Erinnern wir uns an den Sommer 2020. Es war die Zeit von Corona, der Kulturbetrieb hatte gerade mühsam den ersten Lockdown überstanden, nun durfte wieder gespielt werden, aber nur unter krassen Auflagen. Die Salzburger Festspiele fanden in jenem Sommer dennoch statt, ein Riesenverdienst des Intendanten Markus Hinterhäuser, an dessen Leistung diesbezüglich sich die Politik auch nicht mehr erinnern wollte, als sie ihn vor ein paar Monaten rausschmiss.Doch Auflagen galten auch in Salzburg damals. Im Fall von Mozarts Oper „Così fan tutte“ hieß dies: keine Pause. Und maximal ein bisschen mehr als zwei Stunden. Es wurden dann zweieinviertel Stunden – Regisseur Christof Loy und sein Team schufen eine der schlüssigsten „Così“-Aufführungen, die man je erleben durfte. Und das bei einer Oper, die normalerweise mindestens drei Stunden netto dauert, also reine Musik. Oft auch viel länger, wie etwa vor ein paar Jahren in München, als der Dirigent Vladimir Jurowski glaubte, jedes noch so nutzlose Rezitativ in seine Aufführung hineinpacken zu müssen.Salzburger Festspiele:Ganz schön viel Betrieb im AllErsan Mondtag versetzt Richard Strauss’ Ariadne von der Insel Naxos auf den Mars. Da geht es wirr zu, doch gelingen tolle Bilder, die haften bleiben. Der Buhsturm nach der Aufführung war vor allem eines: erfrischend.Und je mehr sich das Ding in die Länge zieht, desto enervierender kann es werden. Die allerbeste Aufführung einer „Così“ gelang Calixto Bieito in Basel vor elf Jahren. Er warf alle Rezitative weg, beschränkte sich auf die Lieblingsnummern, Ensembles und Arien, und erzählte, wie es den Figuren zehn Jahre nach dem Experiment geht, von dem die Oper handelt. Nicht gut, es war die komplette Verheerung. Aber es dauerte nur ungefähr 70 Minuten.So radikal war Loy 2020 nicht. Und ist er auch jetzt nicht, bei der Wiederaufnahme seiner Inszenierung im Großen Festspielhaus, die er um etwa 15 Minuten erweitert hat. Er gibt also sein Grundkonzept keineswegs auf, aber da man damals um jeden einzelnen Strich, jede zu eliminierende Note rang, kommen nun ein paar Stellen wieder rein, deren Verzicht vor sechs Jahren die größten Schmerzen bereitet hatte. Etwa die Cavatina „Tradito, schernito“ des Offiziers Ferrando, in der dieser davon singt, dass er sich zwar von seiner Geliebten Dorabella verraten und verhöhnt fühlt, diese aber immer noch verehrt.Auch wenn „Così“ zu den meistgespielten Opern überhaupt gehört, was daran liegt, dass die sechs Solopartien ziemlich paritätisch mit schönen Arien ausgestattet sind, hier noch einmal kurz der Inhalt. Die beiden Freunde Ferrando und Guglielmo wetten mit dem alten Don Alfonso, dass ihre Bräute, die Schwestern Dorabella und Fiordiligi, ihnen unendlich treu sind. Don Alfonso sieht das anders, er zettelt eine Intrige an.Die beiden Kerle verschwinden angeblich in den Krieg, kehren als „Albaner“ verkleidet (oder als sonst irgendwas, je nach Inszenierung) zurück und umgarnen, letztlich mit einem gewissen Erfolg, die Braut des jeweils anderen. Am Ende haben die beiden Frauen dann meist ein unerträglich schlechtes Gewissen, rutschen auf dem Boden herum und flehen um Vergebung. Bei Loy glücklicherweise nicht. Denn die wahren Betrüger sind ja schließlich die Herren.Fünf der sechs Solisten waren schon 2020 