Sie tanzten, bis die Stadt bebte: Hunderttausende haben an der Street Parade gefeiert – manchmal bis zum UmfallenChronik einer angekündigten Ekstase.Giorgio Scherrer, Jana Kehl, Robin Schwarzenbach, Isabel Heusser08.08.2026, 21.11 Uhr5 LeseminutenFreude, Bässe, Alkohol: An der diesjährigen Street Parade wurde während Stunden gehüpft und geschwitzt.Andreas Becker / Keystone«Do you want a beer? Jägermeister?», fragt Gianmarco, der Italiener im gelben Rock, während aus seiner kleinen Boombox der Beat und hinter ihm der Verkehr dröhnt. Es ist kurz nach 11 Uhr am Tag der 33. Zürcher Street Parade, dem grössten Techno-Festival der Welt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gianmarco und Emiliano stehen vor ihrem Zelt, aufgestellt auf einem Rasenstück neben dem Bahnhof Wollishofen. Emiliano trägt eine Perücke und ein bunt gestreiftes Oberteil, Gianmarco über dem Rock eine Art Dirndl-Oberteil. So etwas wie die Street Parade, sagen sie, das gebe es in Italien nicht.Drei Stunden später, der schattige Platz vor dem Bahnhof Stadelhofen. Luis Pulgar steht da, mit einem leeren Bier und einem vollen Lachen. Er posiert für Bilder, rechts und links. Nicht weil er, der Party-Gast aus Venezuela, besonders berühmt wäre. Sondern wegen seines Kostüms. Einen riesigen halbierten Avocado aus Karton hat er sich vor Brust, Bauch und Gesicht gespannt. Mit Löchern für den Kopf und – dort wo der Kern der Frucht sitzt – für sein Ränzlein. Hier, am Fest der schlanken Körper und prallen Muskeln ist so viel Selbstironie eine Sensation.«So etwas haben wir noch nie gesehen», sagt nochmals drei Stunden später ein dezent gekleidetes Ehepaar in Pastellfarben. Er trägt sanftes rot, sie sanftes blau, Tochter und Sohn sind auch dabei. Aus China stammt die Familie, sie sind als Touristen hier und wollten eigentlich längst weiterreisen nach Italien. Wegen der Street Parade sind sie geblieben. In China, sagen sie, gebe es so etwas nicht.Ein paar Meter weiter steht eine Frau aus Deutschland brav in einer langen Schlange. Sie wartet, um eine Pille testen zu lassen. Eine Pille, die ihr ein Unbekannter geschenkt hat. «Ich bin neugierig, was drin ist», sagt sie. Vor ein paar Stunden erst habe sie eine halbe Pulle Ecstasy genommen. Gut fühle sie sich, ein bisschen euphorisiert.Luis Pulgar aus Venezuela mag Avocados.NZZDiese Raverin schwört auf Seifenblasen.Andreas Becker / KeystoneHier, beim Zelt, in dem das mobile Drogen-Test-Labor der Stadt Zürich untergebracht ist, sucht sie Gewissheit. Darüber, ob sie die Pille auch noch einwerfen kann. Und wenn etwas Gefährliches darin ist? «Dann nehme ich sie nicht.»Der Tag der Street Parade ist der Tag, an dem in Zürich keine Regeln gelten. Strassen werden zu Tanzflächen, Pärke zu Zeltplätzen, der Vorplatz der Nationalbank zum Ort, wo man sich für den nächsten MDMA-Trip, die nächste Nase Koks den Segen der Drogentester holt.Nacktheit und Abfall, Freude und Beats, so laut dass an jedem anderen Tag die Lärmpolizei käme: Alles ist hier, zusammen mit mehreren hunderttausend glücklichen und tanzenden, torkelnden und kotzenden Menschen. Die Innenstadt – ein Dancefloor. Die vornehme Zurückhaltung, die Zürich sonst ausmacht – wie weggefegt.Streit um Flaschen und WasserpistolenEigentlich ist die Street Parade keine Party, sondern eine bewilligte Kundgebung – eine Demonstration. Und auch wenn die Organisatoren sich jedes Jahr ein neues, zuverlässig generisches Motto aussuchen – dieses Jahr: «Together we move» – ist das eigentliche Anliegen allen klar: Ekstase, Enthemmung, Befreiung durch das hämmernde Nz, Nz, Nz der Techno-Musik.Die grösste Techno-Party der Welt: An der Street Parade tanzen die Massen.Andreas Becker / KeystoneDie offizielle Bilanz durch Behörden und Organisatoren steht noch aus. Klar ist aber schon jetzt: Die üblichen