Die Dürre ist für viele Bauern ein wirtschaftlicher Stresstest. Das gilt auch für die Landwirte in Österreich, wo die Kontinental- und Alpenlage die Hitze verstärkt. Seit Monaten fehlt Regen, Wiesen sind verdorrt, auf Tiroler Almen wird Wasser knapp, und in mehreren Bundesländern müssen Landwirte bereits Futterreserven angreifen, die eigentlich für den Winter bestimmt waren. Besonders die Viehwirtschaft gerät dadurch unter Druck. Tirols Landwirtschaftskammerpräsident Josef Hechenberger warnt, die Futterbestände der Viehbauern seien bedroht.Was auf den Höfen beginnt, wirkt sich inzwischen auf Schlachtbetriebe, Märkte und Preise aus. Weil Futter knapp wird, verkaufen viele Bauern Teile ihrer Herden früher als geplant. In der Steiermark, Kärnten und Oberösterreich werden zum Teil schon Winterreserven verfüttert. Die Arge Rind, Dachorganisation mehrerer Rindererzeugergemeinschaften, berichtet, in den vergangenen Wochen seien rund dreimal so viele Schlachtkühe vermarktet worden wie üblich. Beim Linzer Schlachtbetrieb Handlbauer heißt es, man erhalte derzeit täglich etwa doppelt so viele Tiere wie unter normalen Marktbedingungen.Die Folge der Dürre sind Engpässe auf der anderen Stufe der Wertschöpfungskette: Schlacht- und Zerlegebetriebe stoßen an Kapazitätsgrenzen. Frischfleisch lässt sich im Sommer nur begrenzt absetzen, weshalb mehr Ware eingefroren werden muss. Doch auch die Tiefkühllager sind nach Angaben aus der Branche bereits stark ausgelastet.Zugleich geraten die Preise unter Druck: Am Schlachtkuhmarkt kam es nach Schätzung der Arge Rind zu einem Rückgang von bis zu 25 Prozent. Die Organisation fordert Schlachthöfe und Viehhändler auf, Lebendimporte von Schlachtrindern vorübergehend auszusetzen, um den Markt zu entlasten.Historische BelastungsprobeDer Krisenkoordinator der Bundesregierung, Peter Vorhofer, spricht von einer historischen Belastungsprobe. Eine unterdurchschnittliche Ernte gilt als sicher, die Gesamtproduktion dürfte deutlich unter dem Vorjahreswert liegen. Nach Angaben des nationalen Klimadienstes Geosphere Austria fiel von Januar bis Juli im Landesdurchschnitt ein Drittel weniger Niederschlag als im Mittel der Jahre 1991 bis 2020. Die Dürre trifft damit nicht nur Grünland und Futterflächen, sondern auch den Ackerbau.Besonders sichtbar sind die Einbußen beim Getreide. Nach Angaben der Marktordnungsstelle Agrarmarkt Austria (AMA) liegt die Getreideproduktion ohne Mais mit rund 2,5 Millionen Tonnen um 19 Prozent unter dem Vorjahreswert und um 14,4 Prozent unter dem Fünf-Jahres-Durchschnitt. In einzelnen Regionen betrugen die Ertragseinbußen bei Weizen bis zu 50 Prozent, sagte der Vorstandsvorsitzende der AMA, Günter Griesmayr. Verantwortlich sind vor allem gesunkene Hektarerträge.Für Verbraucher ergibt sich daraus zunächst keine Versorgungskrise. Griesmayr betont, es stünden ausreichende Mengen für Brot, Mehl und Backwaren zur Verfügung. Zudem sei die Qualität des geernteten Brotgetreides hoch. Für viele Bauern ist die Lage dennoch betriebswirtschaftlich schwierig.Österreichs Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (hier in Brüssel) ist gefordert.EPADer Weizenpreis an der Pariser Warenterminbörse stieg im Juli zwar zeitweise um rund 20 Prozent auf 245 Euro je Tonne, fiel anschließend aber wieder auf etwa 220 Euro. Der designierte Vorsitzende der Landwirtschaftskammer Niederösterreich, Lorenz Mayr, beziffert die Produktionskosten auf rund 300 Euro je Tonne. Damit bleibe der Anbau für viele Betriebe ein Verlustgeschäft.Noch unsicherer ist der Blick auf Mais, Kartoffeln, Soja und Zuckerrüben. Mais wird erst im weiteren Verlauf des Sommers und im Herbst geerntet. AMA erwartet für die Getreideproduktion, einschließlich Körnermais, 18,4 Prozent weniger als im Vorjahr und 12,2 Prozent weniger als im Fünf-Jahres-Durchschnitt.Die Maisbestände seien wegen der extremen Trockenheit stark gefährdet, sagte Griesmayr. Auch Kürbis, Kartoffeln und Soja litten deutlich. Bei Zuckerrüben hofft der Hersteller Agrana noch auf Regen im August, rechnet aber bereits mit geringeren Mengen.Auswirkungen auf die WirtschaftsleistungDer politische Druck steigt. Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig hat ein Dürremaßnahmenpaket angekündigt. Im Ministerium ist von kurzfristigen Entlastungen ebenso die Rede wie von langfristigen Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel. Der Agrarspezialversicherer Hagelversicherung kann die Dürreschäden noch nicht beziffern, will aber erste Zahlen vorlegen. In Österreich sind nach seinen Angaben rund 80 Prozent der Ackerbauern und 40 Prozent der Grünlandbetriebe gegen Dürre versichert.Die Krise zeigt zugleich, dass Hitze nicht nur ein landwirtschaftliches Problem ist. Sie verursacht Kosten entlang ganzer Wertschöpfungsketten. Ökonom Klaus Weyerstraß im Wiener Institut für Höhere Studien (IHS) und an der Wirtschaftsuniversität Wien weist darauf hin, dass Produktionsverminderungen in betroffenen Sektoren indirekte Folgen für Zulieferer, Einkommen und Nachfrage haben.Modellrechnungen für Österreich zeigen, dass die Wirtschaftsleistung in einem Szenario stark steigender Temperaturen bereits im dritten Jahr um rund 0,7 Prozent oder knapp drei Milliarden Euro unter dem Vergleichswert ohne zusätzliche Hitzebelastung liegen könnte.Über drei Jahre summierten sich die Verluste auf etwa sechs Milliarden Euro. Diese Schätzungen seien eher konservativ, weil Gesundheits- und Infrastrukturschäden nur unvollständig berücksichtigt seien.Binnen- und Alpenlage erhöht BetroffenheitÖsterreich ist von der Erderwärmung besonders betroffen. Wegen der Binnen- und Alpenlage erwärmte es sich stärker als viele andere Regionen. Die Lufttemperatur liegt hier bereits rund 3,1 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau, während der weltweite Anstieg bei etwa 1,4 Grad liegt.Das hat eine Untersuchung des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ergeben. Die Landwirtschaft trägt zwar nur rund 1,4 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei, erfüllt aber eine wichtige Rolle für regionale Versorgung, Landschaftspflege und Qualitätsproduktion.Die Betriebe sind im EU-Vergleich klein, stark von alpinen Strukturen geprägt und weisen einen besonders hohen Anteil biologischer Landwirtschaft auf: Jeder vierte Hof arbeitet nach entsprechend strengen Kriterien.Für Ungarn hat die Agrarkrise besonderes GewichtAuch Ungarn leidet unter der Trockenheit. Dort drohen große Schäden bei Mais und Sonnenblumen. Der staatliche Wetterdienst Hungaro Met spricht von vielerorts unumkehrbaren Folgen der seit Beginn der Vegetationsperiode anhaltenden Dürre. Frühere Ernten waren nötig, weil Hitze und Wassermangel die Reife beschleunigten. Eine schwache Maisernte könnte auch dort die Viehhaltung belasten, weil Futtermittel knapper werden.Blick auf die Donau in BudapestdpaFür Ungarn hat die Agrarkrise besonderes Gewicht. Die Landwirtschaft trägt mit drei bis vier Prozent mehr zum Bruttoinlandsprodukt bei als im EU-Durchschnitt, und mehr als die Hälfte der Landesfläche wird landwirtschaftlich genutzt. Fruchtbare Böden im Karpatenbecken haben dem Land traditionell den Ruf einer sogenannten Kornkammer verliehen. Entsprechend hoch ist die politische Bedeutung von Ernährungssicherheit und nationaler Souveränität.Die Dürre dieses Sommers macht damit deutlich, dass Klimarisiken längst in den Kern wirtschaftlicher Planung vorgedrungen sind. Für die Bauern geht es kurzfristig um Futter, Liquidität und das Überleben einzelner Bestände. Volkswirtschaftlich wird es immer teurer, wenn sich Extremjahre als neue Normalität erweisen.