Antonio Sempere / APZehntausende illegal Eingereiste leben im Land, Kantone und Gemeinden sind am Anschlag. Wie lange kann sich die Schweiz das noch leisten?10.08.2026, 06.00 Uhr7 LeseminutenCeuta, die spanische Exklave in Nordafrika, scheint für die Schweiz weit weg zu sein. Während europäische Staatsoberhäupter (und auch die EU) nach dem Migrantenansturm auf härtere Massnahmen gegen illegale Einreisen und besseren Grenzschutz pochen, etwa auf Rückführungs- oder Abschiebezentren in Drittstaaten, hält sich die Aufregung hierzulande in engen Grenzen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der zuständige Asylminister Beat Jans sagte kürzlich in Interviews, dass die Ereignisse tragisch seien, weil viele Menschen ertrunken seien. Auf administrativer Ebene habe das Schengen-System jedoch funktioniert, da «niemand von Ceuta aus nach Europa weiterreisen konnte». Für die Schweiz gebe es keine Hinweise, dass die Asylzahlen anstiegen.Bei allen Problemen, die auch Jans nicht abstreitet, erteilte er Forderungen, etwa jener von der SVP nach zusätzlichen Kontrollen an den Grenzen, eine Absage: «Für uns ist entscheidend, dass Massnahmen auf einer seriösen Analyse beruhen, faktenbasiert sind und tatsächlich etwas bewirken.» Jans betonte auch die gute Zusammenarbeit mit Marokko und sagte, dass eine Partnerschaft wirkungsvoller sei als mehr «Druck und Zwang».Vage blieb Jans bei der Frage, welche Verbesserungen die Schweiz im Asylwesen konkret anstrebt. Für Verfahren in Drittstaaten zeige sich der Bundesrat «offen», er hob aber auch hervor, dass damit die Gefahr einer Abhängigkeit geschaffen werde. Zudem erwähnte er das sich bereits lange in Planung befindende Ziel, für Menschen ohne Asylgrund ein sogenanntes vorgelagertes Verfahren einzuführen. Diese Personen landeten dann nicht in einem Asylzentrum, sondern erhielten bereits vorher die Wegweisung. Jans möchte das Vorgehen noch «in diesem Jahr gemeinsam mit den Kantonen» präsentieren.Jans bleibt damit seiner Linie treu. Mantraartig betont er, dass die Schweiz die Lage, möge es auch einzelne Probleme geben, im Griff habe. Die Asylzahlen gingen ja zurück, die Pendenzen würden abgebaut.Diese Sichtweise haben der SP-Bundesrat und sein Departement aber eher exklusiv. Der Druck im Asylwesen bleibt hoch, auch wenn die Anträge leicht zurückgehen. Obschon immer versprochen wird, die Ausschaffungszahlen zu erhöhen, tritt die Schweiz auf der Stelle. Zahlen des Staatssekretariats für Migration (SEM) zeigen: Im ersten Semester dieses Jahres kam es zu 3024 freiwilligen Ausreisen, 1172 Personen wurden mit Zwang in ihre Heimat zurückgeführt und weitere 906 aufgrund des Dublin-Systems anderen Ländern überstellt. In absoluten Zahlen sind das in allen Bereichen weniger als im Halbjahr 2025. Das SEM sagt, dass der «Wegweisungsvollzug» grundsätzlich «gut» funktioniere.Im Fokussieren auf einzelne Bereiche, in dieser Klein-Klein-Politik geht oft das grosse Bild vergessen: In der Schweiz leben mittlerweile mehr als 235 000 Flüchtlinge. Das sind dreimal so viele wie noch vor fünfzehn Jahren. Nebst den geflüchteten Ukrainern liegt es vor allem daran, dass konstant zwischen 20 000 und 30 000 Asylgesuche pro Jahr gestellt werden. Es sind vor allem Letztere, die das Land vor grosse Probleme stellen.Asylsuchende begehen 6 Prozent aller Delikte – dabei machen sie kein Prozent der Bevölkerung aus. Und 20 Prozent der Beschuldigten sind «übrige Ausländer»: Asylsuchende mit Ausreisepflicht, illegal Anwesende ohne Asylverfahren, Kriminaltouristen.Eine Ecoplan-Studie, die für die «Asylstrategie 2027» vom Bund in Auftrag gegeben wurde, hält unmissverständlich fest: Bei der «Problemgruppe» handelt es sich um Asylsuchende aus dem Maghreb. 