dabei, nun sind sie älter, wissen mehr und können das spielenMan kann diese ganze Quatschgeschichte als lediglich Anlass für schöne Musik abtun, man kann aber daraus auch, und das macht Loy, gutes Theater machen. Die Bühne von Johannes Leiacker ist exakt jene wie vor sechs Jahren, hell, klar, weiß, zwei Flügeltüren in der Rückwand, das Geschehen nah am Publikum, eine Treppe hinunter zum Graben. In dem sitzen die – an diesem Abend gut gelaunten – Wiener Philharmoniker, wie schon vor sechs Jahren dirigiert Joana Mallwitz. Sie ist weicher geworden, muss nicht mehr permanent alles durchgestalten, lässt dem Orchester mehr Freiheit, dirigiert immer noch herrlich schwere-, aber nicht körperlos.Überragend, mitreißend, fabelhaft: Elsa Dreisig als Fiordiligi. Monika RittershausIn der Besetzung gibt es eine Novität, Victoria Karkacheva als Dorabella, alle anderen waren schon 2020 dabei: die überragende Elsa Dreisig als Fiordiligi, Andrè Schuen als Guglielmo, Bogdan Volkov als Ferrando, Johannes Martin Kränzle als Don Alfonso und Lea Desandre als lebenskluge, witzige und stimmlich perfekt passende Despina, Gehilfin Don Alfonsos, Zimmermädchen, Kammermädchen, Köchin.Faszinierend ist zu erleben, dass nun alle sechs Jahre älter sind. Bei den jungen Leuten führt das zu einer noch größeren Wahrhaftigkeit in den vielen Nuancen ihres Rollenverhaltens. Vielleicht haben sie inzwischen selbst viel geliebt und gelebt, auf jeden Fall haben sie natürlich sechs Jahre Arbeit an anderen Partien hinter sich. Stimmlich gibt es keine Abstriche zur Brillanz von damals.Salzburger Festspiele:Der Mann, der mit den Vögeln sprichtOlivier Messiaens „Saint François d’Assise“ gelingt in Salzburg als monumentale musikalische Überwältigung. Der Rest ist eine Glaubensfrage.Manches wird also noch klarer. Etwa der Glaube der beiden Jungs, alles über Frauen zu wissen, die Selbstsicherheit, mit der sie gar nicht auf den Gedanken kommen, ihre Geliebten könnten sich vielleicht auch für andere Menschen als sie interessieren. Gerade im ersten Akt gibt es da hochspannende, von ganz leichten Wechseln in Olaf Winters Lichtschattierungen begleitete Übergänge.Erst stehen Schuen und Volkov da, voller Inbrunst ihre Männlichkeit behauptend. Dann wendet sich die Musik in herrlicher Lieblichkeit Fiordiligi und Dorabella zu. Sie sind hier mehr gute Freundinnen als Schwestern, sie sind sich nah, durchaus auch körperlich, sie freuen sich über ihre Lieben, sie erfreuen sich gegenseitig damit. Mit diesem Wechsel, voller Poesie, ist alles gesagt. Aber ein bisschen was kommt dann auch in dieser Fassung noch.Auch jene Szenen, die üblicherweise schwer zu ertragen sind. Die Jungs simulieren Suizid, werden von Despina (als Arzt verkleidet) mittels eines magnetischen Steins zum Leben erweckt. Auch wenn Mozart diesen Effekt auskomponiert, er gehört zu der Seite der „Così“, die es schwer macht, sich gänzlich von dem Gedanken zu lösen, dass Mozarts Frauenbild nicht zu jeder Sekunde taufrisch ist. Wie dämlich kann man sein, auf solche plumpen Tricks hereinzufallen? Was indes Loy zusammen mit Mozart grandios herausarbeitet, ist der Abgrund der Männlichkeit in dieser Versuchsanordnung der Emotionen, in den die beiden Herren blicken müssen. Vielleicht haben sie am Ende sogar etwas gelernt.