In der neuen Staffel der Science-Fiction-Serie „Silo“ kehrt Tim Robbins als geläuterter Despot zurück. Ein Gespräch mit dem Oscar-Preisträger über gesellschaftliche Kontrolle, Debatten in Bars und die gefährlichsten Menschen der Welt.Als die Verbindung zur Videokonferenz steht, blickt Tim Robbins zunächst nicht in die Kamera, sondern auf sein Telefon. „Äh, hallo! Es tut mir so leid, meine Schwester ist gerade dran“, entschuldigt er sich, während sein Blick zum Display huscht – offenbar amüsiert über eine Nachricht. Dann, lachend: „Ich bitte um Entschuldigung. Das ist sehr unhöflich. Aber jetzt bin ich für Sie da.“ Eine beiläufige Szene – und doch eine, auf die Robbins später selbst zurückkommt, wenn er über die fragwürdige Macht der Smartphones über unsere Aufmerksamkeit spricht.Die dritte Staffel von „Silo“ ist seit dem 3. Juli mit zehn neuen Folgen wöchentlich bei Apple TV zu sehen. Das Finale folgt am 4. September. Die Serie erzählt von einer düsteren Zukunft nach einer Apokalypse, von den letzten Menschen der Erde, die tief unter der Oberfläche in einem Bunker überleben – abgeschottet von einer Welt, deren wahre Geschichte ihnen verborgen bleibt. Robbins spielt Bernard Holland, den despotischen IT-Chef des Silos. WELT: Waren Sie je auf einem Konzert von Peter Gabriel?Tim Robbins: Nein. Ich habe ihn mal kennengelernt, ein bisschen mit ihm gearbeitet. Er ist ein wunderbarer Mann.WELT: In der dritten Staffel der „Silo“-Serie bricht der Weltuntergang just nach einem Auftritt von Peter Gabriel aus, bei dem er auch noch „Here Comes the Flood“ singt. Sein Song über eine imaginierte Katastrophe fällt mit der realen Apokalypse zusammen, die Tausende in unterirdische Silos zwingt. Wie gemein ist das denn?Lesen Sie auchRobbins: (lacht) Tja, wir müssen alle aufpassen, dass wir nicht in einem solchen Szenario landen. An dem Drehtag, als Peter Gabriels Auftritt gefilmt wurde, war ich selbst aber gar nicht am Set. In der Zeitspanne der Serie tritt meine Figur ja erst Hunderte von Jahren nach dem Ausbruch der Katastrophe in Erscheinung.Lesen Sie auchWELT: In den neuen Folgen wird die Vorgeschichte der Apokalypse erzählt, die Anfang des 21. Jahrhunderts ausbricht: Iran hat eine schmutzige Bombe in den USA gezündet; der Vergeltungsschlag schlägt dann auf mysteriöse Weise fehl. Jetzt erscheint die Serie zu einem Zeitpunkt, da die USA und der Iran tatsächlich Krieg führen. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass unsere Realität gerade mit dem Drehbuch von „Silo“ konkurriert?Robbins: Das wirklich Verrückte daran ist ja, dass diese Szenarien bereits in den literarischen Vorlagen, den Büchern von Hugh Howey, geschildert wurden – das erste Buch war 2011 erschienen. Aber das Wichtigste, was ich durch „Silo“ gelernt habe, ist Folgendes: Oft ist das, was man für die Wahrheit hält, nicht die Wahrheit.WELT: Auch das spiegelt sich seit Langem in der Flut von KI-generierten Fake News. Sie haben mal gesagt, Sie seien als Schauspieler fasziniert von Menschen in Machtpositionen und davon, wie sie drastische Entscheidungen dadurch rechtfertigen, dass diese dem Wohl der Allgemeinheit dienen. Der von Ihnen gespielte Bernard Holland, der einen der Silos und seine Bewohner kontrolliert, begründet seine Unterdrückungsmaßnahmen ebenfalls damit, dass er im Interesse aller handele. Ist er für Sie ein Bösewicht – oder ein tragischer Idealist?Robbins: Jeder Mensch in einer Machtposition geht moralische Kompromisse ein – und hält seine Entscheidung meistens für tugendhaft. Inzwischen bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass die gefährlichsten Menschen der Welt tugendhafte Experten sind. Damit meine ich jene Leute, die die Haltung von Regierungen und die Taktiken des Regierens bestimmen. Sie