60 Prozent werden einer Straftat beschuldigt.Dazu kommt: Der Anteil der abgetauchten Personen ist in den letzten Jahren gestiegen; laut einem SEM-Bericht auch deshalb, weil die Antragsteller dank mehr Beratung ihre Chancen besser abschätzen können und bei Aussichtslosigkeit verschwinden. Wie viele der abgewiesenen Asylbewerber in der Schweiz bleiben, ist nicht bekannt.Rund 6500 beziehen gemäss den Zahlen von 2024 Nothilfe. Die Mehrheit verabschiedet sich aus den offiziellen Strukturen und lebt im In- oder Ausland in der Anonymität. Gemäss einer Studie im Auftrag des SEM aus dem Jahr 2015 lebten damals zwischen 58 000 und 105 000 Menschen als Sans-Papiers in der Schweiz. Die Zahl der illegal Anwesenden dürfte seither weiter angestiegen sein, was politisch scharfe Kritik auslöst. Das SEM allerdings geht heute davon aus, dass viele Untergetauchte die Schweiz verlassen würden. Man wisse es aber nicht.Am Status quo wird sich so schnell nichts ändern. Der Bundesrat sprach sich in der Vergangenheit gegen Massnahmen wie eine kollektive Regularisierung des Aufenthalts von Sans-Papiers aus, genauso wie gegen härtere Strafen bei illegalem Aufenthalt, Schwarzarbeit oder für Schlepper. Mit einer «konsequenten Anwendung der ausländerrechtlichen Bestimmungen durch die zuständigen Migrationsbehörden insbesondere auch beim Wegweisungsvollzug» liesse sich die Zahl der Sans-Papiers verringern. Dass dies angesichts der starken Migrationsbewegungen der letzten Jahre gelungen ist, darf bezweifelt werden.Viele Kantone und Gemeinden sind deswegen überlastet – und nicht mehr willens (und fähig), die Kosten zu tragen. Besonders laute Kritik kommt aus der Zürcher Sicherheitsdirektion. Der Kanton Zürich ist einer der bedeutendsten Akteure im Schweizer Asylwesen. Fast jeder fünfte Asyl- und Schutzsuchende findet hier seine (temporäre) neue Heimat. Ausserdem laufen vier von fünf Rückführungen über den Flughafen Zürich.An einer Medieninformation kurz vor Weihnachten 2025 sagte der Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr: «Alles erwacht, einsam schläft – der Bund.» Rund 10 000 Asylfälle und fast 4000 Status-S-Gesuche seien auf Bundesebene offen, dazu knapp 6500 Fälle vor Gericht. Die Verfahrensdauer habe sich verlängert statt verkürzt. Normalerweise seien es nur etwa 5000 offene Asylgesuche. Fehr bemängelte, dass der Bund seine Asylfälle viel zu früh an die Kantone weitergebe. Eigentlich müssten sich die Personen bis zu 140 Tage in einem Bundesasylzentrum aufhalten, doch zum Teil würden sie schon nach zwei Wochen übergeben.Von einem ganzjährigen Winterschlaf will das SEM nichts wissen: Dauerte ein erweitertes Asylverfahren im vergangenen Jahr noch durchschnittlich 571 Tage, sind es jetzt noch 457 Tage. Über alle Asylgesuche hinweg geht es ebenfalls schneller: durchschnittlich 164 Tage (2025: 218). Zudem sei im ersten Halbjahr 2026 fast die Hälfte aller Gesuche innerhalb von zwei Monaten erledigt worden. Nur bei jedem fünften dauerte das Verfahren mehr als sechs Monate. Es seien also wenige lange Fälle, die den Durchschnitt nach oben trieben. Ob das bestimmte Herkunftsländer treffe, kann das SEM nicht sagen. Man erfasse die Asylverfahren nicht nach Land.Ob das den Menschen im Land schnell und präzis genug ist?Denn besonders spürbar ist der Asyldruck in den Gemeinden. In vielen ist der Wohnraum sowieso schon knapp. Am Beispiel Zürich: Es gibt kaum freie Wohnungen, um kurzfristig 20, 30 oder 100 Schutzsuchende in einer Gemeinde unterzubringen. In vielen Fällen bleibt den Behörden nur, temporäre Asylunterkünfte aufzustellen. Diese Bauprojekte werden aber nicht selten mit Einsprachen eingedeckt, vor Gericht bekämpft, oder sie scheitern an der Urne.Auch beim Vollzug von Rückführungen kritisiert Fehr den Bund. Es sei schwierig, Türken mit abgelehntem Asylgesuch wieder in ihre Heimat zu bringen. Auch bei der Ausschaffung von kriminellen Afghanen tue der Bund zu wenig.Das SEM sagt grundsätzlich zur Dauer eines Vollzugs, dass diese nun einmal von «zahlreichen Faktoren» abhänge: Identifikation der betroffenen Person, Beschaffung von Ersatzreisedokumenten, Kooperationsbereitschaft, zu verbüssende Haftstrafen, medizinische Abklärungen, hängige Rekursverfahren – «et cetera». Darum seien die Ausschaffungsquoten in manchen Kantonen auch nicht zufriedenstellend. Das habe aber nichts mit den «Vollzugsbemühungen» zu tun.Mario Fehr glaubt das nicht – und er verlangt gerade von den Westschweizer Kantonen, dass Rückführungen konsequenter vollzogen werden. Die Ausschaffung von kriminellen Ausländern zeigt tatsächlich ein Laissez-faire in der Romandie. Und auch wenn sich die Kantone dagegen wehren, verdeutlicht eine Liste des SEM, dass es bei der Umsetzung in der Tat hapert. Das SEM hat im vergangenen Jahr in 45 Fällen die Bundessubventionen gestrichen. 