Was für eine reiche, tiefe, bewegte Seele! Und man kann in sie hineinschauen drei Stunden lang bei herrlicher Musik! Denn was der junge Mozart, noch keine siebzehn Jahre alt, in seiner 1772 für Mailand geschriebenen Oper „Lucio Silla“ (KV 135) hörbar macht, geht ja weit über die bloße Beherrschung der Form, das noch so gekonnte Abrufen tradierter Affekte hinaus. Und große Gefühle, Verrat und Treue, Liebe und Hass, Eifersucht und Milde gibt es im Libretto von Giovanni de Gamerra natürlich reichlich. Wie damals üblich schrieb Mozart zunächst die Rezitative, in denen die Handlung vorangetrieben wird, um dann vor Ort die Arien, die dem Ausdruck eines bestimmten Gefühls dienen, in enger Zusammenarbeit mit den Sängern zu komponieren.Es liegt, da ist sich Ádám Fischer ganz sicher, nicht an der Musik, sondern an dieser den heutigen Hörgewohnheiten zuwiderlaufenden zweiteiligen Struktur, dass solche Opern beinahe ganz vom Spielplan verschwunden sind. Wie gut, dass sie in Fischer einen glühenden Anwalt gefunden haben! Schon seine Einspielung von „Lucio Silla“ mit der Danish Radio Sinfonietta aus dem Jahr 2008 war begeisternd, und auch das Publikum der Salzburger Festspiele dankte mit großem Beifall für eine Aufführung dieses frühen Meisterwerkes.Giunia (Nina Solodovnikova) darf am Ende heiraten, wen sie willSF/Marco BorrelliDabei ist es Fischer nicht um letzte philologische Exaktheit zu tun, sondern um einen pragmatischen Umgang: Lange Rezitative wurden gekürzt, Wiederholungen von Arien nicht immer gespielt und einzelne Nummern ganz gestrichen, um in etwa zweieinhalb Stunden die Essenz des Werkes vorzustellen. Außerdem sorgte Birgit Kajtna-Wönig für eine halb szenische Einrichtung, die im intensiven Spiel der Figuren erheblich über das hinausging, was üblicherweise in semikonzertanten Aufführungen zu erleben ist.Die Sänger agierten vor oder neben dem auf der Bühne platzierten Orchester präzise und einander zugewandt. Doch zunächst einmal wurde die verworrene Handlung aus dem alten Rom durch Projektionen auf die steinernen Arkaden der Felsenreitschule entfaltet. Sie geht ungefähr so: Der römische Diktator Silla liebt Giunia, die Tochter des von ihm getöteten Marius. Giunia aber liebt Cecilio, den Silla verbannt hat und fälschlich für tot erklären ließ. Silla will Giunia zur Heirat zwingen, während Cecilio heimlich nach Rom zurückkehrt. Nach turbulenten Verwicklungen, einem vereitelten Attentat und Cecilios drohender Hinrichtung verzeiht Silla am Ende großmütig allen, tritt zurück und gibt im obligaten lieto fine Giunia und Cecilio frei.Ádám Fischer und das Salzburger Mozarteum OrchesterSF/Marco BorrelliDass dem jungen Komponisten für die Vertonung dieser Geschichte in Mailand Sänger ersten Ranges zur Verfügung standen, zeigt sich an den enormen gesangstechnischen Herausforderungen, die er ihnen in großen Arien zumuten konnte. Nur der Darsteller der Titelpartie, der kurzfristig einzuspringen hatte, musste ein wenig geschont werden, und so schrieb Mozart nur zwei anstatt vier Solonummern für ihn. Das kommt der aktuellen Festspielbesetzung durchaus entgegen, denn Giovanni Salas Tenor bleibt im Klang ein wenig stumpf. Die übrigen vier Partien werden von zwar nicht allzu charaktervollen, eher leichten und hellen Stimmen gestaltet, deren Jugendfrische aber sehr gut zu dieser sprühenden Musik passt.Da werden zum Beispiel bei Xenia Puskarz Thomas in der Rolle des Cecilio gleich zu Beginn der Oper die gewagten Intervallsprünge und Koloraturen nicht als technischer Selbstzweck vorgeführt, sondern als Ausdruck der Freude über das bevorstehende Wiedersehen mit seiner Geliebten Giunia („Il tenero momento“). Die wiederum ist seelisch die dunkelste Figur der Oper, ruft in ihrer ersten Arie „Dalla sponda tenebrosa“ die Schatten des toten Vaters und des vermeintlich verstorbenen Geliebten herbei, und auch Nina Solodovnikova gelingt es trotz einiger Schärfen in der Höhe nicht nur Virtuosität auszustellen, sondern das Psychogramm einer leidenden Frau zu entfalten.Wie Mozart dann das Wiedersehen der Geliebten am Ende des ersten Aktes in einem Duett kulminieren lässt, ist ebenso erstaunlich wie der groß angelegte Schluss im Senat des zweiten Aktes, in dem Giunia als eine Figur am Rande des Wahnsinns erscheint, die über einem hastenden Violinmotiv nur noch kurze Satzfetzen hervorstoßen kann – und dann in Koloraturen ausbricht, wenn im Text von „spasimi“, Krämpfen, die Rede ist („Parto, m’affretto“). Verständlich, dass Celia, mit klar geführtem Sopran gesungen von Lilit Davtyan, die ausweglos scheinende Lage der Dinge mit dem tobenden Sturm vergleicht, und Martina Russomanno als Cinna mit kraftvollen Akzenten das Leben der einfachen Hirten dem der Diktatoren entgegenstellt („De’ più superbi il core“).Ádám Fischer und das Mozarteumorchester spitzen in ihrem hellwachen Spiel die Dramatik der Szenen zu, ohne dabei zu forcieren. Frisch und kraftvoll ist das, zupackend, aber nie gewaltsam. Mozart hatte 1772 mit seiner Oper in Mailand großen Erfolg. Einen weiteren Auftrag erhielt er aus Italien nie mehr. Eines der vielen Rätsel in diesem rätselhaften Leben.
Mozarts "Lucio Silla" in Salzburg
Es ist ein Fest: Ádám Fischer und Birgit Kajtna-Wönig bringen bei den Salzburger Festspielen Mozarts frühe Oper „Lucio Silla“ heraus.










