Marek Krynski hat die grösste Techno-Party der Welt gegründet. Dann stieg er aus. «Natürlich hat es weh getan, die eigene Idee loszulassen»Die Street Parade entstand 1992 aus einer nächtlichen Erleuchtung. Heute ist sie längst legendär. Was unterwegs verlorenging.Jana Kehl08.08.2026, 05.00 Uhr7 LeseminutenDer Gründer der Street Parade, Marek Krynski, am Limmatquai in Zürich.Die Idee kam ihm mitten in der Nacht, irgendwann im Juni 1992.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Marek Krynski, damals 23 Jahre alt, erinnerte sich plötzlich an einen Fernsehbericht. Einige Monate zuvor hatte er gesehen, wie an der Love Parade in Berlin Tausende über den Kurfürstendamm zu einer neuartigen elektronischen Musik tanzten. Bunte Wagen fuhren mitten in der Menschenmenge mit. Dann, in jener Nacht, als Krynski wach lag, die Bilder der ekstatisch hüpfenden Körper vor Augen, war es ihm plötzlich klar: «Auch Zürich braucht so was!» Einschlafen konnte er danach nicht mehr.Die Idee, den Techno auch auf die Strassen seiner Heimatstadt zu bringen, nennt Krynski noch heute, über drei Jahrzehnte später, eine «Erleuchtung».Ein heisser Sommertag vor einigen Tagen, über 30 Grad. Die 33. Ausgabe der Street Parade steht kurz bevor, und Marek Krynski – New-Balance-Turnschuhe, Dreiviertelhose, schüchternes Lächeln – sitzt auf einem Plastikstuhl beim Imbiss Riviera am Limmatquai. Auf den Nebentischen stehen Bier, Pommes, Würste, Burger. Krynski trinkt ein Mineralwasser direkt aus der Flasche.Bei der diesjährigen Ausgabe seiner Erfindung hat er sich keinen fixen Platz auf einem Love-Mobile gesichert. Er tanzt lieber auf der Strasse. Im Organisationskomitee ist er schon lange nicht mehr. Und auch verkleiden will er sich nicht. Aufzufallen sei ihm nicht besonders wichtig, sagt er, anderes hingegen schon: «Techno zum Beispiel.»Für jene, die sich der Street Parade fernhalten, bleibt Techno vor allem eines: Nz Nz Nz. Ein Geräusch – keine Musik, kein Gefühl. Für Marek Krynski, den Asketen mit dem Mineralwasser, ist Techno dagegen genau das: ein Lebensgefühl.Zwingli versus TechnoMarek Krynski, aufgewachsen im zürcherischen Greifensee, tanzte schon als Jugendlicher gerne. Aber nur dort, wo das auch die anderen taten: in Discos, in Klubs. «Zu Hause oder auf der Strasse wäre ich nie auf die Idee gekommen», sagt er.Das änderte sich, als er beim Lösen der Hausaufgaben den Radiosender DRS 3 einstellte. «Jack Your Body», Titel und einzige Textzeile des legendären Songs von Steve «Silk» Hurley, lief an jenem Abend im Jahr 1987. Das sei der Moment gewesen, als er sich als 18-Jähriger in die neue elektronische Musik verliebt habe – House-Musik aus Chicago, den Vorläufer des heutigen Techno.«Es fiel mir schwer, bei diesem pulsierenden Rhythmus still zu sitzen», sagt Krynski. «Ich wollte die ganze Nacht durchtanzen.»Viel Raum blieb dafür im Zürich der späten achtziger Jahre nicht. Zwar liessen sich immer mehr Junge von Techno mitreissen. Doch die wenigen Partys fanden weit weg vom öffentlichen Geschehen statt. An Ruhetagen galt das Tanzverbot. Der letzte Zug fuhr auch am Wochenende um Mitternacht. Und Alkohol wurde vielerorts gar keiner ausgeschenkt. Zwingli war auf Zürichs Strassen präsenter als Techno.Die erste Street Parade sollte dazu beitragen, dass sich das ändert. Sie sollte die Menschen «aus den Kellerlöchern» holen, wie Krynski sagt.Krynski tanzte schon in der Jugend gerne. Irgendwann hatte er das Bedürfnis, auch auf der Strasse zu tanzen.Wenn er an jenen Samstag im August 1992 zurückdenkt, als die ersten