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Die Geschichte kennt die erstaunliche Fähigkeit von Zivilisationen, sich allmählich an Dinge zu gewöhnen, die noch gestern undenkbar erschienen. Zunächst entsteht eine Ausnahme. Dann wird sie zur Praxis. Danach zur Norm. Und eines Tages erinnert sich niemand mehr daran, wann genau sich ein Prinzip in ein Vorurteil verwandelte.

Heute erlebt Europa genau eine solche moralische Bewährungsprobe. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine stand die Europäische Union vor einer Entscheidung, die sich kein Politiker wünschen würde. Wie bestraft man einen Staat, der einen Angriffskrieg entfesselt hat? Wie entzieht man der Kriegsmaschinerie ihre Ressourcen? Wie gestaltet man Sanktionen so schmerzhaft wie möglich für das Regime, aber zugleich so wenig zerstörerisch wie möglich für jene, die keinerlei Anteil an der Entscheidung über diese Verbrechen hatten?

Die Antwort erwies sich als außerordentlich schwierig. Sanktionen sind notwendig. Sie gehören zu den wenigen Druckmitteln, die ohne den Einsatz von Waffen auskommen. Ihre politische und moralische Logik ist offensichtlich. Doch es gibt eine Frage, die immer unbequemer wird. Was geschieht, wenn nicht mehr der Staat zum Objekt des Misstrauens wird, sondern der Mensch? Nicht der Minister. Nicht der Oligarch. Nicht der Propagandist. Nicht der General. Sondern der Programmierer. Der Lehrer. Der Arzt. Der Wissenschaftler. Der Musiker.