haben oft ein tieferes Verständnis der Zukunft und müssen schwierige Entscheidungen treffen, die sie dann aber mit der Öffentlichkeit nicht teilen wollen, weil sie glauben, diese könne damit nicht umgehen. Das führt immer auf einen schlechten Weg – zur Katastrophe, zum Krieg, zu Ereignissen, die eine Gesellschaft traumatisieren. Deshalb hatte ich immer ein Misstrauen gegenüber Macht.WELT: Holland greift zu Mitteln wie Täuschung, Überwachung, gezielter Tötung und Unterdrückung von Information. In der dritten Staffel kehrt er schwer gezeichnet von Verbrennungen und geläutert zurück, nachdem er erkannt hat, dass er selbst einer Lüge über das Silo aufgesessen ist. Was hat Sie an dieser Wandlung fasziniert – dass Sie Sympathie für diesen Teufel zeigen können?Robbins: Es ist sehr selten, dass jemand diese Welt der Macht unbeschadet übersteht und am Ende moralisch gut dasteht. Man redet sich anfangs zwar ein, dass man tugendhaft ist. Aber letztlich handeln viele doch nur, um selbst an der Macht zu bleiben. Macht korrumpiert und absolute Macht korrumpiert dann noch mal in einem absoluten Maße. Das war schon Thema in griechischen Dramen oder in Stücken von Shakespeare. Wenn ich selbst einen mächtigen Menschen spiele, besteht meine Herausforderung darin, ihm das Menschliche, Menschenwürde, mitzugeben. Ich will keinen klischeehaften Bösewicht erschaffen. Es hat mir deshalb so viel Freude gemacht, diese Rolle wieder zu spielen, weil man sieht, wie dieser Mann endlich begreift, was Wahrheit bedeutet – und auch das alles, was er bis zu diesem Punkt getan hatte, eine Lüge war.WELT: In Staffel drei erfahren wir, dass Algorithmen anweisen, Trinkwasser im Silo mit bestimmten Drogen zu versetzen, damit die Bewohner ihre Erinnerungen verlieren. Als Metapher ist das bemerkenswert. Der Internet-Pionier Jaron Lanier argumentiert seit Jahren, soziale Netzwerke veränderten unser Verhalten und letztlich unsere Identität. Ist der Algorithmus in „Silo“ die extremste denkbare Version dessen?Lesen Sie auchRobbins: Ich nenne Ihnen dazu ein anderes Beispiel. Stellen Sie sich eine Welt vor, in der Regierungen den Bürgern vorschreiben, dass sie ein bestimmtes Medikament nehmen müssen. Und falls sie dieser Aufforderung nicht nachkommen, werden Sie ausgeschlossen und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Genau das war es, was mich an diesem Drehbuch faszinierte – dass es Zustände beschrieb, die sich zu genau jener Zeit, als ich es las, tatsächlich ereigneten.WELT: Sie meinen die Coronamaßnahmen wie Impf- und Maskenpflicht und Versammlungsverbote?Robbins: Ja, wir haben damals eine Erfahrung durchgemacht, die es in dieser Form in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben hat: Gesellschaften auf der ganzen Welt hatten sich abgeriegelt. Heute will niemand mehr darüber reden, dass wir uns zwei Jahre lang quasi siloartig abgeschottet hatten. Stattdessen heißt es: „Lasst uns einfach weitermachen.“ Nun weiß ich aus eigenen Erfahrungen, dass ein traumatisches Ereignis nicht verschwindet, nur weil man es schlicht ignoriert. Die von mir mitgegründete experimentelle Theatergruppe „The Actors‘ Gang“ beispielsweise hat sich in besonderen Projekten mit jenen Kindern beschäftigt, die während der Coronazeit durch die Isolation von anderen Kindern zutiefst traumatisiert wurden. Durch unsere Theaterarbeit konnten wir diese Kinder wieder empfindungsfähig machen, sie beispielsweise dazu ermutigen, so etwas Selbstverständliches wie Blickkontakt aufzunehmen. Was ich damit sagen will: Es gibt einen Weg nach vorn, aber das bedeutet nicht, dass man die Folgen der Coronamaßnahmen ignoriert. Wir müssen uns damit auseinandersetzen. Nur – niemand tut das. Es wäre schon ein gewaltiger Schritt, wenn Verantwortliche das in einer Gemeinschaft überhaupt mal ansprechen würden: „Wisst ihr was, hier lagen wir damals falsch, hier lagen wir richtig.