42-mal traf es den Kanton Waadt, 2-mal Genf, 1-mal das Wallis.Dass das System an seine Grenze kommt, kann kaum ignoriert werden (auch wenn das mancherorts aus ideologischen Überzeugungen immer noch der Fall ist).Womöglich hilft ein Blick in den Aargau, um die Realität zu sehen. Der Kanton hält noch immer an der im Januar 2023 ausgerufenen «Asylnotlage» fest. Warum, erklärt der Regierungsrat Jean-Pierre Gallati (SVP) mit drastischen Worten. Man sei weiter entfernt von einer Normalisierung als zu Beginn des Jahres 2023. Die Situation sei schlechter geworden: «Im Januar 2023 gab es im Kanton Aargau eine kantonale Notunterkunft, und heute betreibt der Kantonale Sozialdienst acht kantonale Notunterkünfte – alle unterirdisch. Die Zahl der Personen aus dem Asylbereich im Kanton Aargau ist so hoch wie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr.»Jeden, der behaupte, die Lage sei «in Ordnung», lade er gerne zu «einem Augenschein in unterirdischen Unterkünften mit über 100 Bewohnern oder mit achtköpfigen Familien» ein. Gallati stört auch, dass andere Kantone und Politiker die Lage «beschönigen», wie er kürzlich im Schweizer Fernsehen sagte.Wie sehr sich Jans und die Betroffenen in den Kantonen in ihrer Beurteilung unterscheiden, belegen auch die Forderungen, die Gallati an die Bundesebene richtet: Der Bund muss seine Verfahren schneller führen. Das Bundesverwaltungsgericht muss diese schneller abschliessen. Ausreisepflichtige müssen die Schweiz verlassen – «und zwar schnell».Laut der Zürcher Sicherheitsdirektion ziehen sich die Asylverfahren in die Länge. Im Bild: ein Mann im Bundesasylzentrum Zürich.Michael Buholzer / KeystoneUnd, am wichtigsten, sagt Gallati: «Der Bund soll den Artikel 55 des Asylgesetzes zur Anwendung bringen. Damit dürfte der Bundesrat in Ausnahmesituationen Massnahmen treffen, um die Zuwanderung zu begrenzen. Die seit fast vier Jahren anhaltende Situation darf nicht zum Courant normal werden.» Die Schweiz könne es sich nicht leisten, dass wohl über 100 000 Menschen illegal im Land lebten.Besonders betroffen sind die Gemeinden von der grosszügigen Politik des Bundes. Im vergangenen Jahr warnte Claudia Kratochvil, Direktorin des Schweizerischen Gemeindeverbands, in der «NZZ am Sonntag» vor einem «Asylkollaps». Es fehle an allem: an Unterbringungsmöglichkeiten, an Fachpersonal für die Betreuung – und zunehmend auch an Akzeptanz in der Bevölkerung.Auch heute bleibe die Lage schwierig, sagt Kratochvil, viele abschlägige Asylgesuche würden juristisch angefochten. Kurz: Diese Menschen «verbleiben de facto» in den Gemeinden. Kratochvil hofft auf Verbesserungen mit Jans’ «Asylstrategie 2027», in der eine finanzielle Entlastung vorgesehen ist. Doch die Vernehmlassung startet erst in diesem Herbst. Kratochvil fordert vom Bund, dass er nun den «Bogen nicht überspanne», damit die Stimmung in den Gemeinden nicht kippe.Einfach wird das nicht. In der «Asylstrategie 2027» steht etwa: Die «Regelstrukturen» von Kantonen und Gemeinden würden bei «aussergewöhnlichen Belastungen» nicht nur «gefordert», sondern «teilweise überfordert». Eine solche Belastung stellt beispielsweise die Sozialhilfe dar. Und da explodieren für die Gemeinden die Kosten. Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt bleibt stotternd: 80 Prozent bleiben jedoch auf Sozialhilfe angewiesen. Lange können sich das die Gemeinden nicht mehr leisten.Das alles sind Zahlen, die ein System zeigen, das an den Anschlag kommt – auch in der Schweiz. Und das politisch immer weniger Akzeptanz geniesst. Neben dem Protest aus den Kantonen und den Gemeinden fordern bürgerliche Politiker auch auf nationaler Ebene zunehmend repressivere Massnahmen. Doch passiert ist bisher wenig.Passend zum Artikel
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