Gesa Krause hätte einen Schlussstrich ziehen können. Niemand wäre verwundert gewesen, wenn sie, die zweimalige Europameisterin, dreimalige Olympiateilnehmerin, zweimalige WM-Dritte und sechsmalige deutsche Meisterin, sich eingestanden hätte, dass sich ihre Prioritäten verschoben haben.Als Hindernisläuferin ist Krause, 34 Jahre alt, eines der bekanntesten Gesichter der deutschen Leichtathletik. Doch seit drei Jahren ist sie mehr als nur eine Sportlerin: Im April 2023 wurde Krause auch Mutter einer Tochter. In einem Alter, in dem viele Frauen wegen eines Kinderwunschs ihre Karriere beenden oder sich zumindest fragen, ob sie als Mutter noch auf Spitzenniveau mithalten können, wollte Krause sich nicht zwischen Sport und Familie entscheiden.Wenige Tage nach der Geburt schnürte Krause schon wieder ihre Laufschuhe. Sie wollte beweisen, dass sie nach der Schwangerschaft wieder an ihre alten Leistungen anknüpfen kann – und dass ihre beste Zeit vielleicht erst noch kommt.

Das Alter sei nur eine Zahl auf dem Papier, sagte Krause vor zwei Wochen in Bochum-Wattenscheid, nachdem sie dort zu ihrem ersten Meistertitel seit der Babypause gelaufen war. „Ich fühle mich so, als würde ich genau hierhergehören“, sagte sie und schob hinterher: „Eigentlich fühle ich mich so gut wie nie zuvor.“Seit Anfang 2025 hat die Dillenburgerin immer öfter auch an Straßenläufen teilgenommen, über fünf Kilometer, zehn Kilometer und die Halbmarathon-Distanz. Krause suchte eine neue Herausforderung, wollte ausprobieren, wie konkurrenzfähig sie auf längeren Distanzen ist, und – daraus machte sie kein Geheimnis – auch ihre Zukunft nach der Bahnkarriere ausloten. Im Herbst konnten ihre 185.000 Instagram-Follower sie auf ihrer „Road to Marathon“ begleiten.Doch das Marathon-Debüt in Valencia missglückte. Anfang Dezember startete Krause dort zum ersten Mal über die 42,195 Kilometer – und kam nicht ins Ziel: DNF, „did not finish“. Nach 34 Kilometern hatte sie erschöpft aufgeben müssen. Am nächsten Tag schrieb sie auf Instagram: „Ich wünschte, ich hätte eine Erklärung, warum mein Körper ab Kilometer 26 plötzlich gestreikt hat. Waren elf Wochen Vorbereitung zu kurz? Oder war es einfach nicht mein Tag?“Inzwischen musste Krause sich eingestehen: „Ich hatte die Illusion, dass es leichter ist, den Spagat zwischen Mittelstrecke und Marathon zu schaffen.“ Sie sei dankbar für die Straßenlauferfahrung, weil diese sie als Hindernisläuferin stärker und besser gemacht habe. „Aber ich habe trotz allem auch festgestellt, dass mein Herz der Mittelstrecke gehört.“Irgendwann wolle sie einen weiteren Versuch wagen, denn: „Ich habe noch eine offene Rechnung mit dem Marathon.“ Bis dahin werde sie jedoch erst mal wieder dort zu finden sein, wo sie sich am wohlsten fühle: auf der Tartanbahn. „Und so schnell wird man mich auch nicht loswerden“, versichert Krause.Marathon-Versuch hilft Gesa Krause auf ihrer ParadestreckeIm Halbmarathon (1:08,59 Stunden) sowie über die „flachen“ 1500 Meter (4:04,28 Minuten) und 3000 Meter (8:45,34 Minuten) hat sie in diesem Jahr schon drei neue Bestzeiten aufgestellt. Auch in ihrer Lieblingsdisziplin scheint Krause von der Marathon-Vorbereitung zu profitieren: Anfang Juli lief sie beim Diamond-League-Meeting in Eugene über 3000 Meter Hindernis in 9:07:50 Minuten die zweitschnellste Zeit ihrer Karriere – und wird damit bei der EM in Birmingham (10. bis 16. August) als zweitschnellste Europäerin hinter der Britin Elise Thorner an den Start gehen.Die Marathon-Vorbereitung habe ihr dabei geholfen, an ihren Schwächen zu arbeiten: an ihrer Ausdauer und der Fähigkeit, über die gesamte Distanz ein hohes Tempo zu halten. Früher habe sie vor allem im Mittelteil eines Rennens an Konstanz eingebüßt: „Also habe ich angefangen, daran zu arbeiten, was mir am schwersten gefallen ist.“ Die Form, die sich Krause im Herbst erarbeitet hat, macht sich nun auch auf der Bahn bemerkbar: „Das ist eine sehr gute Basis, von der ich lebe“, sagt sie.Bei Weltmeisterschaften gewann Krause 2015 und 2019 Bronze, dazwischen wurde sie 2016 und 2018 Europameisterin. In jungen Jahren sei jede Medaille vor allem Ansporn für die nächste gewesen: „Heute weiß ich, dass es nicht mehr so viele Chancen geben wird.“ Die Bedeutung von Erfolgen sei mit der Zeit eine andere.Krause hat gelernt, im Moment zu leben. Manchmal wisse sie selbst nicht so genau, wie es ihr gelingt, das alles zu bewerkstelligen. „Es hilft mir inzwischen, im Hier und Jetzt zu leben und mich auf die Dinge zu konzentrieren, die direkt vor mir liegen.“ Vielleicht auch, weil sie früher manchmal zu verkopft gewesen sei, sich selbst im Weg gestanden habe. „Mittlerweile weiß ich: Ich muss niemandem mehr etwas beweisen“, sagt Krause: „Ich will am Start sein und herausfinden, wie gut ich sein kann.“Der Bahn wird Krause mindestens noch bis zu den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles erhalten bleiben. Aber sie ist auch zu sehr Wettkämpferin, als dass sie sich von ihrem Marathon-Debüt verunsichern lässt: „Ich werde auch in Zukunft zweigleisig fahren, weil ich glaube, dass das für mich der richtige Weg ist“, sagt Krause. Das bezog sie zwar auf Bahn und Straße, aber auf Kind und Karriere passt es genauso gut. Gesa Krause ist noch längst nicht fertig.