“WELT: Mr. Robbins, vor sechs Jahren sagten Sie, Trump habe einen Geist der Ignoranz und des Hasses freigesetzt. Damals klang das wie eine Warnung. Kommt Ihnen diese Formulierung heute fast nostalgisch vor, weil die politische Realität inzwischen noch unberechenbarer geworden ist?Robbins: Ich glaube, wir sind in eine Fall getappt, die so alt ist wie die Menschheit selbst. Und das gilt nicht nur für die Vereinigten Staaten, das gilt weltweit. Wenn die Macht Menschen dazu bringt, ständig miteinander zu streiten, statt zu begreifen, wie viel sie gemeinsam haben – dann geht das auf das Prinzip „Teile und herrsche“ zurück.WELT: Das Machtprinzip der Antike, als Kaiser und Kolonialmächte Völker gegeneinander ausspielten …Robbins: Ja, nur dass heute die von Ihnen bereits angesprochenen Algorithmen und sozialen Netzwerke dieses Prinzip verstärken, indem sie Menschen in ideologische Blasen sortieren.WELT: Soweit, so bekannt. Wie gehen Sie selbst damit um?Robbins: Ich wehre mich dagegen. Ganz konkret: Ich will in der Lage sein – so wie es früher einmal war –, in eine Bar zu gehen, jemandem, mit dem ich nicht einer Meinung bin, einen Drink zu spendieren und herauszufinden, was ich mit dieser Person gemeinsam habe. Was kann ich von einem Typen an der Bar lernen, der diese komische Mütze trägt? Was ist sein Weltbild? Was ist seine Wahrnehmung? Warum mag er bestimmte Künstler nicht? Ich will es wissen. Dann lerne ich. Wenn ich aber von vornherein sage: „Ich will nicht mit dieser Person reden, weil sie diese komische Mütze trägt“ – dann komme ich nicht weiter. Wenn ich nur in Bars gehe, in denen ich Gleichgesinnte treffe, ist das eine oberflächliche, ignorante Art zu leben. Ich mag es komplizierter. Es ist interessanter.WELT: Sie haben mir mal erzählt, dass Sie bei Projekten Ihrer Theatergruppe in Gefängnissen bewusst Mitglieder rivalisierender Gangs zusammenbringen, um Brücken aufzubauen und Hass abzubauen. Wenn Sie heute auf die politische Kultur der USA schauen: Ist diese Fähigkeit komplett verloren gegangen?Robbins: Ich finde, wenn man so etwas im Gefängnis schafft, schafft man es auch in einer Bar. Es ist nur so, dass uns der Wille fehlt, es überhaupt zu versuchen. Die Algorithmen jedenfalls ermutigen uns nicht dazu, sie leiten uns stattdessen zu unserem kleinen digitalen „Stamm“. In diesem Umfeld sollen wir uns gut fühlen, wir bestätigen uns, dass wir selbst tugendhaft sind – und die anderen nicht. Dabei haben Menschen grundsätzlich viel gemeinsam. Ich bin jetzt an einem Punkt in meinem Leben angelangt, an dem ich das alles nicht mehr mitmache. Ich werde nicht morgens aufwachen und Menschen hassen, nur weil mein „Stamm“ sagt: „Hasse das halbe Land, weil das alles schlechte Menschen sind.“ Ich bin nicht fähig, 60 Millionen Menschen zu hassen. Ich kann das nicht. Können wir also herausfinden, wie wir künftig nicht mehr in diesem permanenten Zustand aus Wut, Spaltung und selbstgerechtem Glauben an die eigene Lebensweise leben? Das ist ein Narrenspiel. Wir sollten alle einfach diese Dinger hier nehmen (zeigt auf sein Smartphone) und entweder aufhören, sie zu benutzen oder sie in den Fluss werfen, weil sie uns nichts Gutes tun.WELT: Sie galten lange als Hollywood-Aktivist mit einer klaren liberalen Haltung, haben sich immer wieder für Menschenrechte oder gegen die Todesstrafe eingesetzt. Hat sich Ihr Blick auf die Welt verändert?Robbins: Nein, ein Gespräch mit Andersdenkenden in einer Bar bedeutet nicht, dass ich verändert hätte, wer ich bin oder dass ich heute politisch anders denke. Ich glaube immer noch, dass ich heute derselbe Mensch bin, der ich war, seit ich ein junger Mann war. Ich habe nur inzwischen begriffen – auch dank der Erfahrungen, die ich mit meiner Theatergruppe in Gefängnissen machen konnte – dass man nicht einfach so in einen Raum gehen, selbstgerecht sein und glauben kann, auf diese Weise irgendetwas zu erreichen. Man muss nicht nur Gefängnisinsassen mit Demut begegnen und fragen: „Wie finden wir eine gemeinsame Basis, damit wir nicht jedes Mal in einer Schlägerei landen, damit wir nicht versuchen, unsere Probleme durch Gewalt zu lösen?