Zuschauerzahlen – zwischen 750 000 und einer Million – dürften erreicht werden. Und die übliche Müllmengen – um die 90 Tonnen – wohl auch.Auch Polizei und Sanität waren gefordert. Bereits am frühen Abend rapportierte Schutz und Rettung 190 Behandlungen, eine Zahl die im Lauf des Abends weiter steigen dürfte. Die Stadtpolizei war bereits am Mittag gefordert: Dann fischte sie, unter tatkräftiger Mithilfe eines Freiwilligen, einen in Not geratenen Schwimmer aus der Limmat.Sonst war die diesjährige Street Parade, zumindest soweit bisher bekannt, ein erstaunlich überraschungsarmer Anlass. Die Musik auf den acht Bühnen startete wie immer um 13 Uhr. Die Love Mobiles, von denen 30 am Start waren, fuhren wie immer um 14 Uhr am Utoquai los, um sich danach im Schritttempo um den See herum bis ans Mythenquai zu schieben. Ein Platz darauf – Kostenpunkt: um die 250 Franken – garantierte wie immer ständigen Zugang zu Bar und WC. Aber keinen Schutz vor der Hitze, die – wie fast immer – über 30 Grad lag.Zur Abkühlung von der sengenden Hitze gab es Sprinkleranlagen.Andreas Becker / EPABei aller Befreiungsrhetorik, bei aller Ekstase ist das grösste Techno-Festival der Welt inzwischen auch einfach: Routine. Eine immer ähnliche, gut choreografierte Show. Nachträgliche Aufregung über Müll, Lärm, Gestank oder den allgemeinen Zerfall der Sitten inklusive.Für kurzzeitige Aufregung sorgten dieses Jahr die Detailhändler: Sie sollten, so der Trägerverein der Parade, sich an diesem umsatzkräftigen Tag doch bitte an den Entsorgungskosten beteiligen. Oder wenigstens auf den Verkauf von Glasflaschen verzichten, wegen der Scherbengefahr. Ersteres geschah nicht, bei zweiterem gab es einen Minimalkompromiss: kein Verkauf von gekühlten Spirituosen in Glasflaschen. Allein Es brachte wenig. Stattdessen waren einfach ungekühlte Flaschen im Angebot.Ein Paradiesvogel tanzt alleinAuch Wasserpistolen sorgten für eine kleine Kontroverse. Die Organisatoren warnten im Vorfeld vor deren Benutzung: «Wer mit Wasserpistolen auf Love Mobiles (technische Anlagen!) zielt oder auf Girls abspritzen aus ist, outet sich als Schwachstrom-Hirnzelle.» Am Tag selbst waren die kühlenden Gerätschaften allerdings allgegenwärtig – so wie Kühlboxen, Fächer und Schattenspender aller Art.Mal liegt Freiheit in der Wahl des Kostüms.NZZMal findet man sie mit dem Sprung ins Kühle Nass.Andreas Becker / APEbenso allgegenwärtig waren mit zunehmender Dauer der Party die Gerüche. Auf der Bahnhofstrasse zum Beispiel, zwischen Geschäften der Luxusmarken Versace und Dolce & Gabbana. Dort lag Abends um acht mehr als ein sanfter Hauch von jener Geruchsmischung in der Luft, die den Street-Parade-Tag seit je auszeichnet: eine Mischung aus Bier, Urin, Schweiss und einem Hauch Sonnencrème.Den meisten macht das an diesem Samstag nichts aus, es gehört vielleicht sogar dazu – wie der Sprung von der Quaibrücke in den See, wo die Partyboote dümpeln. Oder der Kater am Tag danach.Wobei: Welcher Tag? Gefeiert wird an der Street Parade bis in den Morgen hinein, in den Klubs einer Stadt, die dieses Wochenende dem Techno gehört.Was das für die Hunderttausenden Raverinnen und Raver bedeutet, die am Samstag tanzten, bis ganz Zürich bebte. Das zeigte wohl am besten ein Mann namens Elio, der Nachmittags um halb vier bei praller Sonne mitten auf den Tramschienen des Bellevue tanzte.Er trug eine Tiara aus glitzernden Kunstdiamanten, gekrönt mit Federn in Blau, Weiss, Grün und Rot. In der Hand ein goldener Fächer, auf der Haut nichts als ein paar Streifen pailletierten Stoffs, die über der Brust ein kunstvolles Auge formten.«Es ist so schön!», sagte Elio, während er Hüften drehte, den Arm hob und mit dem Fuss hoch in die Luft kickte. «Es ist so schön.»Ein Paradiesvogel unter Bewunderern: der Raver Elio aus Basel.NZZPassend zum Artikel