Zivilisationen geben selten zu, dass sie Angst haben. Sie finden respektablere Worte. Angst wird zu Klugheit. Rückzug wird zu Toleranz. Kapitulation wird zu Mitgefühl. Moralische Unsicherheit wird zu Demut. Die Sprache klingt edel, ja tugendhaft, doch Worte können die Wirklichkeit ebenso wirksam verschleiern, wie sie sie offenlegen. Der moderne Westen ist bemerkenswert geschickt darin geworden, Schwäche so umzubenennen, dass sie überhaupt nicht mehr als Schwäche erscheint.
Diese Gewohnheit sprachlicher Selbsttäuschung ist zu einem der bestimmenden Merkmale unserer Zeit geworden. Wir beglückwünschen uns zu unserer Toleranz, während wir zugleich häufig eine Unwilligkeit an den Tag legen, unsere eigenen Werte zu verteidigen. Wir loben Klugheit, wenn wir schlicht die Konfrontation vermeiden. Wir feiern Mitgefühl, während wir die Folgen von Entscheidungen ignorieren, die das kulturelle Selbstvertrauen stetig untergraben, auf das das Mitgefühl selbst angewiesen ist. Das Vokabular ist beruhigend. Die Ergebnisse sind es nicht.
Die Furcht vor dem falschen Etikett
Die Folgen reichen weit über die Politik hinaus. Sie haben die Kultur des Westens in den vergangenen zwei Jahrzehnten geprägt. Die öffentliche Debatte ist immer vorsichtiger geworden, nicht weil die Menschen weniger zu sagen hätten, sondern weil die sozialen Kosten dafür, das Falsche zu sagen, außerordentlich hoch geworden sind. Die Furcht ist selten körperlicher oder rechtlicher Natur. Sie betrifft den Ruf. Einzelne fürchten, als rassistisch, islamfeindlich, sexistisch, kolonialistisch, transphob, extremistisch oder reaktionär bezeichnet zu werden. Institutionen fürchten dieselben Vorwürfe in größerem Maßstab. Sind solche Etiketten einmal angebracht, werden sie oft nicht als Anfang einer Diskussion behandelt, sondern als deren Ende.






