Ermittlungen nach Drohnenfund – wieso die deutsche Regierung das Wort «Russland» meidetDer deutsche Innenminister Alexander Dobrindt sagt, Deutschland sei tägliches Ziel hybrider Kriegsführung. Doch mit Schuldzuweisungen hält er sich zurück. Dafür gibt es gute Gründe.09.08.2026, 13.51 Uhr4 LeseminutenAm Flughafen Leipzig/Halle wird nach dem Fund einer mit Sprengstoff bestückten Drohne ermittelt.Axel Schmidt / ReutersNach dem Fund einer mit Sprengstoff beladenen Drohne am Flughafen Leipzig/Halle hält sich die deutsche Regierung weiterhin bedeckt, was die Herkunft des Fluggeräts angeht. «Das spürbare strategische Ziel fremder Mächte ist es, uns politisch und gesellschaftlich zu bezwingen», sagte Innenminister Alexander Dobrindt der «Bild am Sonntag». «Wir befinden uns nicht im Krieg, aber wir sind tägliches Ziel hybrider Kriegsführung.» Damit vermied er abermals, einen möglichen Täter zu benennen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die amerikanischen Geheimdienste sind sich hingegen offenbar sicher, dass Russland hinter dem Vorfall steckt. Laut dem «Wall Street Journal» geht man in Washington davon aus, dass die Drohne wahrscheinlich von der russischen Regierung stamme. Die Zeitung beruft sich auf Regierungsbeamte mit Zugang zu Geheimdienstberichten. Auch der Sender CNN ordnete die Drohne einem russischen Geheimdienst zu. Ein amerikanischer Verteidigungsbeamter in Europa, auf den sich der Sender berief, sagte, der angebrachte Sprengstoff sei von militärischer Qualität.Gab es eine zweite Drohne?In Deutschland wurden bereits kurz nach dem Vorfall Stimmen laut, die Regierung müsse Russland als Täter benennen. Der oppositionelle Grünen-Politiker Konstantin von Notz nannte es einen Fehler, dass Dobrindt Russland als wahrscheinlichen Drahtzieher nicht klar benenne. «So ermutigt man die Russen nur», sagte er der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».Doch eine solch klare Zuweisung ist extrem schwierig. Der Generalbundesanwalt, Deutschlands ranghöchster Staatsanwalt, ermittelt noch immer zu den genauen Umständen des Vorfalls.Unklar ist etwa noch, ob in Leipzig eine zweite Drohne im Spiel war. Wegen der kurzzeitigen Sperrung des Flughafens nach der Entdeckung der Sprengstoffdrohne musste ein anfliegendes DHL-Frachtflugzeug durchstarten. Dabei kollidierte es mit einem bislang unbekannten Objekt. Die Maschine wurde nach Hannover umgeleitet, wo nach der Landung Schäden an der Flugzeugfront festgestellt wurden. Ob dafür eine weitere Drohne verantwortlich war, wird noch untersucht.Weiterer Vorfall über wichtigem Lager der BundeswehrAuch das Ausmass der Drohnenüberflüge der vergangenen Woche ist weiter unklar. Am Wochenende bestätigte die Bundeswehr weitere Drohnensichtungen am Bundeswehrstandort Mechernich in Nordrhein-Westfalen. Laut Medienberichten sollen Mitarbeiter in der Nacht zu Freitag insgesamt sechs Überflüge beobachtet haben, die Bundeswehr sprach von zwei Drohnen.Der Standort ist wie der Flughafen Leipzig von Bedeutung für den Krieg in der Ukraine. In Mechernich befindet sich ein unterirdisches Materiallager der Bundeswehr. Ausserdem wird dort das Flugabwehrsystem Patriot gewartet, das in der Ukraine genutzt wird. Der Flughafen in Leipzig gilt als Umschlagplatz für militärische Hilfslieferungen. Wer für die Überflüge in Mechernich verantwortlich ist, und ob sie mit dem Vorfall in Leipzig zusammenhängen, ist ebenfalls bislang unklar.Gemessen an der