tausend Raverinnen und Raver durch Zürich tanzten, wird aus dem schüchternen Lächeln ein spitzbübisches. «Relativ schnell konnte ich einige Leute aus der Szene überzeugen, mitzumachen.» Doch wirklich Erfahrung mit einem solchen Anlass habe niemand gehabt. «Von fünf Love-Mobiles funktionierte eines richtig.»Die Parade startete, anders als heute, beim Hechtplatz. Etwas nervös sei er bei der Anfahrt schon gewesen, sagt Krynski. Am Anfang hätten die Menschen nur zugeschaut. Dann hätten sie etwas mitgewippt. Ungefähr beim Zwingli-Denkmal seien Teilnehmer und Passanten in den «Tanzgroove» gekommen. «Und dann ist es abgegangen!»Widerstand im linken StadtratDie Street Parade war damals nicht nur ein technisches Experiment, sondern auch ein politisches. Zwar wurde sie zuerst ohne weiteres von der Stadt bewilligt. Doch als die Parade in den Folgejahren grösser und grösser wurde, wuchs auch der Widerstand der Stadt.Bei der zweiten Austragung nahmen bereits über 10 000 Menschen teil. Dann, im Jahr 1994, stellte sich Polizeivorsteher Robert Neukomm (SP) gegen die Street Parade.Die Veranstaltung sei zu gross, zu laut, sie verschmutze die Strassen, so lautete die Begründung. Auch Drogen wurden zum Streitthema. Eben erst hatte sich die offene Drogenszene mit der Räumung des Platzspitzes auf das Lettenareal verschoben. An der Street Parade könnte diese in die Innenstadt ausschweifen, befürchtete die Stadtregierung.Krynski, der nach eigener Aussage selbst nie Drogen konsumierte, kann den Entscheid bis heute nicht nachvollziehen. Denn wenn, dann hätten die Leute Partydrogen genommen. «Das war schon etwas ganz anderes als auf dem Platzspitz und dem Letten.»Der Street-Parade-Gründer legte Rekurs ein, von links bis rechts bekam er Unterstützung. Die NZZ bezeichnete Neukomms Entscheid als kleinlich und engstirnig – der Stadtrat wolle «einer apolitischen Lebensfreude» offensichtlich keinen Raum lassen.Schliesslich gab die Stadt dem öffentlichen Druck nach. Die Street Parade fand statt, die Teilnehmerzahl vervierfachte sich. Raverinnen und Raver aus ganz Europa reisten an.Eine Sinnsuche zwischen «Liebe» und «Frieden»Er sei nie in einer Partei gewesen, sagt Krynski. Auch mit der linksautonomen Szene habe er nichts zu tun gehabt. Dennoch seien Techno und House in den neunziger Jahren «immens politisch gewesen». Die Akzeptanz für dieses Lebensgefühl habe man sich erst erkämpfen müssen.Rechtlich ist die Street Parade seit ihren Anfängen als «Demonstration für Toleranz, Liebe, Frieden, Freiheit und Grosszügigkeit» bei der Stadt angemeldet. Sie ist also eine politische Veranstaltung und nicht einfach eine Party. «Let the sun shine!», «Friendship!» oder «Dance for Freedom» lauteten die Mottos, die später hinzukamen. Der tiefere Sinn – der ist hier jedoch nicht so leicht zu finden.Marek Krynski ist Kind einer ostdeutschen Mutter und eines polnischen Vaters. Auch wenn seine Eltern in der Schweiz politische Flüchtlinge waren, habe er sich nie als Secondo gefühlt, sagt er. Den an der Street Parade propagierten Frieden und die Freiheit bringt er denn auch nicht direkt mit Ereignissen wie dem Mauerfall in Verbindung – obwohl die deutsche Wiedervereinigung zumindest für die Berliner Techno-Szene prägend war.Die Botschaft der Street Parade ist für ihren Gründer eine simple: Jeder könne so sein, wie er wolle. «Freiheit», «Friede»: Die grossen Worte aus der Frühzeit der Parade bedeuteten für ihn nicht mehr als das. «Für mich ist das bis heute sinnstiftend und politisch genug.»Ausserdem sei die Parade damals für ihn, den