratschistin, die ihre Arbeit ständig für eine digitale Anhängerschaft aufbereitet. Das Quartett hat ausreichend Potential, sich in die Haare zu kriegen. Doch eine Gelegenheit, auf den einzigartigen Instrumenten zu spielen, bekommt man nur einmal.Im Prinzip müsste nun auch das Stück von Charlie Beaumont, auf dessen Einspielung in einer Kirche der siebentägige Countdown von Grégory Magne hinausläuft, auf dem einzigartigen Niveau aller Beteiligten sein. Es hört sich dann aber doch eher so an, wie klassische Musik in Filmen oft klingt, sofern sie nicht „echt“ ist: ein Stück Soundtrack eben, ein Ersatz. „Der Klang der Stradivari“ ist bei Magne von den großen Werken der Epoche entkoppelt, der dieser Klang entstammt, und von den großen Werken seither.Aber auch mit diesem Aspekt trifft der Film etwas: Denn das Quartett spielt in der Kirche vor Technik und einigen Beteiligten, aber ohne Publikum. Den fehlenden Applaus muss man sich in den Wohnzimmern dazudenken, in denen die Musik ankommt, auf technischen Kanälen. „Les Musiciens“ vollzieht damit, in Gestalt eines Films, auch noch die große Bewegung der Musik nach, die aus einer Zeit der Verkörperung (Lebewesen aus Fleisch und Blut mit Lebewesen aus Holz und Spannung) in eine Zeit der Musealisierung führt. Denn die wahre Bestimmung der kostbaren Instrumente, daran bleibt kein Zweifel, ist nunmehr eine Vitrine. Sofern nicht jemand auf dem Weg dorthin ein Auto in den Graben fährt.