Der Wiener Staatsopernchor und die Wiener Philharmoniker übertreffen sich selbst. Und die Regie von Romeo Castellucci taucht alles in ergreifende Bilder. So war Messiaens Oper vom spirituellen Weg des Franz von Assisi noch nie zu erleben.Eleonore Büning, Salzburg07.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenPhilippe Sly als Franziskus entsagt der Welt und spricht mit den Vögeln.Monika RittershausVor achthundert Jahren starb in Assisi der heilige Franz. Er ist der mit dem Gebet des «Sonnengesangs». Nicht umsonst heisst die Sonderausstellung, die das Salzburger Domquartier ihm zurzeit widmet: «Lebenskunst». Denn dieser volkstümlich gewordene Heilige lebt weiter, bis heute, nicht nur für die diversen Ableger des Franziskanerordens, sondern auch in weltlichen Figuren wie dem verschrobenen Doktor Dolittle, der mit den Tieren spricht. Der Welttierschutztag fällt auf seinen Namenstag.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Für das Libretto hat er acht Franziskus-Legenden in Tableaux gefasst, um die Stationen des spirituellen Wegs eines Menschen aufzuzeigen, der der Welt entsagt und das Paradies auf Erden finden will, in radikaler Armut und Demut. Diese Bettelorden-Botschaft steht zu der Prächtigkeit der musikalischen Mittel, mit der Messiaen sie festlich-feierlich überbringt, in schönstem Widerspruch.Das betrifft nicht nur die opulente Instrumentation. Auch der kompositorische Reichtum ist unerhört. Messiaen greift zurück auf die Archaik von Psalmodie und Pentatonik, bedient sich aber auch diatonisch bei klarem Dur und bei pittoresker Tonmalerei. Zugleich entwickelt er eine eigene rhythmisch variable Da-capo-Technik, die dem Vogelgesang nachgebildet ist und den Minimalismus vorwegnimmt. Von den ersten zarten Glockenklängen an entwickelt diese Musik in ihrer undogmatischen Vielfalt einen Sog, dem sich niemand entziehen kann.Regisseur Romeo Castellucci taucht alles in eindrückliche Bilder.Monika RittershausIn tausendundeiner FarbeEin Orchester von 119 Musikern ist nötig. Kaum, dass es in den Graben passt. Das Schlagwerk, Marimba- und Metallofone, dazu die drei elektronischen Ondes Martenot, die mit ihren Sphärenklängen die Musik der Engel illuminieren, sind seitlich auf den Proszeniumsbalkonen der Felsenreitschule untergebracht. Von den mehr als hundert Chorsängern dagegen ist nichts zu sehen. Sie singen aus dem Off: Der Chor verkörpert die Stimme des Herrn, von dem man sich kein Bildnis zu machen hat.Doch Gott mischt sich persönlich ein ins Geschehen, anfangs sporadisch, mit statuarischer Strahlkraft; in den letzten beiden Tableaux jedoch, die von Stigmatisierung und Tod berichten, entfesseln die Chöre in finaler Steigerung eine elementare Wut.Die erweiterte Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor übertrifft sich selbst an diesem Abend. Das gilt auch für die Wiener Philharmoniker, zu deren Standardrepertoire diese Musiksorte wahrlich nicht gehört. Messiaen ist aber bei Maxime Pascal in den besten Händen. Dieser noch junge Dirigent hat schon reichlich Erfahrung im Umgang mit Musik, die Grenzen sprengt und ihren eigenen Kosmos baut. Davon zeugt der «Licht»-Zyklus von Karlheinz Stockhausen, an dem Pascal seit Jahren intensiv arbeitet.Auch diese Messiaen-Partitur hat er tief durchdrungen. Das Ergebnis ist eine feurige, klare Performance, die alles in den Schatten stellt, was bisher von diesem Werk zu hören war. Bei der legendären Salzburger szenischen Erstaufführung des «Saint François» anno 1992 gab es noch Zweifel an dieser Musik. Nicht die Wiener spielten, sondern das Los Angeles Philharmonic. Und der hochverdiente Dirigent Esa-Pekka Salonen hatte die Sache eher kühl und linear durchtaktiert, dem Zeitgeist entsprechend. Jetzt lebt und atmet und blüht Messiaens Opus in tausendundeiner Farbe.Ein Bild wie das Gemälde eines spanischen Altmeisters: Tortur des heiligen Franz.Monika RittershausAbgründige, ergreifende BilderDavon profitieren die Sänger, allen voran der Bariton Philippe Sly als heiliger Franziskus. Er füllt die kräftezehrende Partie mit artistischem Körpereinsatz, zugleich glaubwürdigem Ernst und lyrisch-warmem Timbre aus. Auch seine Weggefährten: Russell Braun als Bruder Léon, Willard White als Bruder Bernard und Léo Vermot-Desroches als Bruder Massée singen und agieren mit Glaubwürdigkeit. Ebenso der helle Tenor Sean Panikkar als geheilter Leprakranker.Der zweite grosse Idealfall dieser Produktion ist der Regisseur Romeo Castellucci, der zum Stammpersonal des jüngst entlassenen Intendanten Markus Hinterhäuser gehört. Er ist eines jener traumbildmächtigen Bühnentiere, die mit sparsamen Zeichen die Logik alltäglicher Dinge auf den Kopf stellen können und das Unterbewusstsein mobilisieren. Den acht Tableaux der Messiaen-Partitur hat er zwei weitere, musiklose, hinzugefügt.Zu Beginn sieht man, wie ein junger Mann aus gutem Haus seine Familie verlässt und der Welt entsagt. Franz zieht sich nackt aus. Die zweite Pantomime erzählt eine Anekdote, noch kürzer: Franz von Assisi hat den wilden Wolf von Gubbio zum Frieden überredet. Das sieht man nicht. Aber als sich der Vorhang nach der ersten Pause öffnet, sieht man die beiden, verspielt-gelassen, noch gerade eben von der Bühne abgehen. Vermutlich ist der Wolf jetzt vegan.Es gibt auch viele grossartige, trostlos abgründige, ergreifende Bilder, die man kaum aushält. Anfangs wird fröhlich Brot gebacken. Am Ende läuft ein wütender Mob Amok. Dann: die Riesendornenkrone in der Ecke; dieser feuerrot glühende Holzbalken vom Kreuz, den Franziskus herumschleppt. Die Engel, die ihre Flügel verloren haben und von innen heraus verbluten.Zum Schluss grasen Schafe auf dem aufgerissenen Bühnenboden. Unter der schwarzen Erde ist die «Musik des Unsichtbaren» beerdigt worden, die Fidel des Engels und auch der Leichnam des brutal verprügelten, einsam verreckten heiligen Franz.Passend zum Artikel
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