Mathematikstudenten, auch schlicht ein schöner Kontrast gewesen: «Bei der Mathematik fand alles im Kopf statt, bei der Parade ging es um Gefühle.»Der Raver geht ins BankengeschäftIrgendwann musste sich Krynski jedoch entscheiden. Denn die Street Parade wuchs weiter – und bald schon liess sie sich nicht mehr während der Semesterferien organisieren. Nachdem er ein ganzes Semester wegen der Parade ausgesetzt hatte, zog sich Krynski Ende 1996 aus dem Organisationskomitee zurück.Er schloss das Studium ab. Statt Veranstalter wurde er Risk-Manager in einer Grossbank. Er heiratete, bekam Kinder – «was man halt so macht im Leben».Krynski erinnert sich an die erste Street Parade. Links von ihm fuhren 1992 die Love Mobiles vorbei.Natürlich, es habe weh getan, die eigene Idee loszulassen. Natürlich, er habe weiterhin Techno gehört. Und – «natürlich» – die Musik sei auch heute ein wichtiger Teil seines Lebens. Und die Street Parade? «Bis heute habe ich sie niemals verpasst.» Wenn er tanze, fühle er sich noch wie damals in den Neunzigern.In der Szene hat sich seit damals allerdings auch ohne Krynski einiges verändert. Techno ist kein neuartiges Lebensgefühl mehr, sondern ein Unesco-Kulturerbe. Seit der Katastrophe von Duisburg findet die deutsche Love Parade in ihrer ursprünglichen Form und Grösse nicht mehr statt. Die Zürcher Street Parade gilt deshalb heute als die grösste Technoparty der Welt. Auf politischen Widerstand stösst sie derweil schon lange nicht mehr – vor drei Jahren stand sogar Bundesrat Alain Berset mit roter Federboa auf einem Love-Mobile.Weil die Street Parade immer stärker im Mainstream angekommen ist, distanziert sich ein Teil der Techno-Szene inzwischen vom Grossanlass. Krynski hingegen sieht im Wachstum nichts Schlechtes.Zwar kritisiert er, dass seit 2004 auch Alkohol an der Street Parade ausgeschenkt wird – Bier verändere die Stimmung. Die Tatsache, dass der Anlass auch heute erfolgreich sei, zeige am Ende aber: «Techno kann die Menschen auch heute noch bewegen!»Die Sache mit der jüngeren Generation«Together we move» lautet denn auch das diesjährige Motto der Parade. Am Samstag werde er zuerst am Bellevue die Masse bestaunen, sagt Krynski. «Bei so vielen fröhlichen Menschen stellen sich bei mir jeweils die Nackenhaare auf vor Glück.» Später werde er bis zum letzten Love-Mobile mittanzen. Wie es danach weitergeht, weiss er noch nicht. «Letztes Jahr habe ich bis fünf Uhr früh bei der Reinigung der Strassen zugeschaut.»Die «einen oder anderen von früher» kenne er an der Street Parade sicher noch, sagt Krynski. Allerdings ist sie für ihn kein Familienausflug. Er sei der Einzige, der zu Hause Techno höre. Auch Kollegen von der Arbeit habe er bisher selten angetroffen – der Beruf und die Musik, das seien für ihn getrennte Welten.Und die Hunderttausende jüngeren Raverinnen und Raver – was verbindet Krynski, den Helden der Erfolgsgeschichte Street Parade, heute noch mit ihnen?Eigentlich wisse er «ziemlich wenig» über sie, sagt Krynski. Warum einige junge Menschen zum Beispiel Videos von sich aufnähmen, sie mit Techno-Musik unterlegten und auf Plattformen wie Tiktok teilten, könne er nicht beantworten. Die Musik ist für Krynski zum Tanzen da. Es sei nicht an ihm, Ratschläge zu erteilen. Aber er frage sich: «Spürt man im Internet das Gleiche wie auf der Tanzfläche?»Passend zum Artikel
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Die Street Parade entstand 1992 aus einer nächtlichen Erleuchtung. Heute ist sie längst legendär. Was unterwegs verlorenging.