“ Und dieses Prinzip sollte auch in der Politik und Gesellschaft gelten. Das muss die Rechte in Bezug auf die Linke berücksichtigen, und die Linke muss es in Bezug auf die Rechte tun.WELT: Die Chat-Funktion in unserem Videocall läuft gerade über mit Kommentaren Ihrer Mitarbeiter, die mich schon seit Minuten drängen, ich solle endlich zum Schluss kommen …Robbins: Das ist zu schade. Ich wollte noch etwas Wichtiges hinzufügen – und deshalb überziehen wir jetzt ein bisschen. Keine Sorge, das kriegen wir hin. 2024 war ich mit meinem Theaterstück „Topsy Turvy“ (auf Deutsch: Drunter und Drüber) auch in Teilen von Osteuropa auf Tour, die früher zum Ostblock gehörten.WELT: Sie schrieben es während des Lockdowns. Es geht um eine von Keimen befallene Gemeinschaft, um Themen wie Spaltung, Vertrauen, Vergebung und die Frage, wie Gesellschaften ihre gemeinsame Stimme wiederfinden können, nachdem sie durch Isolation auseinandergerissen wurden.Robbins: Ich habe die Zuschauer gefragt: „Wie habt ihr diese Unterdrückung und Überwachung damals überstanden?“ Sie antworteten: „Wir wussten, wie man nach außen hin den Eindruck vermittelt, als würde man sich allem fügen – und sich in Wahrheit eben doch nicht fügt. Wir wussten, wie man frei bleibt, obwohl wir nicht frei waren.“ Das war eine gewaltige Lektion für mich. Dann wollte ich von ihnen wissen, ob es heute noch etwas gäbe, das sie an die Zeit der Sowjetunion erinnere. Mehrere Leute sagten: „Cancel Culture.“ Ich fragte: „Warum?“ Sie erzählten mir dann, dass in der Sowjetunion über fast jeden Akten geführt wurden, und es jedem einigermaßen gut ging, solange er sich fügte. Aber von dem Moment an, da man aus der Reihe tanzte, die Obrigkeit infrage stellte, wurde etwas aus der Vergangenheit enthüllt und dein Leben zerstört. Weil beispielsweise in Akten etwas über eine Affäre vor 20 Jahren mit einer Sekretärin stand. Und dann wurde es an die Öffentlichkeit gezerrt, mit dem Ziel, dein Leben, deine Familie, deine Beziehungen und deine Karriere zu zerstören. Es wurde öffentlich ein Exempel statuiert, damit niemand sonst es wagte, die Partei zu kritisieren. Die Zuschauer sagten mir dann: „Dasselbe passiert heute mit der Cancel Culture, es fühlt sich genauso an wie damals.“ Da haben Sie es. Und trotzdem halten wir Cancel Culture für tugendhaft – nur dass sie das eben nicht ist, weil sie auf Vergeltung aus ist, sie ist hässlich. Cancel Culture kontrolliert unser Verhalten heute so, wie es früher in autoritären Gesellschaften der Fall war.Zur PersonDer am 16. Oktober 1958 in kalifornischen West Covina geborene Tim Robbins wuchs im New Yorker Greenwich Village auf und studierte Schauspiel an der University of California, Los Angeles. Sein Vater Gil war Folksänger. 1988 lernte er bei den Dreharbeiten zu „Annies Männer“ (1988) die zwölf Jahre ältere Susan Sarandon kennen, mit der er 21 Jahre liiert war und zwei Söhne hat. Zu seinen größten Erfolgen zählen „The Player“ (1992) und „Die Verurteilten“ (1994). Für „Mystic River“ (2003) erhielt er 2004 den Oscar als bester Nebendarsteller, für „Dead Man Walking – Sein letzter Gang“ (1995) eine Regie-Oscar-Nominierung. Seit 2023 spielt er in der Apple-TV-Serie „Silo“ den IT-Chef Bernard Holland. Von 2017 bis 2022 war er mit Gratiela Brancusi verheiratet.