bisherigen Aufklärungsarbeit europäischer Staaten ist es allerdings wahrscheinlich, dass es bei diesen ungenauen Angaben bleibt. Das International Institute for Strategic Studies (IISS) analysierte kürzlich 144 Drohnensichtungen in Europa zwischen August 2024 und Februar 2026. Das Ergebnis: In keinem der untersuchten Fälle hat eine Regierung den Vorfall öffentlich Russland zugeschrieben.Russland nutzt die Vorfälle für DesinformationAls Ursachen nennen die Autoren eine veraltete Aufklärungstechnik, die auf konventionelle Bedrohungen, also etwa Kampfflugzeuge, ausgerichtet sei, und eine uneinheitliche Drohnenüberwachung in Europa. Zudem würden die Erkenntnisse der einzelnen Staaten zu selten zusammengeführt und zu einem Gesamtbild eingeordnet. «Die aktuelle europäische Anti-Drohnen-Architektur entspricht noch nicht der Bedrohungslage», lautet das Fazit des IISS. In Deutschland sieht es nicht viel besser aus. Der Sicherheitsexperte Nico Lange nannte die Drohnenüberwachung des Landes im Deutschlandfunk «vorsintflutlich».Diese Schwächen nutzt Russland aus Sicht der IISS-Autoren, um Unsicherheit zu schüren. «Die Absicht dahinter ist es, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Fähigkeit ihrer Regierung, sie zu schützen, zu untergraben, Schwachstellen bei der Luftraumsicherheit aufzuzeigen und gleichzeitig den politischen Konsens hinsichtlich der weiteren Unterstützung für die Ukraine zu verwässern», heisst es in der Analyse.Dieses Muster zeigte sich auch nach dem Vorfall in Leipzig. Russland wies bereits am Freitag jedwede Schuld von sich, obwohl seitens der deutschen Regierung niemand das Wort «Russland» in den Mund genommen hatte. Die Botschaft in Berlin warnte auf Telegram vor einer neuen Welle «antirussischer Hysterie» in Deutschland.Dobrindt will mehr in Forschung investierenSie suggerierte stattdessen, dass die Ukraine hinter dem Vorfall stecken könnte. Es liege auf der Hand, dass die «hastig zusammengezimmerte Provokation» ausschliesslich den Interessen Kiews und des «militaristischen Flügels der europäischen Klasse» diene.Ob es Deutschland angesichts der Schwachstellen in der europäischen Drohnenüberwachung gelingen wird, die Verantwortlichen für den Vorfall in Leipzig ausfindig zu machen, ist also offen. Immerhin hat das Land einen Vorteil: Anders als bei vorherigen Vorfällen dieser Art ist es diesmal im Besitz einer Drohne.Unterdessen ergriffen die deutschen Behörden am Wochenende weitere Massnahmen, um das Land besser gegen Drohnenangriffe zu wappnen. Am Flughafen in Leipzig brachte die Bundespolizei laut dem WDR neue Überwachungstechnik an. Damit könne der Anflug von Drohnen frühzeitig und aus grosser Entfernung erkannt werden, teilte ein Sprecher der Bundespolizei dem Sender mit, ohne in die Details zu gehen.Innenminister Dobrindt will zudem die deutsche Forschung ausbauen. «Das Wettrüsten der Drohnentechnologie erfordert eigene Forschungseinheiten, um Schritt halten zu können», sagte er am Sonntag. Am 18. August solle am Testflughafen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Sachsen-Anhalt eine Forschungseinrichtung für Drohnensicherheit ihre Arbeit aufnehmen.Passend zum Artikel
Ermittlungen nach Drohnenfund – wieso die deutsche Regierung das Wort «Russland» meidet
Der deutsche Innenminister Alexander Dobrindt sagt, Deutschland sei tägliches Ziel hybrider Kriegsführung. Doch mit Schuldzuweisungen hält er sich zurück. Dafür gibt es gute Gründe.











